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Vor dem Kollaps

Die Zukunft des Verkehrs in der Region

Autofahren ist die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen – sagt man. Und trotz zunehmender Staus scheint es immer noch zu attraktiv. Oder anders gesagt: der Öffentliche Nahverkehr ist (ÖPNV) noch zu unattraktiv. Das muss anders werden, sagt die Regionale Entwicklungsstrategie (RES) des Landkreises.

Landkreis –Die Verkehrsbelastung durch Pendler hat gigantische Ausmaße angenommen. Regelmäßig ist die Rede von einem Mega-Stau. „Wenn entweder die B 2 oder die B 471 gesperrt werden, kollabiert das System“, sagt Hermann Seifert, Experte für den Öffentlichen Personennah-Verkehr (ÖPNV) im Landkreis. Das Problem: der von ihm organisierte straßengebundene Nahverkehr kollabiert dann gleich mit. Denn Busse stehen genauso im Stau wie die Autos.

Wer denkt, dass Seifert deswegen den Ausbau der Straßen forciert, der irrt. „Das Motto kann nur heißen: Schiene ertüchtigen geht vor Straßen ausbauen“, so Seifert. Denn der vielerorts propagierte Bau von Umgehungsstraßen bringe meist nur kurzfristige Entlastung für die Gemeinde. „Da durch die Umfahrung zusätzlicher Verkehr angezogen wird, erhöht sich längerfristig auch wieder die Belastung im Zentrum der umfahrenen Gemeinde“, so der Kommentar dazu in der RES. Problem in diesem Zusammenhang für den ÖPNV: Mit dem Auto wird auch der Bus langsam. und dann steigt keiner mehr um.

Seine Forderung daher an die Verkehrsplaner: die Busse wenigstens priorisieren. Helfen könnten hier Vorrang-Ampelschaltung oder Busschleusen. Das sind quasi Einfädelspuren, die es Bussen ermöglichen, als erstes an der Ampel zu stehen. Hermann Seifert erweist sich als Sekundenjäger: Ein Fahrkartenkauf übers Handy sei besser als das Einkaufen beim Busfahrer.

In der Entwicklungsstrategie wird außerdem vorgeschlagen, weniger öffentliche Auto-Stellplätze zu schaffen. Parklizenzbereiche und vermehrt gebührenpflichtige Stellplätze sollen das Autofahren unattraktiver machen. Als Problem weiterhin gilt das radial auf München ausgerichtete Verkehrsnetz. Dieses gelte es aufzubrechen. Denn Umfragen hätten ergeben, dass 67 Prozent der Fahrten dem Einkaufen oder der Freizeitgestaltung dienen. Als wichtig gelten außerdem Tangentiallinien zwischen S-Bahnästen, auch über die Landkreisgrenzen hinaus. Seifert räumt ein, dass da nicht unbedingt alle Nachbarn mit gleicher Dynamik mitziehen. Trotzdem: Eine Tangentialverbindung nach Starnberg gibt es bereits, eine weitere soll im Dezember folgen. Sie wird nach Seefeld-Hechendorf (Grafik) führen. In der Planung ist bereits eine Linie von Grafrath nach Egling (Kreis Landsberg) mit Verbindung zur Ammerseebahn.

Linien sind das eine, die Haltestellen auf den Linien das andere, erklärt Seifert. Denn einige eignen sich auch für „intermodale Drehscheiben“, wie es im Fachjargon heißt. Die Mobilitätsplaner verstehen da nicht nur die Verknüpfung von Bus und Schiene, sondern auch den Ausbau der Drehscheibe selbst: „Neben Einkaufsmöglichkeiten könnte es da auch Elektro-Tankstellen geben, wo man sein Pedelec aufladen kann“, so Monika Beirer, Seiferts Stellvertreterin und frühere Klimaschutzmanagerin des Landkreises.

Schlüssel für eine attraktive Mobilität im Großraum München bleibt aber die S-Bahn. Gefordert hier: Taktverdichtung, Regionalzughalte und Express-S-Bahnen.

Weil nicht alles so zügig geht wie die Einführung einer neuen Buslinie, sind für die ÖPNV-Stabsstelle Visionen das A und O. Es möge sehr kühn anmuten, von einer Trambahn quer durch den Fliegerhorst zu reden, heißt es – zumal für eine sinnvolle Auslastung mindestens fünf- bis siebentausend Fahrgäste notwendig sind. Aber die Trambahn – im Gespräch ist eine Linie zwischen Bruck und Gernlinden – hätte einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Bussen: sie wäre nicht stauanfällig und hätte eine höhere Akzeptanz.

Mit einer anderen Vision ist es Seifert und den RES-Verfassern genauso ernst: der viergleisige Ausbau der S 4. Ja, vier Gleise. Denn im Jahr 2050 werde der Verkehr von S-Bahnen, regionalen und internationalen Zügen samt Güterverkehr auf drei Gleisen, von denen jetzt gerade einmal die Rede ist, nicht zu packen sein. „Und Visionen muss man in unserem Geschäft haben“, sagt Seifert. (mjk)

Die Serie

Unter Federführung des Landratsamts wurde die Entwicklungsstrategie entwickelt. Das Tagblatt greift die Themen auf.

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