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Deutschunterricht in der Dependance.

Die Ehrenamtlichen und die Dependance

Fursty: Alltagsszenen aus der Asyl-Unterkunft

Fürstenfeldbruck - Weit über 1000 Flüchtlinge aus aller Herren Länder leben in der Erstaufnahme-Einrichtung am Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst. Über 100 Ehrenamtliche aus der Kreisstadt und der Umgebung betreuen sie. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Drei Helfer erzählen vom Alltag in der Dependance – und von ihren Nöten.

Allein schon ein Blick auf den Kalender der Ehrenamtlichen verrät, was in der Unterkunft am Fliegerhorst jeden Tag geleistet wird. Ein Kurs jagt den nächsten: Deutsch- und Englisch-Angebote, Tischtennis, Fußball, Computertrainings, natürlich die Kleiderkammer und die Kinderbetreuung – das Ganze in stetiger und regelmäßiger Wiederholung, immer wieder.

Die Flüchtlinge wechseln ständig

Spielplatz am früheren Unteroffizierheim: Der bei den Kindern äußerst beliebte Platz wurde von der Regierung immer mehr erweitert, zuletzt um dieses Gerät. Um während der Aufbauphase gefährliche Situationen zu vermeiden, wurde ein Zaun aufgestellt.

Die Helfer helfen, weil sie es können und weil ohne sie ganz zweifellos Land unter wäre in der Dependance, die derzeit zudem noch erweitert wird. Denn die zuständige Regierung von Oberbayern bietet nur Unterkunft, Essen und ärztliche Versorgung. Die soziale Betreuung obliegt der Caritas, die aber so viele Leute, wie eigentlich nötig wären, nicht aufbieten kann.

Dabei unterscheidet sich die Aufgabe der Fursty-Ehrenamtlichen von der Arbeit der vielen hundert Helfer in den kleineren Unterkünften deutlich. Denn im Fliegerhorst ist eine Dependance der Münchner Erstaufnahme-Einrichtung untergebracht. Sprich: Der Löwenanteil der Flüchtlinge bleibt dort nur kurz, bevor er auf andere Heime verteilt wird. Für die Helfer heißt das, sich auf immer neue Menschen einzustellen und immer wieder von vorne anzufangen. Ist ein Stein den Berg einmal hinaufgerollt, dann liegt er auch schon wieder unten und muss neu bewegt werden.

Auf der Wiese wird fleißig gekickt

Etwas in Bewegung bringen – das ist genau die richtige Aufgabe für Dirk Hasenjaeger. Er kümmert sich mit mittlerweile 15 Helfern um den Sport in Fursty. Dazu gehört natürlich auch, erstmal das Nötige zu besorgen. Hasenjaeger hat einige ältere Fitnessgeräte zusammengesammelt. Der Brucker Sportverein TuS hat Tischtennisplatten geliefert. Auch ein paar Tischkicker stehen inzwischen zur Verfügung. Die Basketballkörbe vom Brucker Tanzstudio im Außenbereich sind inzwischen leider kaputt. Einen haben wohl Flüchtlinge ramponiert, ein anderer wurde bei dem Polizei-Einsatz wegen der aufgebrachten Syrer in Mitleidenschaft gezogen. Ersatz aber ist bereits in Sicht.

Dieses Schild weist den Weg zum Deutschunterricht.

Als Segen empfindet Hasenjaeger die große Wiese, die seit einigen Wochen zur Dependance gehört und damit für die Flüchtlinge frei zugänglich ist. Hier wird gebolzt, was das Zeug hält. Es gibt sogar zwei richtige Tore. Gerade afrikanische Männer nutzen diese Möglichkeit. Dabei wird aber nicht wild gekickt. Einer der Flüchtlinge gibt regelmäßig den Schiri, sogar zwei Linienrichter werden jeweils eingeteilt – und das ist auch gut so. Denn unter den teils heißspornigen jungen Männern kann die Stimmung je nach Spielverlauf schon mal explodieren. Der TuS wird demnächst verschiedenfarbige Trikots spendieren, damit sich die Mannschaften unterscheiden.

So funktioniert der Deutschunterricht

So wichtig der Sport für die Flüchtlinge ist, um gegen Leere und Langeweile des Wartens auf eine ungewisse Zukunft anzukämpfen, die Organisation des Alltags in der Unterkunft geht natürlich vor. Und so müssen sich die Tischtennisspieler den Raum mit der Geldausgabe teilen. Dort, wo sie ihre Platten aufstellen, warten zu den Ausgabezeiten die Asylbewerber, bis sie am Schalter an der Reihe sind.

Das heißt immer wieder auf und abbauen für Hasenjaeger und seine Mitstreiter. Doch Besserung ist in Sicht: Frühestens im März wird es neue Räume geben. Das wäre auch aus einem anderen Grund sehr wünschenswert. Denn momentan kann Hasenjaeger nur dann Tischtennis anbieten, wenn im hinteren Bereich des Saals nicht gerade Deutsch unterrichtet wird. „Uns würde der Unterricht nicht stören“, schmunzelt der Helfer. „Wir aber vermutlich den Unterricht.“ Denn beim Tischtennis kann es schon mal lebhaft zugehen.

Dagegen brauch Gaby Dawid naturgemäß Ruhe für ihr Angebot. Die Grundschullehrerin ist eine der ehrenamtlichen Sprachlehrerinnen. Sie versucht in Fursty den Flüchtlingen erste Grundbegriffe beizubringen und erste Möglichkeiten zur Kommunikation mit Deutschen zu eröffnen. Zu jeder Stunde gehört beispielsweise Unterricht im Grüßen, im Sich-Vorstellen und darin, wie man etwas über sich erzählt und wie man Fragen stellt. Dabei werden auch Werte vermittelt, also beispielsweise Pünktlichkeit, Ordnung und dass man keinen Müll liegen lässt.

Eine Jacke ist eine Jacke

Den Flüchtlingen in der Brucker Erstaufnahme-Einrichtung das Alphabet zu lernen, wäre indes sinnlos. Sie bleiben einfach nicht lange genug. Wie aber unterrichtet man gleichzeitig Menschen aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan? Man wirft ein Bild, etwa von einer Jacke, an die Wand, spricht den Kursteilnehmern das deutsche Wort dafür vor und lässt es sie wiederholen, bis sie es einigermaßen können. Garniert wird dieser Basis-Unterricht mit ersten kleineren Grammatik-Einheiten. Im Fall der Jacke etwa mit den Wörtern „ich brauche“.

An neuen Ideen wird gearbeitet

Oft weiß Gaby Dawid nicht, ob ihre Arbeit auch Früchte trägt. Manchmal aber schon – und das freut sie dann besonders. Trotz des ständigen Wechsels hat sie schon Rückmeldungen von verlegten Flüchtlingen bekommen. „Die haben mir geschrieben, dass sie hier Grundlagen gelernt haben, die ihnen das erste Zurechtfinden in Deutschland erleichtert haben. Das ist schon viel wert.“

Schade sei, dass es zu wenige Dolmetscher gebe, um auch die zu erreichen, die nicht bereits Grundkenntnisse in Englisch oder Französisch haben. Eine Lösungsmöglichkeit: Man könnte anerkannte Flüchtlinge dafür gewinnen. Daran werde gearbeitet.

Eines ihrer Ärgernisse – nehmen wir es als Beispiel für viele andere kleine Schwierigkeiten – verschweigt Gaby Dawid nicht: Der Hausmeister der Dependance beispielsweise darf ein kaputtes Schloss an einem Spind mit Unterrichtsmaterialien nicht reparieren. Denn er ist ausschließlich für die Aufgaben der Regierung zuständig, nicht für die Belange der Ehrenamtlichen. „Dabei hätte der das Schloss sicher in kürzester Zeit gerichtet.“

Dicke Bretter gebohrt hat auch Volker Werbus. Der IT-Fachmann hat Fursty das WLAN gebracht – gegen den anfänglichen und länger währenden Widerstand der Verantwortlichen. Erst nach einem wahren E-Mail-Krieg wurde die Dependance zum WLAN-Pilotprojekt erklärt.

Glückliche Augen sind die Währung

Jetzt funktioniert das Netz. Wer es benützen will, muss sich an Regeln halten. Neu ankommende Flüchtlinge müssen sich bei Werbus und seinen Mitstreitern registrieren lassen, dann bekommen sie für ihre Smartphones einen freien Zugang.

Gerade in der Erstaufnahme sei das extrem wichtig, sagt Werbus, der auch dem Verein „Refugees Online“ vorsitzt. Denn hier kommen die Menschen nach ihrer Flucht erstmals einigermaßen zur Ruhe und suchen Kontakt zu Freunden und Familie zuhause. 300 Nutzer sind immer gleichzeitig online, praktisch rund um die Uhr. Dabei nutzen sie nicht nur Facebook, Skype oder Viber. Manche Flüchtlinge schauen sich auch einfach Musikvideos aus der Heimat an. Angesichts des Internet-Zugangs vor Dankbarkeit leuchtende Augen – das ist die Währung, in der Volker Werbus in Fursty rechnet.

Enttäuscht dagegen ist er, weil er einen neu geschaffenen Computerraum – die gespendeten Rechner stehen fertig da – auf Bitten der Verantwortlichen nicht mehr betreiben kann. Der Grund: Auf dem Weg zum Kurs haben sich einige Flüchtlinge in die im gleichen Gebäude gelegenen Büros und in den Keller verirrt.

Wenn ein Nägelchen zum Problem wird

Erst im März sollen neue Räume zur Verfügung stehen. Jetzt aber kommt der Winter und die Beschäftigungslosigkeit der Fursty-Flüchtlinge wird größer. Dabei wären die Rechner – sie sind mit Kopfhörern ausgestattet – zum Deutschlernen bestens geeignet, sagt Werbus. Er musste sich auch schon wegen anderer Dinge mit den Verantwortlichen herumschlagen. Etwa damals, als er es wagte, zum Anbringen eines Kabels in den denkmalgeschützten Räumen ein Nägelchen in einen Fensterrahmen zu schlagen. Die Sache mit dem Computerraum ließ sich übrigens von der Redaktion objektiv nicht vollständig klären. In der Pressestelle der Regierung geht man davon aus, dass der Raum zwei Stunden am Tag benutzt werden kann.

Dirk Hasenjaeger

Der Genehmigungsmarathon auf dem Weg zur Netzverbindung hat Werbus vor allem gezeigt: Man müsste eine WLAN-Mustererlaubnis erarbeiten, die dann auch für andere Unterkünfte als Vorbild dienen kann. So viel die Ehrenamtlichen auch schaffen: Hier aber enden ihre Möglichkeiten. Für derartige Aufgaben bräuchte man wohl einen Juristen.

Ehrenamtliche Helfer

werden in den verschiedensten Bereichen in der Dependance ständig gesucht. Interessenten können sich bei Dirk Hasenjaeger unter der E-Mail-Adresse dirkhasenjaeger@me.com melden.

(st)

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