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An seinem 80. Geburtstag setzte sich Andreas Höpfl zum letzten Mal hinters Steuer eines großen Reisebusses. Viele Freunde und ein bisschen Wehmut fuhren mit.

Letzte Fahrt

Abschied eines ungewöhnlichen Busfahrers

In einem Alter, in dem andere sich längst lieber chauffieren lassen, saß Andreas Höpfl noch am Steuer eines großen Reisebusses. Erst an seinem 80. Geburtstag brach er zu seiner endgültig letzten Fahrt auf – als Passagiere waren Freunde und Weggefährten dabei. Andreas Höpfl wusste so manche Geschichte aus seiner 33-Jährigen Berufspraxis zu erzählen.

Ein bisschen Wehmut kam schon auf, als der Geltendorfer zum allerletzten Mal an der Tür stand, und seinen Passagieren beim Aussteigen behilflich war. Aber Höpfls Entscheidung ist endgültig. Er wird seinen Personenbeförderungsschein nicht mehr verlängern lassen, der turnusgemäß nach fünf Jahren ausläuft.

Mit zwölf Metern war der Bus der Abschiedsfahrt in etwa so lang wie sein allererstes Gefährt. Als junger Bursch noch ohne Führerschein steuerte er den Nachläufer eines Langholztransporters, den sein Onkel mit einem Lanz Bulldog zog.

Viel herumgekommen ist der Geltendorfer mit seinen Bussen. Dieses Foto entstand in Prag.

Dazwischen liegen 65 Jahre Fahrpraxis und geschätzt fünf Millionen Kilometer. „Dabei hab ich mir keinen einzigen Flensburg-Punkt eingefangen und auch keinen Verkehrsunfall selbst verschuldet.“ Das betont Höpfl nicht ohne Stolz. Es begann noch vor seinem Autoführerschein mit dem 2er LKW-Schein, den er neben der Landwirtschaftsschule gemacht hatte. „Als erstes bin ich als Kieskutscher durch die Landkreise gefahren, später für eine Kartonagenfabrik“.

Irgendwann wurde er des LKW-Fahrens überdrüssig. Dann kam Andreas Höpfl zum Busfahren. 1985 lieh er sich einen Bus aus, fuhr damit nach München (Busfahren darf man ohne Fahrgäste auch mit dem 2er Schein), und stellte sich als einziger ohne Begleitung eines Fahrlehrers zur Prüfung vor. „Deswegen hat es auch länger gedauert als bei den anderen Aspiranten“, erinnert sich der 80-Jährige. In den engen Gassen des Münchner Glockenbach-Viertels musste er manche Schikane meistern. Aber er bekam den Schein.

Bei seiner ersten Tour mit Passagieren und bei seiner letzten chauffierte er die Mitglieder des Feuerwehrvereins. Dessen Vorsitzender war er 23 Jahre lang. „Damals ging’s ins Altmühltal, wo wir heute hinfahren, hat er uns nicht verraten“, erzählen Ewald und Johanna Kapfhammer vor Fahrtbeginn.

Diesmal ging’s nach Rattenberg in Österreich. Und neben den Kapfhammers waren viele andere Freunde und Verwandte eingeladen. „Er war nie pünktlich aber immer sehr gesellig und wusste bei jeder Wirtschaft einen Parkplatz, wo er den Bus samt Anhänger im Auge hatte“, erinnert sich das Ehepaar.

Höpfls weiteste Fahrt ging nach Rom. Auch sonst ist er viel rumgekommen und hat einiges erlebt. Zu Zeiten der Grenzkontrollen wurde er einmal unfreiwillig zum Mitwisser, als Fahrgäste ein Fass Wein aus Südtirol schmuggelten. „Das war ein Pfarrgemeindeausflug und der Pfarrer hat seinen Leuten eingeschärft, sich bei der Kontrolle nicht beim Rosenkranzbeten unterbrechen zu lassen“, erzählt Höpfl.

Die List hat funktioniert – anders als das Exportieren einer größeren Menge von Weißwürsten nach Österreich. Da mussten die Beschenkten zur Grenze kommen und das Mitbringsel mit denen, die es mitbringen wollten, an Ort und Stelle verzehren. Nur so kam man um’s Verzollen herum.

Sind gerne mitgefahren: Ewald und Johanna Kapfhammer schätzten Höpfls heitere Art und seine Erfahrung.

Vieles hat sich in den Jahren von Höpfls Busfahrerleben geändert, nicht nur die Praxis der Grenzkontrollen. Die modernen Reisebusse sind dreiachsig und haben vom Navi bis zu den Abstandhaltern jede Menge Assistenzsysteme. „Bis der Bordcomputer in der Früh alles gecheckt hat, dauert es halt etwas“, stellt Höpfl fest. Aber immerhin muss er heute kein Ersatzrad oder gar einen Luftbalg wechseln. Weil der Verkehr viel dichter und auch aggressiver geworden sei, würde einem dabei heutzutage auch keiner mehr helfen.

Vom Schienenersatzverkehr über Schulbusse bis zu mehrtägigen Reisen ist Höpfl, der nebenbei immer noch seinem Sohn in der Landwirtschaft hilft, alles gefahren. Am liebsten waren ihm „gmiatliche Tagesfahrten“ ohne Terminstress, bei denen er seine Fahrgäste nicht mit trockenen Vorlesungen zu geschichtlichen-kulturellen Hintergründen, sondern mit Gaudi und Sprüchen unterhalten hat.

Dabei scheute der 80-Jährige auch fahrerisch anspruchsvolle Serpentinen nicht. „Interessant wird es auf den Strecken, wo die Leitplanken fehlen, weil der Bus den Überhang braucht, damit er um die Kurve kommt“, so Höpfl. Überhaupt nicht gefallen haben ihm dagegen die 16-stündigen Fahrten zum Transport der Frankreich-Skifahrer. Und Fullballfans wollte er wegen abzusehendem Remidemi auch nicht kutschieren.

„Ich hab Andreas Höpfl sehr geschätzt, weil er auch in der Früh um sechs spontan für einen anderen eingesprungen ist“, sagt Siggi Boos aus Inning. Für den war Höpfl die vergangenen 20 Jahre als zuverlässige Aushilfe tätig. „Er wollte immer den großen Bus fahren und hat diesen voll im Griff gehabt“, so Boos weiter.

Busfahren wird Andreas Höpfl auch weiterhin – aber nicht mehr vorne links hinterm Steuer, sondern inmitten anderer Reisender, gemütlich in den Sitz gelehnt. Und wenn er nicht unterwegs ist, dann schraubt er an seinen beiden Oldtimern rum, die bei ihm in der Garage stehen.

von Max-Joseph Kronenbitter

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