„Die vollständige Karte der Welt“: Das Original des Holzblockdrucks von 1674 hängt im Asian Art Museum in San Francisco. Bruder Alto Schmid steht vor einer Kopie, die 1860 in Korea entstand und auf unbekannten Wegen nach St. Ottilien kam.
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„Die vollständige Karte der Welt“: Das Original des Holzblockdrucks von 1674 hängt im Asian Art Museum in San Francisco. Bruder Alto Schmid steht vor einer Kopie, die 1860 in Korea entstand und auf unbekannten Wegen nach St. Ottilien kam.

St. Ottilien

Schätze aus den Heimatmuseen: Kostbares Weltbild aus dem Jahr 1674

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Im Missionsmuseum in St. Ottilien hängt die Kopie einer wertvollen Weltkarte von 1674. Darauf gibt es Erstaunliches zu entdecken: zum Beispiel ein Einhorn und das „Land der grünlichen Leute“.

St. Ottilien – Amerika ist zu klein, die Küstenlinie von Australien ungenau. „Die vollständige Karte der Welt“, gefertigt von einem flämischen Jesuiten namens Ferdinand Verbiest im Jahr 1674, ist ein Spiegel des geographischen Wissens der damaligen Zeit. Das Original des Holzblockdrucks hängt im Asian Art Museum (Museum für asiatische Kunst) in San Francisco. Das Kloster St. Ottilien besitzt eine Kopie, die 1860 in Korea entstand und zu den wertvollsten Exponaten des Missionsmuseums gehört.

Verbiest kam Mitte des 17. Jahrhunderts nach Peking. Als vielseitig begabter Mathematiker und Astronom wurde er Hofberater des chinesischen Kaisers Kangxi. Das Interesse an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Europäer war groß. Der chinesische Hof nutzte die Dienste der Missionare auch dazu, die eigene politische Macht zu festigen.

Missionsmuseum St. Ottilien: Globus als zwei Halbkugeln

Der Gelehrte Verbiest legte seiner Darstellung der Welt die damals neusten europäischen Kartenwerke zugrunde, allerdings in einer politisch klugen Verneigung vor dem Gastland. Er zeichnete den Globus als zwei Halbkugeln, platzierte China in der Mitte und ließ den Nullmeridian durch Peking verlaufen.

Umgeben ist die Karte von Textblöcken, in denen Verbiest einzelne Länder beschreibt, geographische und meteorologische Phänomene erklärt, die Entdeckungen der vorangegangenen 200 Jahre darstellt und verschiedene Tiere vorstellt. Insbesondere solche, die in China weitgehend unbekannt waren, fügte er in Zeichnungen hinzu, darunter das Nashorn und den Truthahn.

Die Texte spiegeln die damalige Weltsicht wieder. Es mischen sich Fakten und Phantasie. Neben tatsächlich existierenden Ländern, Flüssen, Meeren, Bergen und Vulkanen schreibt Verbiest von einem „Land der grünlichen Leute“, in dem die Bewohner eine grüne Hautfarbe haben, nackt herumlaufen und nur ihren Mund mit Stoff oder einem Blatt bedecken. Auch ein Einhorn taucht auf der Karte auf.

Missionsmuseum St. Ottilien: Kopie der Karte entstand in Seoul

Als wichtigste Passage gilt Verbiests Text „Über die Menschheit“. Darin beschreibt er die menschliche Natur und erklärt, dass Christentum und Konfuzianismus nicht im Gegensatz zueinanderstehen, sondern miteinander harmonieren können. Darüber hinaus vermittelt er Wissen über die europäische Seefahrt – über Ausstattung und Besatzung der Schiffe, die Beleuchtung bei Nacht und die Navigation mittels Kompass. Afrika und Europa werden beschrieben in Bezug auf Wohlstand und Fruchtbarkeit der Länder, Heiratsbräuche, Hausbau und Wissenschaften. Insbesondere weist Verbiest darauf hin, dass alle Menschen in Europa Christen seien.

Fast 200 Jahre später entstand in Seoul eine Kopie der Weltkarte. Koreanische Gelehrte waren damals interessiert an einem Austausch mit China und kamen auf diesem Wege auch mit dem Christentum in Kontakt.

Die Mönche aus St. Ottilien erreichten Korea Anfang des 20. Jahrhunderts und bauten dort Missionsstationen auf. Wie allerdings die Kopie von Verbiests Weltkarte nach St. Ottilien kam – das ist bis heute ungeklärt.

Die Serie

zeigt besondere Ausstellungsstücke aus Heimatmuseen der Region – als Ersatz für Museumsbesuche, die wegen der Pandemie derzeit nicht möglich sind. Auch interessant: Schätze aus dem Heimatmuseum: Ein tönerner Stempel aus der Bronzezeit

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