Franz Thoma (unten) richtete den ersten Poetry Slam aus. Sieger wurde Fynn Hänichen (l.), Maron Fuchs moderierte.
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Franz Thoma (unten) richtete den ersten Poetry Slam aus. Sieger wurde Fynn Hänichen (l.), Maron Fuchs moderierte.

Virtuelle Premiere

Transgender-Dichter begeistert bei Poetry Slam

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Coronabedingt fand der erste Geltendorfer Poetry Slam virtuell statt - und erreichte damit sogar Menschen aus Bonn. Sieger war am Ende der Transgender Fynn Hänichen.

Geltendorf - Er hat sie versteckt, eingeschnürt, gehasst. Erst seit er sie endlich los ist, fühlt er sich nicht mehr unfrei und wertlos. Mit einem schonungslos offenen Text über seine Brüste begeisterte Transgender Fynn Hänichen das Publikum beim ersten Geltendorfer Poetry Slam.

Hätte dieser nicht coronabedingt virtuell stattfinden müssen, hätten die Zuschauer im „Röstwerk“ dem Medizinstudenten aus dem benachbarten Eresing vermutlich frenetisch applaudiert. So aber saß jeder der rund 60 Teilnehmer an der Online-Veranstaltung bei sich daheim und konnte nur durch stummen Gebärdenapplaus seine Begeisterung kundtun.

Dafür erreichte der Dichter-Wettstreit ein größeres Einzugsgebiet, als es bei einer Präsenzveranstaltung der Fall gewesen wäre. Aus ganz Bayern, aus Bonn und aus Trier verfolgten Poetry-Fans, wie sechs ganz unterschiedliche Dichter um den eigens ausgelobten Preis, die „Kecke Bohne“, kämpften.

Der Bezug zum eigentlichen Zweck des Röstwerks ist offensichtlich. Dessen Inhaber Herbert Schneider hat großen Respekt vor der Arbeit der Kaffeebauern. Deshalb achtet er darauf, auch noch die letzte Bohne aus den Kaffeesäcken zu holen, bevor er die Röstung startet. „Die Namensstifterin hat er aus dem Rupfensack in die gerade angelaufene Maschine geworfen. Sie ist dann noch einmal hochgesprungen, war also eine besonders kecke Bohne“, berichtete Franz Thoma zu Beginn der Veranstaltung.

Die sechs teilnehmenden Poeten meldeten sich jeweils aus ihren heimischen vier Wänden. Anna Münkel aus Zankenhausen slammte über Eingesperrtsein und Gier. Das Landsberger Kabarett-Duo „Zum Blauen Veilchen“, bestehend aus Monica Calla und Sybille Engels, brach die großen Themen Klimawandel und Umweltzerstörung auf eine persönliche Ebene herunter. Max Heinz, ein Student aus Trier, widmete sich dem Wunsch nach Achtsamkeit und dem Gedankenfluss, der ihn immer wieder aus der Gegenwart entführt.

Der Anblick eines Eimers „Estrich innen“ hatte Andreas Walch, ehemals Lehrer am Gymnasium St. Ottilien, zu seinem Text übers Gendern inspiriert, während Katharina Salzberger in „Aprilwetter“ über Stimmungen und Zukunftssorgen reflektierte.

In zwei Runden hängte Fynn Hänichen sie alle ab. Wie er im Körper einer Frau zur Welt kam und jahrelang an seinen wachsenden Brüsten verzweifelte, bis er sie sich im letzten Jahr entfernen lassen durfte – das berührte mit seiner Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Ebenfalls autobiographisch – und dabei allgemeingültig – wirkte sein zweiter Beitrag. Es ging um die Päckchen, die jeder mit sich herumträgt und die sich zu Paketen auswachsen können, wenn man nicht über sie spricht. Die Kecke Bohne wird ihm Franz Thoma demnächst mit dem Fahrrad vorbei bringen. Nach Eresing hat er’s ja nicht weit.  os

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