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Martin Schulz beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt unter den Augen von (v.r.) SPD-Ortschef Christian Gruber, Dritter Bürgermeister Helmut Ankenbrand (SPD), der Brucker SPD-Stadtrat Ulrich Schmetz und Germerings Vize-Bürgermeister Wolfgang Andre (CSU). 

250 Besucher in der Stadthalle

Einstiger SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz begeistert Germeringer Genossen

Selbst die Stehplätze wurden rar in der Stadthalle, als zum Neujahrsempfang der Germeringer SPD am Samstag der ehemalige Kanzlerkandidat Martin Schulz auftrat. 

Germering– Einen von den vielen Gästen begrüßte der 63-jährige Martin Schulz – dunkler Anzug, weißes Hemd, hellblau-weiß gepunktete Krawatte – in seiner Rede persönlich: Oberbürgermeister Andreas Haas, den er eigentlich duzen wollte, weil er ihn für einen Genossen hielt. Über dessen Parteizugehörigkeit aufgeklärt, sprach er dem CSU-Mann aber Mut zu, falls der seine politische Heimat noch einmal überdenke. Schließlich herrsche im Himmel mehr Freude über einen einzigen reuigen Sünder als über 99 Gerechte.

In diesem Stil ging es in seiner rund einstündigen, frei gehaltenen europapolitischen Rede zwar nicht durchgängig weiter, aber der leidenschaftliche Vortrag war immer wieder gespickt mit kleinen scherzhaften Anekdoten. Etwa als der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz auf Besuch in China den Wunsch äußerte, einmal eine kleine Provinzhauptstadt zu sehen und dabei eigentlich so etwas wie Aschaffenburg im Sinn hatte. Stattdessen führten ihn die Gastgeber zwar tatsächlich in eine Regionalmetropole, aber eben eine mit sechs Millionen Einwohnern.

Der heutige einfache Bundestagsabgeordnete lästerte über grüne Besserverdiener, die mit dem SUV zum Bio-Markt führen und so auch irgendwie eine ausgeglichene Ökobilanz hinbekämen. Und sogar die AfD war für einen Witz gut, wenn auch vor ernstem Hintergrund. Einen von deren Parlamentariern hielt er für einen Linksabweichler, weil er erst im neunten Satz seiner Rede das Wort „Migrant“ benutzte. Normalerweise falle der Ausdruck zusammen mit „rot-grün versifft“ und „Lügenpresse“ schon früher.

Spontaner Beifall für Kritik an US-Präsident Trump

Spontanen Beifall bekam Schulz, als er auf einen durchgeknallten Präsidenten in den Vereinigten Staaten zu sprechen kam, der mit ein paar Twitter-Zeichen den Welthandel und damit eine Exportnation wie Deutschland gefährde. Und trotz Zollkrieg hätten die USA und China ein gemeinsames Interesse: Die europäische Konkurrenz auszuschalten, den EU-Binnenmarkt zerstören.

Ein gemeinsam agierendes Europa der guten Nachbarschaft brauche es nicht nur aus ökonomischen Gründen. Denn: „Alleine sind wir Spielball von denen, die mit unseren Werten nichts am Hut haben.“ Die ohne Rücksicht auf Menschenrechte, Sozial- und Umweltstandards günstiger produzieren könnten. Schulz forderte sogar eine Art „Schutzschild“ gegen Intoleranz und Rassismus, um das gemeinsame europäische Gesellschaftsmodell zu bewahren. Das nationalistische Gegenmodell von Le Pen (Frankreich), Salvini (Italien) oder hiesiger AfD ist für den Sozialdemokraten reiner Populismus: „Für alles ‘nen Sündenbock, für nichts ’ne Lösung.“ Und stürmisch beklatscht wurde sein Ausruf: „Ihr Volksverführer habt einen Gegner und der heißt SPD.“

Am Schluss gab es stehende Ovationen für den Redner – und ein Geschenk des Ortsvereins: Den bayerischen „Fluch- und Schimpfkalender“, den Schulz gleich zu studieren begann. „Folche Henna, stimmt das so?“ , fragte er nach kurzer Lektüre in den Saal. Na ja, es klang immerhin etwas weniger nach Rheinland als in der Stunde zuvor.

Von Olf Paschen

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