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Das Gespräch: Die Merkur-Redakteure Regina Mittermeier und Thomas Radlmaier (r.) interviewen die Religionsvertreter. Das Gespräch fand im Kultur Café in Germering statt.

Interkulturelles Interview

„Dumpfe Parolen haben in Germering wenig Chancen“

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    Regina Mittermeier
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Drei Männer, drei Religionen, ein Gespräch und die Frage: Leben Menschen unterschiedlicher Religionen in Germering miteinander oder nebeneinander? Der Münchner Merkur hat darüber mit Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften gesprochen und sie zu Beginn des Interviews gebeten, jeweils einen theologischen Text einer anderen Religion zu interpretieren.

Germering – Gläubige scheinen es mit der Pünktlichkeit sehr genau zu nehmen. Bereits eine Viertelstunde vor dem Termin im Kultur Café sitzen Harald Hackländer, der Bahai, und Andreas Christian Jaster, katholischer Pfarrer, am Tisch und tauschen sich aus. Man merkt schon jetzt: Keine Berührungsängste. Wenig später stößt auch Sinan Eren von der Türkisch-Islamischen Gemeinde dazu und steigt ohne Scheu in das Gespräch mit ein:

Wir haben Ihnen jeweils einen religiösen Text mitgebracht. Bitte sagen Sie uns, was Sie davon halten. (Alle drei lesen leise die Texte auf einem Blatt Papier: der Pfarrer eine Sure aus dem Koran, der Muslim einen Bahai-Vers und der Bahai ein Gebet von Franz von Assisi).

Harald Hackländer: Das ist ein wunderschöner Text von Franz von Assisi. Der Frieden ist das Wichtigste. Jeder kann dafür etwas tun.

Finden Sie darin auch Ihre eigene Religion wieder?

Hackländer: Auf jeden Fall. Wenn jeder einzelne den Frieden weitergibt, kann er ein Multiplikator sein. Denn Frieden ist mehr als nur kein Krieg.

Sinan Eren: So verstehe ich auch den Islam. Dagegen bestimmen leider jeden Tag Extremisten die Schlagzeilen in den Medien. Doch man sollte uns friedliche Muslime nicht mit denen vergleichen. Wir glauben: Im Mittelpunkt steht der Mensch, egal welche Hautfarbe, egal welche Religion.

Der Bahai: Harald Hackländer, 53, ist Mitglieder der Baihai-Gruppe Germering. Im Interview setzt er sich mit dem Friedensgebet von Franz von Assisi auseinander: „Oh Herr/mache mich zu ei nem Werkzeug/Deines Friedens/Dass ich Liebe übe/da wo man mich hasst/dass ich verzeihe/da wo man mich beleidigt/dass ich verbinde/da wo Streit ist/dass ich die Wahrheit sage/da wo Irrtum herrscht/dass ich den Glauben bringe/wo Zweifel ist/dass ich Hoffnung wecke/wo Verzweiflung quält/dass ich Dein Licht anzünde/wo die Finsternis regiert/dass ich Freude bringe/wo der Kummer wohnt.“ (von Franz von Assisi)

Andreas Christian Jaster: Das ist auch meine Überzeugung. Und, das darf ich sagen als Vertreter meiner Religion: Genau deshalb ist Gott Mensch geworden, um zu zeigen, dass es um den Menschen geht. Herr Hackländer, wenn ich bei Ihnen anknüpfen darf. In dieser Sure steht (zeigt auf den Zettel): Und wenn sie sich dem Frieden zuneigen. Das ist eine wunderschöne Formulierung. Dem Frieden zu dienen – auch das ist die Aufgabe der Religion.

Ist Frieden die Basis, auf der Sie als Vertreter verschiedener Religionen miteinander kommunizieren?

Jaster: Ja, ein friedliches Miteinander ist die Grundlage für unseren Dialog. Aber uns verbindet auch die Tatsache, dass wir denen, die uns zuhören, eine frohe Botschaft, das heißt eine konkrete Hilfe für ihr Leben geben wollen.

Hackländer: Wir geben den Menschen ein geistliches Umfeld.

Wo treffen die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in Germering aufeinander?

Der Muslim: Sinan Eren, 43, ist Zweiter Vorsitzender der türkisch-islamischen Gemeinde. Er liest im Interview diesen Bahai-Text: „Sollte jemand Streit mit euch suchen, trachtet danach, ihn zum Freunde zu gewinnen. Sollte jemand euch bis ins Innerste verletzen, seid ein heilender Balsam für seine Wunden. Sollte euch jemand verspotten und verhöhnen, begegnet ihm mit Liebe. Sollte jemand seine Schuld auf euch abwälzen, lobt ihn. Sollte er euch tödliches Gift anbieten, so gebt ihm dafür den besten Honig; und sollte er euer Leben bedrohen, so gewährt ihm eine Arznei, die ihn für immer heilen wird.“ (’Abdu’l-Bahá)

Eren: Wir von der türkisch-islamischen Gemeinde unternehmen zum Beispiel öfter etwas mit Mitgliedern der evangelischen Gemeinde. Letzens haben wir in der Jesus-Christus-Kirche über den Islam geredet. Und die Evangelen haben uns etwas über das Evangelium erzählt. Anschließend sind wir alle gemeinsam in die Moschee gefahren und haben Kaffee getrunken. Wir haben über Werte geredet.

Jaster: Begegnung, Gespräch, Dialog. Das ist das A und O. Ein Beispiel: Die Interkulturelle Woche. Da sind wir alle vertreten. Da nimmt man sich gegenseitig wahr. Wenn wir an dieser Woche teilnehmen, fühlen wir uns aber zuerst als Bürger der Stadt Germering und nicht als Religionsvertreter. Aber ein gemeinsames Gebet, das oft gefordert wird, ist schwierig.

Hackländer: In München treffen sich öfter Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zu einer gemeinsamen Andacht. Das ist schön. Und ich höre anschließend immer wieder die Frage: Warum geht das nicht auch so in der Welt?

Eren: Ja, leider…

Jaster: Unsere Religionen unterscheiden sich in ihrer Theologie. Wir dürfen daher nicht alles über einen Kamm scheren, um nicht denen Vorschub zu leisten, die Religionen benutzen, um damit ganz andere Ziele zu verfolgen. Denen geht es gar nicht darum: Wer ist Allah für dich oder wer ist Jesus Christus? Sondern da werden Religionen aus Unwissenheit oft benutzt im falschen Namen. Das kann keinem von uns recht sein. Ein heikles Thema.

In Europa machen momentan viele Populisten mit Religion Politik.

Eren: Das ist nicht neu, das hat es schon immer gegeben.

Die AfD hat den Islam zum Hauptfeind auserkoren. Spüren Sie das in Ihrer Gemeinde?

Eren: Nein, nicht bei uns in Germering. Wir kommen sehr gut mit unseren Nachbarn aus. Gott sei dank. Aber wir passen schon auf, dass wir nicht zu viel Lärm machen. Vor unserer Moschee ist ein Spielplatz für Kinder. Es gibt aber nur einen Nachbarn, den das theoretisch stören könnte.

Jaster: Aber das hat doch mit Islam nichts zu tun. Wir haben auch ein Jugendzentrum.

Eren: Ja, aber wenn die Kinder aus der Moschee kommen, wird das gleich mit dem Islam verbunden.

Der Christ: Andreas Christian Jaster, 44, ist Pfarrer der Stadtkirche Germering. Er deutet im Gespräch zwei Verse aus dem Koran: „Und wenn sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und verlasse dich auf Allah! Gewiß, Er ist ja der Allhörende und Allwissende. (Sure 8, Vers 61) „Gewiß, Allah (allein) besitzt das Wissen über die Stunde, läßt den Regen herabkommen und weiß, was im Mutterleib ist. Niemand weiß, was er morgen erwerben wird, und niemand weiß, in welchem Land er sterben wird. Gewiß, Allah ist Allwissend und Allkundig.“ (Sure 31, Vers 34)

Jaster: Und das ist doch genau der Punkt. Eine Gefahr für den Missbrauch von Religionen besteht immer da, wo man diffuse Vorstellungen hat. Insofern meine ich wahrzunehmen, dass Germering – und damit meine ich die Gesellschaft, die Bürger, den Stadtrat, den Bürgermeister, die Religionsvertreter, die Gläubigen, einfach alle, die diese Stadt prägen, es verstehen, sich mit ihrer Stadt zu identifizieren. Man will hier miteinander leben und ist interessiert an dem anderen. Dumpfe Parolen haben in Germering weniger Chancen und Angriffsfläche.

Warum funktioniert das interkulturelle Zusammenleben in Germering?

Jaster: 40 000 Einwohner sind überschaubar – also überschaubar für mich, weil ich in Köln geboren, in Berlin aufgewachsen bin und in München studiert habe (lacht). Man kennt sich, man läuft sich auf der Straße über den Weg. Die Germeringer haben ein Gespür dafür, dass sie zu dieser Stadt gehören. Das wirkt gegen die Anonymisierung. Menschen identifizieren sich nicht nur über Religion. Sie arbeiten, treffen Freunde, machen Sport.

Identität ist ein gutes Stichwort: Nervt Sie als Religionsvertreter, wenn gesagt wird: Deutschland ist ein christliches Land und das zum Ausschlusskriterium für andere gemacht wird?

Hackländer: Natürlich ist es schlecht, Religionen zu missbrauchen. Momentan wird das gemacht: Ja, das nervt mich. Aber es wandelt sich. Und Vielfalt sowie Multikulturalität bestimmen diesen Wandel. Die Kunst in der heutigen Zeit ist, dass man Meinungen gleichwertig nebeneinander stehen lassen kann.

Es geht ein Riss durch die Gesellschaft. Entstehen in den Köpfen wieder Mauern?

Eren: Vielleicht. Doch das ist nicht neu. Menschen wie die von der AfD hat es schon immer gegeben. Jetzt gibt es die AfD. Und wenn die AfD weg ist, kommen wieder andere.

Hackländer: Die Leute haben Ängste aus verschiedensten Gründen. Und diese Ängste werden meistens als Argument genommen, um gegen etwas zu sein. Dabei kann jeder in die Moschee gehen und dort jemanden ansprechen und sagen: Ich habe ein Problem mit dem Islam. Dann wird man ihn anhören und seiner Angst begegnen. Diese Verantwortung hat jeder Gläubige.

Oft wirken Parolen bei Menschen, die in einer Krise stecken und den Glauben verloren haben.

Jaster: Klar. Wer im Glauben steht, ist normalerweise nicht empfänglich für Hass oder Streit.

Eren: Egal welche Religion (deutet auf den Zettel): Koran oder Bibel. Da steht: Man soll niemandem wehtun. Warum töten Menschen und sagen: Wir haben es für Allah gemacht. Wo steht das? Nirgends.

Manche Menschen sind orientierungslos. Was kann Religion dagegen tun?

Jaster: Religion ist grundsätzlich positiv. Aber wir kommen mit unserer Botschaft von Verständnis und Liebe nur in die Herzen derer, die sich erreichen lassen wollen. Es gibt aber auch diejenigen, die sich leichter von den Empörten und Krawallmachern ansprechen lassen.

Früher hat die Religion die Welt erklärt. Heute erklärt sich jeder selbst die Welt. Welche Rolle spielt die Religion im Meer der vielen Weltvorstellungen?

Hackländer: Wir zünden ein Licht an. Und der andere weiß: Hier kannst du herkommen.

Also Religion als rettender Anker im Leben?

Jaster: Die Menschen suchen einen Anker. Und die Religiosität hebt sie aus dem Alltag empor.

Aber es ist gefühlt so, dass immer weniger junge Menschen wirklich an etwas glauben.

Jaster: Da bin ich mir gar nicht sicher.

Eren: Zu glauben und zur Kirche zu gehen, sind zwei unterschiedliche Dinge, oder?

Jaster: Genau.

Eren: Viele junge Menschen glauben zwar, aber sie sind zu faul, um in die Kirche zu gehen.

Jaster: Die haben vielleicht nicht den geichen Werte-Begriff wie ihre Oma. Aber sie wissen, was richtig und falsch ist. Es gibt viele unterschiedliche Wege des Glaubens.

Eren: Die jungen Leute glauben, aber sie praktizieren nicht wie früher. So einfach ist es.

Aber für was braucht man dann überhaupt noch Institutionen wie die Kirche?

Jaster: Institutionen zeigen einen möglichen Weg. Das was die Kirche anbietet, kann eine Hilfe fürs Leben sein. Aber es ist nur eine Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu finden. Keine zwei Menschen sind jemals den ganz gleichen Weg gegangen. Nicht einmal zwei Päpste (lacht).

Hackländer: Dazu kann ich eine Geschichte erzählen. Ich habe an einem Agenda-Projekt in Dachau teilgenommen. Es waren zwei kirchliche Gruppen dabei. Die Frage, die wir uns als Religionsvertreter stellten, war: Was ist unsere Aufgabe in der Gesellschaft? Anschließend sollten wir eine Andacht in der Kirche gestalten. Ich habe dann den Pfarrer anstandshalber gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass ich in seiner Kirche spreche. Schließlich bin ich Bahai. Dann sagte er zu mir: Stellen Sie sich ruhig da hin und erzählen Sie, warum Sie glauben. Dann hat er noch gesagt: Mir ist egal, auf welchem Weg der Mensch zum Berg geht, Hauptsache ist: Er geht zum Berg. Und ich glaube, – um bei dem Beispiel zu bleiben – wir drei werden uns auf dem Gipfel des Berges treffen.

Das Gespräch führten Regina Mittermeier und Thomas Radlmaier

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