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Er erfand Radlboxen und war Bürgermeister

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Von: Ulrike Osman

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Alfred Streicher wurde nur 70 Jahre alt. repro: Osman
Alfred Streicher wurde nur 70 Jahre alt. © os

Viele Vorgärten in Germering erinnern an Alfred Streicher. In seinem Heimatort standen die ersten von ihm konstruierten Fahrrad-Garagen. Inzwischen sind die Radlboxen mit dem charakteristischen Schwenkdeckel in fast 1000 Städten in ganz Europa zu finden.

Germering – Ihr Schöpfer arbeitete trotz Krankheit bis zuletzt in seiner Firma mit – auch noch, als es eigentlich schon gar nicht mehr ging.

Mit der elterlichen Schmiede übernahm Alfred Streicher 1981 den ältesten Germeringer Handwerksbetrieb – die Gründung geht auf das Jahr 1603 zurück. Bevor er sich selbstständig machte, war der Metallbauer und Ingenieur als Projektleiter bei der Firma MAN deutschlandweit auf Achse. Auch in die DDR und nach Russland schickte man ihn. Mit 30 Jahren hatte er von den vielen Reisen genug. Vor allem aber wollte er sich um die Familie kümmern, die er sich mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Steffi wünschte. Der Nachwuchs ließ nicht lange auf sich warten. 1984 wurde Sohn Maximilian geboren, ein Jahr später Tochter Franziska.

Alfred Streicher hatte inzwischen das elterliche Anwesen umgebaut und den Familienbetrieb mit einer weiteren Firma zusammengelegt. Er war nun Chef von 20 Mitarbeitern. Daneben engagierte sich der Reserveoffizier in zahlreichen Ehrenämtern. Bei der Feuerwehr war er bereits seit seinem 18. Lebensjahr aktiv.

Mit Anfang 40 kam die Kommunalpolitik hinzu. 1993 zog er erstmals in den Stadtrat ein, dem er bis 2014 angehören sollte. In der Sitzungsperiode ab 2002 war er Dritter Bürgermeister. Der Anlauf auf den Chefsessel im Rathaus brachte ihm 2008 zwar nicht den Sieg, aber unter fünf Bewerbern – er war der einzige Parteifreie – einen höchst respektablen dritten Platz ein. Auch einen Sitz im Kreistag eroberte er in diesem Jahr. Zwölf Jahre sollte er dem Gremium angehören.

Streicher war schon in der Schule jemand gewesen, der seine Meinung vertrat und sich nicht einschüchtern ließ – schon gar nicht, wenn der Lehrer einen Mitschüler als Aufsicht über die Klasse einsetzte und ihn beauftragte, jede Ruhestörung zu notieren. Fühlte Streicher sich von dem Mitschüler zu Unrecht zurechtgewiesen, fing er an zu diskutieren – ungeachtet der Tatsache, dass er später Strafseiten schreiben müsste. In dieser Zeit habe er sich seine Handschrift ruiniert, erzählte er später. Weil die Strafarbeiten ja so schnell wie möglich heruntergekritzelt werden mussten. Tempo hatte er immer drauf.

Neben der Lehre gelangte er über die Berufsaufbau- und die Fachoberschule zum Abitur, von dort auf die Fachhochschule und mit 21 Jahren zum Abschluss als Diplomingenieur.

Auch eine künstlerische Ader hatte der Hobby-Schütze und Oldtimer-Fan, der mit seinem Mercedes 230 SL Cabrio gern an Rallyes teilnahm. Zwei von ihm geschaffene Kunstwerke aus Teilen der alten Feuerschale des Osterfeuers in der Pfarrei St. Martin zieren die gleichnamige Kirche und die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche.

Vor etwa fünf Jahren begannen sich gesundheitliche Einschränkungen bemerkbar zu machen. Der stets zuverlässige, für seinen schelmischen Humor bekannte Germeringer erhielt die bittere Diagnose Demenz. Mit Unterstützung seiner Familie konnte er zu Hause wohnen bleiben und noch immer in seine inzwischen vom Schwiegersohn geführte Firma gehen. Nun ist Streicher an den Folgen seiner Erkrankung gestorben. Er wurde 70 Jahre alt.

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