Herbert Sedlmeier kämpft für die Verwendung von Leichter Sprache bei Behördentexten.

Inklusion

Leichte Sprache: Er will Texte für alle verständlich machen

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Wenn der im Rollstuhl sitzende Herbert Sedlmeier als Kreisbehindertenbeauftragter dafür kämpft, dass Menschen mit Behinderung ungehinderten Zugang zu allen Lebensbereichen bekommen, ist dies nichts Ungewöhnliches.

Germering –  Dass er in seine Bemühungen verstärkt auch die Kommunikation miteinbezieht und eine verständlichere Sprache vor allem auch bei Ämtern und Behörden fordert, überrascht dagegen auf den ersten Blick. Dabei ist dies für Sedlmeier ein wichtiger Schritt hin zur Inklusion, wie die Teilhabe aller Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, am gesellschaftlichen Leben heißt.

Leichte Sprache heißt das Konzept, für das sich Sedlmeier vehement einsetzt. Es steht für eine Übersetzung von vermeintlich allgemein verständlicher Umgangssprache in eine einfachere Sprachvariante. Dass dies notwendig ist, macht der Sozialreferent des Stadtrates mit wenigen Zahlen deutlich: „Etwa neun Prozent der Bevölkerung zählen zu Analphabeten, rund 15 Prozent sind Menschen mit Migrationshintergrund. Nehmen wir noch Menschen mit leichter Behinderung wie Leseschwäche hinzu, dann sind wir bei über 30 Prozent.“ Um ihnen die von der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006 beschlossenen Rechte auf Teilhabe zu gewährleisten, müssten nicht nur amtliche Publikationen und Schriftstücke zusätzlich in so genannter Leichter Sprache veröffentlicht werden. Auch Internet-Auftritte öffentlicher Einrichtungen müssten zumindest teilweise so übersetzt werden, dass sie nicht nur von 70 Prozent der Bevölkerung verstanden werden.

Im Aktionsplan des Landkreises zur Umsetzung der UN-Konvention, den Sedlmeier mit Experten in den vergangenen zwei Jahren erstellt hat, nimmt das Thema Leichte Sprache ein wichtige Rolle ein. Mit Landrat Thomas Karmasin habe er einen wichtigen Unterstützer gefunden. Allerdings sei die Umsetzung nicht so einfach: Bayernweit gibt es nur fünf Agenturen, die Texte in Leichte Sprache übersetzen würden. Die Wartezeiten seien deswegen relativ lang und die Kosten entsprechend hoch.

Der Landkreis habe sich deswegen entschlossen, einen Mitarbeiter in Leichter Sprache ausbilden zu lassen, erzählt Sedlmeier. Ein entsprechender Kurs werde in Augsburg von der Caritas angeboten. Um besser mitreden zu können, habe er dort im vergangen Jahr einen fünfstündigen Schnupperkurs besucht.

Spätestens als er am Ende des Trainings den Artikel 14 des Grundgesetztes verständlicher übersetzen sollte, sei ihm klar geworden: „Das ist kein Kinderspiel.“ Es sei schon schwierig genug gewesen, den Inhalt genau zu erfassen: „Das Grundgesetz gehört zu den schwer verständlichen Texten.“

Widerstand gegen die Umsetzung seiner Vorstellungen erfährt Herbert Sedlmeier vor allem von Juristen: „Wenn ich in die Behörden gehe und sage: Versucht doch einmal, eure Dokumente in leichter Sprache abzufassen, kommt immer ein Jurist und meint: Aber die Widerrufsbelehrung muss so abgedruckt werden, wie sie ist.“ Auf sein Argument, dass man diese gerne so abdrucken könne, wie verlangt und zusätzlich eine vereinfachte Widerspruchsbelehrung verfassen könne, hätten sie auch selbst kommen können, meint Sedlmeier mit leichter Verbitterung im Unterton.

Immerhin kann der Behindertenbeauftragte, der selbst über 30 Jahre im Sozialamt der Stadt gearbeitet hat, mittlerweile positive Entwicklungen feststellen. Es gibt nämlich nicht nur die Pläne des Landkreises. Die Stadt Germering sei gewillt, ihre neue Homepage teilweise in Leichte Sprache zu übersetzen. Wie dies aussieht, kann man sich auf der Homepage des Mehrgenerationenhauses Zenja ansehen: Die gibt es seit einem halben Jahr in zwei Versionen.

Das ist leichte Sprache: 

leichte Sprache bedeutet dem Fachzentrum Leichte Sprache der Augsburger Caritas zufolge: „Ein Text ist so geschrieben, dass möglichst jeder den Text lesen und den Inhalt verstehen kann.“ Sie steht im Gegensatz zur Standard-Sprache mit Fach- und Fremdwörtern, langen Sätzen und kleiner Schrift. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat in einem Ratgeber Leichte Sprache, der auch im Internet zur Verfügung steht, die wichtigsten Regeln dafür vorgestellt.

 Das beginnt beispielsweise mit dem Hinweis, Wörter zu benutzen, die etwas beschreiben: Statt „öffentlicher Nahverkehr“ sollte man besser „Bus und Bahn“ schreiben. Außerdem sollten zu lange Wörter entweder vermieden oder durch Bindestriche aufgeteilt werden, wie: Bundes-Gleichstellungs-Gesetz. Auch vor der Grammatik macht die Leichte Sprache nicht halt. Da heißt es beispielsweise, dass man mehr Verben („Tu-Wörter“) verwenden und möglichst auf den Genitiv verzichten solle. Statt „Das Haus des Lehrers“ sollte man besser „Das Haus von dem Lehrer“ schreiben. 

Ein gutes Beispiel für Leichte Sprache ist übrigens bei der Bremer Lebenshilfe entstanden, die auch ein Wörter- und Bilderbuch zum Thema herausgegeben hat (www.lebenshilfe.de). Es sind Fußballregeln in leichter Sprache, die gemeinsam mit dem SV Werder Bremen erarbeitet wurden. Schon die Einleitung zeigt, was mit Leichter Sprache gemeint ist: „Warum heißt das Spiel Fußball? Meistens spielt man den Ball mit dem Fuß. 

Darum heißt das Spiel Fußball. Aber man darf den Ball auch mit anderen Körper-Teilen spielen. Zum Beispiel mit dem Kopf. Das nennt man auch Köpfen. Man darf nur nicht mit dem Arm, oder mit der Hand spielen.“ Bei fast allen Begriffserklärungen unterstützen Fotos oder einfache Bilder das Geschriebene – auch das ist Bestandteil der Leichten Sprache.

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