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Vor zweieinhalb Jahren ziehen ins frühere Altenheim Don Bosco die ersten Flüchtlinge ein.

200 Flüchtlinge müssen Bosco-Heim verlassen 

Es bleibt dabei: Asylheim wird geschlossen

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Germering - Die Flüchtlingsunterkunft im Altenheim Don Bosco schließt. Mitglieder des Helferkreises finden das ungerecht. Nun hat ein Student (20) einen offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx geschrieben.

Sie haben ihnen Deutsch gelernt, Arbeitsplätze vermittelt und zu wichtigen Behörden-Terminen gefahren. Sie haben die Kranken betreut. Und sie haben ihren Kindern bei den Hausaufgaben geholfen. Viele haben neue Freunde gefunden. Und nun soll es das gewesen sein?

Die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Altenheim Don Bosco schließt. Die rund 200 Menschen müssen ihre Wohnungen und Zimmer bis spätestens Ende Januar verlassen. Wohin sie gehen, ist ungewiss. Der Asylhelferkreis für Don Bosco hat die Flüchtlinge seit November 2014 betreut und ihnen den Einstieg in ihr neues Leben in Germering erleichtert. Die Ehrenamtlichen haben einen Hilfsapparat und funktionierende Strukturen erschaffen. Kleidung, Computer, Arbeit – all das und viel haben sie organisiert. Für was? „Alles wird nun mit einem Verwaltungsakt zunichte gemacht“, schreibt Werner Clauss vom Helferkreis in einem offenen Brief.

Caritas: Es ist nie geplant gewesen, den Vertrag zu verlängern

Die Helfer sind sauer auf die Caritas. Der Sozialverband, dem Gebäude gehört, lässt den Vertrag mit der Regierung von Oberbayern zum 31. März auslaufen. Man plant, das Altenheim abzureißen und neu zu bauen, um dort wieder Senioren unterzubringen. Marion Müller-Ranetsberger von der Caritas sagt, sie könne die Bedenken des Helferkreises verstehen. „Eine Verzögerung der Abrissarbeiten würde jedoch letztlich zu Lasten der alten und pflegebedürftigen Menschen in Germering gehen.“

Die Flüchtlingshelfer können das nur bedingt nachvollziehen. Sie fühlen sich überrumpelt von den Plänen. Also haben sie die Caritas angeschrieben und um eine Aufschubfrist von mehreren Monaten gebeten. Ohne Erfolg. Es sei nie geplant gewesen, den Vertrag zu verlängern, sagt Müller-Ranetsberger.

20-jähriger Student handelt aus christlicher Überzeugung

Christoph Kaindl hat einen offenen Brief an Kardinal Marx geschrieben.

Christoph Kaindl will das nicht wahrhaben. Also hat der 20-Jährige aus Germering, der in Regensburg studiert, Kardinal Reinhard Marx einen offenen Brief geschrieben. Darin bittet er den Bischof für München und Freising, die Caritas zum Umdenken zu bringen. „Es doch unsere christliche Pflicht, alles zu unternehmen, um den geflüchteten Personen in Germering ihre Heimat zu lassen“, schreibt Kaindl, der bei der katholischen Hochschulgemeinde der Uni Regensburg aktiv ist. Auf Nachfrage, warum er den Brief geschrieben hat, sagt er: „Ich bin einfach einem Impuls gefolgt.“ Diesen habe er gespürt, als er als Sternsinger durch die Uni zog und Nächstenliebe verkündete. „Ich dachte, ich muss mich selbst am Schopf packen und etwas tun.“ Sein Vorschlag: Statt die Flüchtlinge auszuquartieren, könnte man doch auch alte Menschen auf Seniorenheime in der Umgebung verteilen.

OB Andreas Haas hat versucht zu vermitteln und mit dem Helferkreis das Gespräch gesucht. Er habe den Helfern klar gemacht, dass die Stadt immer darauf hingewiesen habe, dass die Nutzung des Altenheims als Flüchtlingsunterkunft nur befristet sei, sagt er. Bei einer Bürgerversammlung zu Beginn der Nutzung als Unterkunft sei das Frühjahr 2017 als Termin genannt worden. Das stehe auch auf der städtische Internetseite. Außerdem: „Die Stadt hat immer darauf gedrängt, dass das ehemalige Altenheim nur befristet für Flüchtlinge zur Verfügung stehen darf.“ Verständnis hat er für den Wunsch der Helfer, dass die im Bosco-Heim lebenden Asylbewerber mit Behinderung und alle Schüler möglichst in Germering bleiben können. Er habe deswegen an die Regierung von Oberbayern appelliert, darauf zu achten. Als Unterkünfte wären einerseits das aufgestockte Flüchtlingsheim am Starnberger Weg als auch die Unterkunft in der Industriestraße möglich.

Unter den Bewohnern befinden sich rund 40 Familien mit etwa 60 Kindern und Jugendlichen. Zehn Menschen sind schwerbehindert. Wohin sie in ein paar Tagen oder Wochen gebracht werden, weiß momentan niemand. Eine Regierungssprecherin begründet das mit „der hohen organisatorischen Komplexität bei derartigen Verlegungen“. Gleichwohl betont sie, dass man „gelungene Integrationserfolge“ wahren wolle und ein Augenmerk auf gesundheitliche Bedürfnisse der Flüchtlinge habe. Beispielsweise wolle man berücksichtigen, wenn etwa Kinder in Germering zur Schule gehen oder jemand hier arbeitet. „Wir versuchen, all das einzubeziehen.“

Von Klaus Greif und Thomas Radlmaier

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