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Cewe-Geschäftsführer Stephan Reinhold (l.) erklärt den jungen Flüchtlingen seinen Betrieb.

Integration erleichtern

Flüchtlinge erkunden Lehrstellen

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13 Praktikanten der Berufintegrationsklassen interessieren sich für ein Praktikum bei Cewe in Germering. Ein Rundgang soll ihnen ein Gefühl für die Anforderungen der Stelle und des Arbeitsmarktes vermitteln. Die Bürgerstiftung Fürstenfeldbruck will mit der Aktion Unternehmen und Geflüchteten helfen.

Germering – Der Wirtschaft fehlt der Nachwuchs. „Es gibt nur etwa halb so viele Lehrlingsanwärter wie Lehrstellen“, erklärt Michael Steinbauer von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Gleichzeitig hoffen etwa 900 junge Immigranten auf ihre Chance am Arbeitsmarkt. Die Bürgerstiftung des Landkreises Fürstenfeldbruck will beide Seiten zusammenbringen.

Etwa 100 Geflüchtete besuchen die letzte Jahrgangsstufe der Berufsintegrationsklasse der Berufsschule und FOS/BOS. Sie machen den Mittelschulabschluss, einige den qualifizierenden Mittelschulabschluss. Klappt alles, können sie ab Herbst einige der offenen Lehrstellen besetzen. Die Praktikumsbörse soll ihnen Eindruck vom deutschen Arbeitsmarkt vermitteln, die Anforderungen der verschiedenen Berufe klarer machen.

In den vergangenen Wochen standen Firmenbesuche bei der Deutschen Doka Schalungstechnik, dem Autohaus Rasch und dem Friseursalon Haarem auf dem Programm. Am beliebtesten war das Autohaus, dort musste eine zweite Besichtigungsgruppe eingerichtet werden. Detlef Köhler von der Bürgerstiftung ist bisher zufrieden. „Das Interesse der Schüler übertrifft unsere Erwartungen. Es wurden etliche Kontakte für Praktika und eventuelle spätere Ausbildungen geknüpft.“ Bei Cewe können sich die Schüler über die Berufe Fachinformatiker, Industriekaufmann und Medientechnologe informieren. Muheb Azizi reizt das. „Ich habe in Kabul Webdesign studiert. Ein Praktikum hier wäre ein Traum“, sagt der Afghane (21).

Direkter Einstieg in den Beruf ist schwer

Anja Wöldering, Koordinatorin für Geflüchtete an der Brucker Berufsschule, über die Bedeutung der Aktion: „Ein großer Teil der Neuankömmlinge kennt unser duales System nicht. In vielen Ländern gibt es keine Ausbildung.“ Wöldering erklärt den Geflüchteten, warum man hier nicht einfach einen Job annehmen kann und warum es sich rechnet, zwei Jahre in die eigene Ausbildung zu investieren. „Für uns ist das selbstverständlich“, sagt sie. Jemand aus einem anderen Land könne das aber nicht wissen.

Auch die Anforderungen der Berufe sind nicht immer klar. Dass ein Frisör Deutsch sprechen muss, um mit den Kunden zur reden, verschreckte einige Interessenten. „Diese Erfahrungen sind wichtig“, meint Köhler von der Bürgerstiftung. „Besser, die Beteiligten merken es jetzt, als wenn Lehrling und Arbeitgeber ein Jahr verschwenden.“ Auch die vielen Nuancen bei den Ausbildungsberufen sind nicht leicht verständlich. Den Unterschied zwischen Kraftfahrzeugmechatroniker und Mechatroniker können selbst viele Deutsche nicht erklären. Menschen aus anderen Kulturkreisen brauchen erst recht Hilfe.

Ein direkter Berufseinstieg der Geflüchteten ist wegen dieser Verständnislücken schwierig. Praktika sollen Brücken bauen. Deutschkenntnisse stehen dem Berufseinstieg nicht im Weg. „Alle unserer Absolventen haben mindestens Sprachniveau B1, können sich also im Alltag verständigen“, sagt Anja Wöldering von der Berufsschule.

Viele Flüchtlinge sind frustriert

Auch Wöldering bewertet die Praktikumsbörse positiv. Etwa 90 Schüler absolvierten bereits Praktika. Zur vollen Zufriedenheit beider Seiten, versichert sie. „Wenn es keine Restriktionen gibt, klappt alles ganz gut“, meint sie. Manchmal würde man den jungen Menschen aber auch unnötig Steine in den Weg legen, sagt die Berufsschullehrerin. Bei vielen Schülern sei unklar, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. Das erschwere die Lebensplanung.

Auch für Webdesigner Muheb Azizi ist die Zukunft ungewiss. „Es nützt nichts, sich Gedanken zu machen.“ Azizi will seine Geschwister in der Heimat überreden, eine Druckerei zu eröffnen. Dann hätte er einen Plan B. Die Frustration der Flüchtlinge sei eines der Hauptprobleme, sagt Wöldering. Das merkt man auch beim Besuch bei Cewe. 19 Schüler meldeten sich für die Besichtigung, 13 kamen. Sechs verließen wegen des Termins zwar früher den Unterricht und bekamen Geld für einen Fahrschein. In der Firma tauchten sie aber nicht auf.

Wöldering will diesen Dingen auf den Grund gehen. „Wir erwarten, dass unsere Schüler immer weiter machen“, sagt sie. Jammern nütze nichts.

von Christian Masengarb

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