Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl präsentiert erste Funde. Links sind neben einer Tonscherbe die Reste einer Flakstellung aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. 
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Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl präsentiert erste Funde. Links sind neben einer Tonscherbe die Reste einer Flakstellung aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. 

Germering

Arbeit auf dem Areal des neuen Briefzentrums: Funde aus dem Mittelalter

  • vonHans Kürzl
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Auf dem Areal des künftigen Briefzentrums der Deutschen Post wird schon gearbeitet: Archäologen graben auf der rund neun Fußballfelder großen Fläche an der Augsburger Straße nach Zeugnissen aus der Vergangenheit. Es gibt schon erste Funde.

Germering – Für Stadtarchivar und Hobby-Archäologe Marcus Guckenbiehl, der die Untersuchungen begleitet, steht schon jetzt fest: „Hier war einmal ein sehr großes Dorf.“ Und zwar im Frühmittelalter des sechsten Jahrhunderts. Zahlreiche kleine Täfelchen mit Nummern, die über das weite Feld verstreut sind, zeigen an: An diesen Stellen waren wahrscheinlich Hauspfosten, Grubenhäuser oder Brunnen. Die Tafeln markieren dunkle Stellen im Boden und zeigen dem Experten: Hier gab es einmal einen Eingriff durch Menschen.

Neben den typischen so genannten Pfostengruben der damaligen Holzhäuser, bei denen die tragenden Pfosten in den Boden eingegraben wurden und deren Spuren sich heute als dunkle Verfärbungen abzeichnen, ließen sich zahlreiche Brunnen nachweisen. Im Siedlungsgebiet des heutigen Germering gab es zwar auch früher keine Bäche oder gar Flüsse. Aber unweit der Oberfläche war das Grundwasser leicht zu erreichen. In den ehemaligen Brunnenschächten, deren Holzverschalungen sich nur in wenigen Fällen teilweise bis heute erhalten haben, finden sich meist Objekte die Hinweise auf die Nutzungszeit zulassen.

Siedler suchten Wasser

Mit ein Grund also, warum sich Menschen hier vor rund 1400 Jahren ansiedelten, war eben der niedrige Grundwasserstand. „Zwei Meter oder vielleicht auch drei seien das gewesen“, erklärt Guckenbiehl. Je näher es hin zur Autobahn geht, desto tiefer hätte man graben müssen. 10, 20 Meter, da werde es unwirtschaftlich, so der Stadtarchivar.

Daher sei auch die Zahl der Brunnen interessant, erzählt Guckenbiehl weiter. Erkennen lasse sich auf dem Areal des künftigen Briefzentrums, dass sich dort viele Brunnen befanden. Unklar sei nur, ob jedem der Häuser, die im Frühmittelalter immer in Ost-Westrichtung standen, einer solchen Wasserstelle zugeordnet gewesen sei. Oder ob die Versorgung für zwei Gebäude gedacht war. „Die Brunnen waren immer nah an den Siedlungen“, so Guckenbiehl. Zwar gab es auch außerhalb von Siedlungen Wasserstellen, doch seien dies in der Regel wohl Tränken für das Vieh gewesen.

Reste einer Abwehrflak

Erste Funde von Tongefäßen bestätigen die vermutetete Siedlung aus dem frühen Mittelalter. Zu Tage befördert wurden aber auch neuere Artefakte: Es wurden Reste einer Flak-Abwehrstellung aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt.

Birgit Anzenberger, Geschäftsleiterin des gleichnamigen Fachbüros für archäologische Dienstleistungen in Furth, leitet die Grabungen. Sie beschränkt sich mit ihrem Team zunächst auf den Teil des künftigen Baus, in dem Tiefgarage und Zentralgebäude angesiedelt sein werden. Denn hier wird auch mit dem Bau des Briefzentrums begonnen. Geplant ist dies in diesem Herbst. Endgültig fertig soll das Zentrum Ende 2023 sein.

Thomas Stief ist als Projektleiter des Post-Baus ebenfalls immer wieder an Ort und Stelle. „Ich beobachte das Ganze von der Warte der Zeit aus“, sagt er. So ist er in regelmäßigem Anständen im Austausch mit der Stadt und dem archäologischen Fachbüro.

Birgit Anzenberger schätzt, dass die Untersuchungen der Archäologe länger dauern: „Mit diesem inneren Bereich können wir im vierten Quartal 2021 fertig sein.“ Was die Angelegenheit aber verzögern könnte, wäre der Fund von zahlreichen Gräbern, fügt Guckenbiehl hinzu. Begutachtung, Prüfung und Auswertung seien da relativ zeitintensiv. An der aktuellen Grabungsstelle sei das aber wohl nicht zu erwarten.

Frühere Grabungen

Es sind nicht die ersten archäologischen Arbeiten, die im Norden der Stadt stattfinden. Erste Grabungen fanden 1995 und 1996 sowie 1998 südwestlich des aktuellen Gebiets statt. Damals wurden Reste einer Siedlung aus der Urnenfelder-Zeit nachgewiesen. Diese zur ausgehenden Bronzezeit gehörende Kulturepoche wird auf 1200 bis 800 vor Christus eingegrenzt. Neben Gebäudegrundrissen wurde auch ein Brunnen dokumentiert. Das Fundmaterial ist im Zeit+Raum-Museum ausgestellt.

Anhand von Luftbildern des Landesamtes für Denkmalpflege war schon 1997 festgestellt worden, dass sich diese Siedlungsspuren in größerer Dichte weit in die östlich angrenzenden Felder ausdehnen – eben bis auf das Areal des Briefverteilzentrums. Beim Bau des Gewerbegebietes Germeringer Norden wurden die Untersuchungen fortgeführt.

Zum typischen Fundmaterial gehören Siedlungsabfall wie Tierknochen und Keramikscherben. Wesentliche neue Erkenntnisse brachte 2013 der Bau des Paketverteilzentrums, wo über 1200 archäologische Befunde untersucht wurden. Es stellte sich heraus, dass zu den bisherigen Siedlungen der Bronze-, der Eisen- und der Römischen Kaiserzeit noch eine Siedlung des frühen Mittelalters hinzukam. Dabei nahm in Richtung des Briefverteilzentrum die Dichte der archäologischen Befunde zu.

Weitere Grabungen in den vergangenen Jahren lassen eine durchgehende frühmittelalterliche Siedlung vom DHL-Paketzentrum über den Bildäckerweg und entlang der Dorfstraße bis etwa auf die Höhe des Hotels Regerhof vermuten.

Ein so genanntes Reihengräberfeld befindet sich an der Krippfeldstraße, das ebenfalls zu dieser Zeit gehört. Diese Friedhöfe befanden sich zur damaligen Zeit immer außerhalb der Ortschaften. Auf dem Gelände des Briefzentrums müsse laut Guckenbiehl vor allem mit bronzezeitlichen und frühmittelalterlichen Befunden gerechnet werden. „Daher sind große Teile der Fläche als Bodendenkmal ausgewiesen“, erläutert der Archivar.

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