Auch in Germering suchten die Amerikaner nach versprengten deutschen Soldaten, Verpflegung und Fotoapparaten als Beute. Das Foto zeigt eine Szene vor dem Haus von Bürgermeister Keller.

Serie zur Stunde Null

Als sogar Hund Rolfi an die Front musste

  • Tobias Gehre
    vonTobias Gehre
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In der Serie zur Stunde Null beleuchten wir Geschichten aus dem letzten Kriegsjahr 1945. Diesmal geht es um die Germeringerin Elisabeth Riedl und ihre Begegnung mit den amerikanischen Soldaten.

Germering Flakstellungen im Westen, ein riesiges Tanklager im Süden: Die Germeringer hatten in den letzten Kriegstagen zurecht die Sorge, dass ihr Dorf von der Landkarte getilgt wird. Doch dann ging der Einmarsch der Amerikaner ohne großen Kampf über die Bühne. Elisabeth Riedl war damals zehn Jahre alt – und weiß noch genau, wie die fremden Soldaten plötzlich in der Stube standen.

Das Schwein im Keller der Familie von Elisabeth Riedl fanden die US-Soldaten nicht.

Fotos statt Knödel

„Foto, Foto“: Die Amerikaner wissen genau, was sie wollen. Sie haben es auf Fotoapparate aus deutscher Produktion abgesehen. Doch das Modell der Familie Guth – Elisabeth Riedls Mädchenname – erscheint ihnen offenbar nicht wertvoll genug. „Das war halt ein Glump, das haben sie gleich wieder zurückgestellt“, sagt Elisabeth Riedl 75 Jahre später. Mit den seltsamen gelben Bällen, die im siedenden Wasser auf dem Herd herumdümpeln, können die Amerikaner ebenfalls nichts anfangen. „Die Knödel wollten sie auch nicht“, sagt die heute 85-Jährige.

Bauernhof brennt

Das Einzige, das sie mitnehmen, sind zwei deutsche Soldaten, die bei der Familie einquartiert worden waren. Dann sind sie weg. Und der Krieg ist für die Familie vorbei. Insgesamt kamen Germering und die damals noch eigenständige Gemeinde Unterpfaffenhofen glimpflich davon. Die Bewohner befürchteten vor dem Einmarsch aber das Schlimmste. Westlich von München gelegen, gab es rund um den Ort jede Menge Flakstellungen der Wehrmacht. Im Süden war das große Tanklager der Nazis – beides lohnende Ziele für Luftangriffe.

Die gab es auch. Etwa am 19. Juli 1944, als über 100 Sprengbomben fielen. Die meisten gingen über den nahen Feldern nieder, notiert der damalige Pfarrer der Gemeinde Unterpfaffenhofen in seinem Kriegs- und Einmarschbericht. Anfang Januar 1945 traf ein weiterer Luftangriff die Gemeinden. „Der Bauernhof von Kiermaier begann lichterloh zu brennen, der Brandherd konnte aber eingeschränkt werden“, heißt es im Bericht des Pfarrers.

Tödliche Hörschwäche

Beim Einmarsch der Amerikaner bleiben größere Kampfhandlungen die Ausnahme. Tragisch ist allerdings das Schicksal des Landwirts Josef Huber. Der Schwerhörige will in der Nacht auf den 30. April nachsehen, ob die Besatzer schon da sind. Sie sind es. Offenbar reagiert der damals 65-Jährige aufgrund seiner Hörschwäche nicht auf die Rufe der Amerikaner. Zwei Kugeln zerfetzen sein Bein. Zwei Tage später stirbt der Bauer.

Abgestürzter Pilot

Von Tod und Schrecken bleibt auch Elisabeth Riedl nicht verschont. Noch genau hat sie das Bild des toten englischen Piloten in seiner an der Sommerstraße abgestürzten Maschine vor sich. Besonders schlimm ist aber der Verlust des geliebten Familienhundes Rolfi. Der wurde nicht etwa bei einem Angriff getötet. „Wir mussten ihn bei der Wehrmacht abgeben. Er musste an die Front, haben sie uns gesagt.“ Der letzte Gassi-Gang mit Rolfi führt nach Großhadern, wo die Familie in einer Wehrmachts-Einrichtung schweren Herzens lebwohl sagen muss.

Hund Rolfi, den die heute 85-Jährige als Mädchen so gern hatte, hatten noch die Nazis eingefordert.

Kleiner Luxus

Über den Verlust können auch die anderen Tiere der Familie nicht hinweghelfen – ein paar Hasen und Hühner. Und ein Schwein. Das lebt im Keller. Unter höchster Geheimhaltung. „Die Sau haben wir schwarz gefüttert“, sagt Elisabeth Riedl. Immer wieder bläut der Vater den Kindern ein, dass niemand davon erfahren darf. „Sonst hätte einen die SS abgeholt.“ Das Schwein bleibt geheim. Irgendwann kommt ein Spezl des Vaters: Der Metzger schlachtet das Schwein und verarbeitet es – ein Luxus in entbehrungsreicher Zeit.

In einer vorangegangenen Folge ging es um das Inferno von Hattenhofen.

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