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Lothar Meßner am Steuer seiner Boeing 737. Fast täglich setzt sich der 54-Jährige ins originalgetreue Cockpit in seinem Garten.

Beilage der Volontäre des Münchner Merkur

Pilot mit Badelatschen: Mann (54) sammelt Flugstunden im Gartenhäuschen

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Aus der Liebe zum Fliegen baute Lothar Meßner eine Boeing 737 für den Hausgebrauch. Jetzt hebt er dort regelmäßig ab und nimmt auch gerne Gäste mit an Bord. 

Germering - Das langsame und beständige Dröhnen der Triebwerke setzt ein. Aus den Lautsprechern brummt englisches Kauderwelsch aus Zahlen und Buchstaben. Die Kabinenlichter sind gedimmt. Unzählige Knöpfe, Schalter und Hebel betteln mit blinkenden Lämpchen um Aufmerksamkeit. Kapitän Lothar Meßner geht noch einmal alles durch, bevor aus dem Hintergrund knarzend die Startfreigabe für seine Boeing 737-800 ertönt. 

Lothar Meßner fliegt eine Boeing 737 am Rechner

Das Flugzeug rollt gemütlich auf die Startbahn des Flughafens LOWL zu. Das ist der International-Civil-Aviation-Organisation- Code (ICAO) für die österreichische Stadt Linz. Es geht zum etwas über 200 Kilometer entfernten Flughafen EDDM, der Code für München. 

Das Wetter ist gut – nur ein paar Schäfchenwolken ziehen über den Himmel. Es ist kurz nach 17 Uhr, als die Maschine die Startbahn erreicht. Der Bass der Turbinen dröhnt, sodass der ganze Körper vibriert. Dann löst Meßner die Bremsen und die 737 setzt sich in Gang. Die Schilder rechts und links ziehen nur so an den Cockpitfenstern vorbei. Lift off! 

Die Maschine steigt und steigt. Doch etwas fehlt – wo ist der Druck auf den Ohren, wenn sich das Flugzeug steil in den Himmel schraubt?Die Begründung ist einfach, aber kurios. Lothar Meßner sitzt gar nicht am Steuer einer echten Boeing 737-800. Sondern in seinem Gartenhäuschen in Germering, im Westen Münchens. Das hat er in der vergangenen halben Stunde nicht verlassen. Er hat nur die beiden leistungsstarken und extrem aufgemotzten Rechner – die hinter den Original Cockpit-Teilen der 737 versteckt sind – angeschaltet und den Flugsimulator „Prepar 3D v3“ gestartet. Lothar Meßner liebt das Fliegen, doch er hebt dabei nicht ab. 

Über 6000 Flugstunden hat Meßner schon gesammelt

Seit acht Jahren fliegt er nun schon mit seiner Maschine im Gartenhäuschen. Dabei sind inzwischen rund 6000 Flugstunden zusammengekommen. Vor 25 Jahren zog Meßner schon erste Kreise in einem Flugsimulator. Eigentlich ist der 54-jährige Autohändler. Doch das Fliegen hat es ihm angetan. Meßner erinnert sich noch, als er mit der Idee des Vorgarten-Flugzeugs zu seiner Frau Gabi kam. „Sie sagte: Probier‘s doch einfach mal.“ 

Zurück im Cockpit und immer noch im Steigflug bemerkt Meßner eine Warnleuchte. „Unser Fahrwerk lässt sich nicht einfahren“, wirft er völlig unaufgeregt ein. „Dann brauchen wir halt ein bisschen mehr Sprit, aber wir haben genug getankt.“ Na dann ist ja alles klar. Auf nach München getreu dem Motto „Runter kommen sie alle“. 

Das Deckenpanel ist eins zu eins wie im Original. Jeder Hebel und Schalter beeinflusst das digitale Flugzeug.

Dass sich das Fahrwerk nicht einfahren lässt, ist keine Fehlfunktion seiner täuschend echten Cockpit-Attrappe. Das Programm „Passengers“ ist für diesen virtuellen Ausfall verantwortlich. Hier können sich Hobbypiloten registrieren und gewertete Flüge absolvieren. Der Germeringer hat sich inzwischen den höchsten Rang erflogen – er ist Kapitän. In seinem Flight- Log, einer Liste all seiner Flüge, findet sich fast ausschließlich die Bewertung „Perfekt“. „Manipulieren tu‘ ich dabei aber nichts. Wenn was in die Hose geht, muss man so fair sein und es nicht einfach in dem Programm löschen“, betont Meßner. 

Die Konkurrenz gefällt Lothar Meßner nicht

Doch nicht nur im Online-Pilotenregister sieht man, dass Lothar Meßner den Rang eines Kapitäns längst erreicht hat. Wenn er fliegt, sitzt er stets mit weißem Hemd und schwarzer Stoffhose hinter seinem Yoke - so heißt der Steuerknüppel in einem Flugzeug. Auf seinen Schultern prangen die vier goldenen Streifen, die ihn als Kapitän ausweisen. Nur seine Badelatschen zerstören die Illusion ein wenig, doch im heimischen Garten geht das klar. 

Ansonsten legt der 54-Jährige großen Wert auf Authentizität. „Ich hab mir mal die Konkurrenz „iPilot Munich“ angesehen, das ist so emotionslos wie ein Eimer Wasser“, sagt Meßner. Die Beleuchtung zu hell, die Bildschirme als Fenster erzeugen nicht so viel Atmosphäre wie sein Nahbereichsbeamer mit Leinwand und überhaupt: „Ich muss nicht davon leben, ich mach’s aus Leidenschaft“, betont Meßner. 

Mittlerweile nähert sich die 737 der bayerischen Landeshauptstadt. Unterhalb der Cockpit-Schnauze taucht die Allianz Arena auf. Wenn man genau hinsieht, erkennt man sogar einzelne Autos auf der A 99. Nur noch eine Schleife fliegen, dann erhält Meßner die Landeerlaubnis vom virtuellen Tower. Die Ansage, die aus den rund um das Cockpit angeordneten Lautsprechern kommt, hört sich für den Laien nach unzusammenhängendem englischen Gebrabbel an, ist für den Germeringer aber Routine. „Und wenn ich’s mal nicht verstanden habe, dann drücke ich einfach eine Taste und er wiederholt’s mir.“ 

Auch Menschen mit Flugangst kommen zu Lothar Meßner

Lothar Meßner hat nicht nur jede Menge Zeit und Liebe in sein Hobby gesteckt, sondern auch ein kleines Vermögen. Etwa 40 000 Euro hat alles zusammen gekostet, schätzt der 54-Jährige. Dazu kommen noch die drei Kilowatt Strom pro Stunde. Da hilft es auch nicht, dass der Germeringer aus seiner Leidenschaft eine Marke gemacht hat. Unter dem Namen „Alpha Wings“ bietet er Fliegen für jedermann an. 140 Euro für eineinhalb Stunden „Das ist eher Schmerzensgeld“, meint Meßner schmunzelnd, wohl wissend, dass er damit nicht ansatzweise das Geld wiederbekommt, das er investiert hat. 

Darum geht es dem Germeringer aber auch nicht. Er freut sich, wenn selbst aktive Piloten zu ihm kommen und mit ihm Fliegen wollen.„Die können bei mir einsteigen und loslegen ohne Papierkram und nervigem Check-In.“ Auch Menschen mit Flugangst waren schon da. Etwa zwei- bis dreimal fliegt er im Monat mit Gästen. „Mir macht das unheimlich Spaß mein Wissen weiterzugeben“, sagt Meßner mit leuchtenden Augen. „Ich brauch‘ auch keine Werbung mehr machen. Die Leute kommen eh immer wieder“, fügt er noch hinzu und das nimmt man ihm ab. Seine Leidenschaft spürt man bei jeder einzelnen Handbewegung, die er in seiner 737 macht. 

Ein letztes Mal konzentrieren. Die Klappen sind in der richtigen Position. Die Lichter auf der Landebahn leuchten rot und grün.„Das heißt wir kommen perfekt rein“, sagt Meßner während er gebannt alle Anzeigen im Blick hat. Aus dem Fenster schaut er nur noch selten. Die wichtigsten Informationen hat er auf den Bildschirmen um ihn herum. Aufgesetzt. Perfekte Landung. Die Maschine rollt auf einer originalgetreuen Kopie des Münchner Flughafens in Richtung Terminal. 

Lothar Meßner wäre gern selbst Pilot geworden

Angedockt. Er schaltet das Kabinenlicht für die Passagiere an und löscht die Anschnallzeichen. Auf der Leinwand erscheint die Bewertung des Flugs. Wieder perfekt, trotz Fehlfunktion des Fahrwerks. Inzwischen prasselt virtueller Regen auf die Maschine. „Am Flughafen regnet’s wohl gerade“, sagt Meßner. Die Live-Wetterübertragung funktioniert einwandfrei. Der sonst so quirlige 54-Jährige wird kurz ruhig. Das dämmerige Kabinenlicht, der prasselnde Regen und die vielen blinkenden Lichter lassen die Szenerie magisch erscheinen.

So sieht die virtuelle Boeing 737 von Lothar Meßner aus. 

Wehmütig sagt Meßner: „Leider bin ich inzwischen zu alt, um selbst zu fliegen. Ich Depp hätte länger in die Schule gehen sollen.“ Es hat nicht sein sollen, fügt er noch achselzuckend hinzu. Vielleicht ist es ganz gut so, meint er dann. „Wenn man fliegen muss, geht der Reiz weg.“ Den Kleinflugzeug-Pilotenschein hat er nach kurzer Zeit abgebrochen. „Legoland geht gar nicht“, sagt Meßner süffisant. 

Lothar Meßner liebt es zu fliegen. Und wenn es mal mit seiner Frau Gabi in den Urlaub geht, dann lieber mit dem Schiff, „denn fliegen kann ich zuhause“.Und während sich Gabi im Wohnzimmer einen Krimi im Fernsehen ansieht, sitzt Meßner schon wieder in seinem Gartenhäuschen und sucht sich die nächste Strecke aus.

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