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Harthaus – eine Siedlung wird 100 Jahre alt

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Der alte Harthof  war die Keimzelle des heutigen Ortsteils Harthaus. Er wurde im Jahr 1996 abgerissen.
Der alte Harthof war die Keimzelle des heutigen Ortsteils Harthaus. Er wurde im Jahr 1996 abgerissen. © hk

Die Siedlung Harthaus ist 100 Jahre alt geworden und fast keiner hat’s bemerkt. Ende 1920 bezog der erste Bürger sein Haus im heutigen Stadtteil. Lange Zeit führten die Harthauser ein ausgeprägt eigenständiges Leben.

Germering – Einen Großteil dieser Geschichte hat Kurt Koch, heute 90 Jahre alt, selbst miterlebt. „Meine Großeltern waren seit 1921 in Harthaus“, erzählt er. Koch musste anfangs nach Pasing in die Schule, weil die politisch zuständige Gemeinde Unterpfaffenhofen nur eine kleine Dorfschule besaß. Im Zweiten Weltkrieg war dann wegen der Bombenangriffe der Schulbesuch in der Gemeinde Germering sicherer.

Kurt Koch lebt seit 90 Jahren in Harthaus. Sein Großvater führte in den 1920er-Jahren das Kassenbuch der Genossenschaft.
Kurt Koch lebt seit 90 Jahren in Harthaus. Sein Großvater führte in den 1920er-Jahren das Kassenbuch der Genossenschaft. © Kürzl

Koch hat miterlebt, dass ein Teil der Grundversorgung über eine Milchversorgungsstelle erfolgte. Und er weiß, dass die Harthauser in schneereichen Wintern den Weg nach Freiham frei schaufelten, um zum dortigen Bahnhof´zu kommen.

Ein Gefühl bekam Koch als Kind mit: Die Siedler sahen sich eher als Unterpfaffenhofener, diese betrachteten wiederum die Harthauser als Anhängsel. Denn sie waren ausschließlich aus München zugezogen. Um sich selbst will Koch dabei kein Aufhebens machen: „Ich möchte an die Entstehung von Harthaus erinnern.“

Harthaus – eine Siedlung wird 100 Jahre alt: Die Entstehung

Das Gebiet an der heutigen Bahnlinie fand erstmals 1422 Erwähnung als Einöde Harthof und Wirtschaftshof des Schlosses Freiham. Um 1808 wird daraus Harthaus, das 1818 Unterpfaffenhofen zugeschlagen wird. Allerdings stand dort nur ein Hof, weshalb 1867 ein „Handbuch für Bayern“ den Ort immer noch als Harthof führte.

1910 wurde der Historienmaler Franz von Defregger vom Bayerischen Königshaus mit der Liegenschaft Harthaus beschenkt. Aus Altersgründen erfolgte der Eintrag ins Grundbuch auf dessen ältesten Sohn Robert. Der veräußerte den Besitz 1918 an die Münchner „Baugenossenschaft Süd-West“, die sich 1920 in „Baugenossenschaft Siedelung Harthaus“ umbenannte. Deren ursprüngliche Planung, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges aufgestellt, war ehrgeizig: Der Grundbesitz war auf 86 Grundstücke aufgeteilt. Es sollten 43-Einfamilien-, 19 Zweifamilien- und vier Geschäftshäuser entstehen.

Kurt Kochs Großvater führte in den 1920er-Jahren das Kassenbuch der Genossenschaft. Darin ist auch die Entwicklung der Inflation abzulesen. Lag die Miete im April 1923 bei 475 Mark, waren es im Oktober bereits zehn Millionen.
Kurt Kochs Großvater führte in den 1920er-Jahren das Kassenbuch der Genossenschaft. Darin ist auch die Entwicklung der Inflation abzulesen. Lag die Miete im April 1923 bei 475 Mark, waren es im Oktober bereits zehn Millionen. © Kürzl

Sieben Doppelhäuser entstanden tatsächlich – im wahren Sinn des Wortes als Pionierarbeit, mit vielen Entbehrungen und aus finanziellen Gründen in Handarbeit. Dazu blieben nach zwölfstündigen Arbeitstagen nur Feierabend- und Sonntagsstunden. Hinzu kam die damals noch mühsame Anreise aus München. Besonders verdient gemacht hatte sich Josef Stegmair als Vorsitzender der Genossenschaft, der es verstand große bürokratische Hürden zu überwinden. Nach ihm ist heute eine Straße benannt.

Lohn der Mühen war der Erstbezug eines Hauses noch im November 1920. Im Jahr darauf folgten weitere Zuzüge, darunter Kochs Großeltern. Die Siedler waren in jenen Jahren weitgehend Selbstversorger, ihr Zusammenleben familiär geprägt.

Die Inflation 1923, in der es am Ende sogar Billionenscheine gab, setzte dem Ehrgeiz der Baugenossenschaft und der Bautätigkeit ein jähes Ende. Die noch unbebauten Grundstücke wurden an Mitglieder abgegeben. Daraus wurden Wochenend- und in selteneren Fällen feste Wohnhäuser. 1928 erfolgte die Eigentumsübertragung der Häuser und noch unbebauten Grundstücke an die Anteilseigner. Während des Zweiten Weltkrieges löste sich die Genossenschaft auf.

Harthaus – eine Siedlung wird 100 Jahre alt: Nachkriegszeit

Doch der Kampfgeist der Siedler war ungebrochen. Sie erfüllten sich den schon 1928 geäußerten Wunsch, Nahverkehrszüge auch in Harthaus halten zu lassen. Dafür hatten sie mit der Reichsbahndirektion München vereinbart, die Bahnsteiganlage mit Trümmerschutt aus München zu füllen und zu planieren. Der Haltepunkt „Harthaus“ wurde am 7. Januar 1947 genehmigt und am 17. März 1947 eröffnet.

Die Bewohner hatten es sich schon in der Anfangszeit der Siedlung Harthaus gemütlich gemacht. Platz gab es damals noch genug.
Die Bewohner hatten es sich schon in der Anfangszeit der Siedlung Harthaus gemütlich gemacht. Platz gab es damals noch genug. © Kürzl

Mit der ersten neuen Vereinsgründung in Harthaus nach dem Krieg dauerte es länger: der „Gebrauchshundeverein Unterpfaffenhofen“, dessen Mitglieder man scherzhaft „Hunderer“ nannte, fand sich im Juni 1951 zusammen. Bis 1954 dauerte es, ehe Harthaus die erste Telefonzelle mit Münzfernsprecher erhielt. Bis dahin hatte eine öffentliche Telefonzelle, die im Hausflur eines Bauernhofes stand, für Verbindung gesorgt.

Harthaus – eine Siedlung wird 100 Jahre alt: Struktur gerettet

Noch einmal zu kämpfen hatten die Harthauser in den 1960er-Jahren. Die Gemeinde Germering war rasant gewachsen. Große Bauunternehmer streckten ihre Fühler auch nach Harthaus aus. Teilweise wurden die Eigenheimer massiv zum Grundverkauf gedrängt. Doch unter Robert Wittmann, Gründer der Siedlervereinigung Unterpfaffenhofen-Germering, wusste man sich zu wehren. Ein Gemeinderatsbeschluss führte dazu, dass in Harthaus nur noch eine Bebauung von „E plus 1“, also Erdgeschoss plus erster Stock, zulässig ist. Das Interesse der Investoren ging zurück.

Harthaus – eine Siedlung wird 100 Jahre alt: Fusion der Gemeinden

Eine Kuriosität bis weit in die 2000er-Jahre hinein kam mit dem Einstieg ins S-Bahnzeitalter. Weil Harthaus vom ehemaligen Münchner Bahnhof Freiham betreut wurde, kam Harthaus in den Genuss des Innenraumtarifs, während es von Unterpfaffenhofen-Germering aus teurer wurde. Das wurde mit der Zusammenlegung der beiden Gemeinden 1978 noch markanter. Der 1982 begonnene zweigleisige Ausbau der Strecke bis Weßling führte zu Anwohnerprotesten, die zu starken Verkehrslärm befürchteten. Und er bewirkte die Schließung der Schranke, für die in den Anfangszeiten schon mal zehn Pfennig je Öffnung verlangt wurde.

Harthaus – eine Siedlung wird 100 Jahre alt: Harthof verschwindet

Im Jahr 1996 schließlich muss der Harthof, mit dem die ganze Geschichte begonnen hat, einem Wohnungsneubau an der Hartstraße 114 weichen. Zur Erinnerung wurden eine bronzene Gedenktafel und ein Original-Ziegelstein von damals angebracht. Gewissermaßen auch zur symbolischen Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Stadtteils.

Der Artikel fußt einerseits auf Erzählungen von Kurt Koch, andererseits auf der Ortschronik „Die Siedelung Harthaus“ von Hermann Braun. Diese kann in der Stadtbibliothek entliehen werden.

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