Elsa Nietmann arbeitet mit der Kettensäge an einem Haselnuss-Wurzelstock. 
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Elsa Nietmann arbeitet mit der Kettensäge an einem Haselnuss-Wurzelstock. 

Germering

In der alten Kaserne: Kunst mit Kettensägen und Schleifgeräten

Auf dem Gelände der früheren Kaserne neben der A 96 dröhnen Kettensägen. Holzspäne rieseln und sammeln sich am Boden zu dicken Teppichen. Steinblöcke werden mit Hammer und Meißel bearbeitet. Die 12. Germeringer Werktage sind in vollem Gange.

Germering - Bis zum Sonntag kann man hier Holz- und Steinbildhauern bei der Arbeit zuschauen. Außerdem erwartet die Besucher im Wifo-Kunstforum eine sehr sehenswerte Ausstellung.

Werktage

Überall auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände am Ortsrand von Germering sind Wetterschutzplanen aufgebaut. Darunter sind 13 Holz- und Steinbildhauer konzentriert bei der Arbeit. Jeder setzt sein eigenes Projekt um, doch gleichzeitig genießen alle die Gemeinschaft mit Kollegen.

„Ich bin sehr happy über den Austausch hier“, erzählt die Bildhauerin Elsa Nietmann. „Sonst stehe ich das ganze Jahr über allein in meinem Atelier.“ Nach vielen Auftragsarbeiten kann die 42-Jährige bei den Werktagen endlich einmal wieder ohne konkrete Zielvorstellung die Kettensäge ansetzen und „ohne zu denken der Form nachgeben“. Sie hat von Freunden drei Haselnuss-Wurzelstöcke bekommen, die sich gut für intuitive Gestaltung eigenen.

Das Holz selbst gibt vor, wie es bearbeitet werden möchte. Durch das Herausschneiden fauliger Stellen entstehen klare geometrische Formen, ähnlich einer Dornenkrone oder einem gezackten Kranz. Mit schwarzem Lack betont die Künstlerin die Ecken und Kanten noch zusätzlich. „Ich liebe dieses Frische, Raue, Kantige.“

Wolfgang Lynen hat sich ein mannshohes Stück Stamm von einer Douglasie mitgebracht und schon so viel davon weggesägt und ausgeschält, dass eine schlanke, anmutig gebogene Stele entstanden ist. Nun schneidet der Münchner sorgfältig vertikale und horizontale Rillen ins Holz. Am Ende wird das Ganze aussehen wie ein Gitter, das er mit Acrylfarbe anmalen möchte – in Rot, weil das gut zum rötlichen Holz der Douglasie passt. Lynen kam vor acht Jahren eher zufällig zur Holzbildhauerei.

Der Maschinenbauingenieur war gerade in den Ruhestand gegangen und suchte nach einer Beschäftigung. Im Keller entdeckte er eine alte Motorsäge und fing an, damit Holz künstlerisch zu bearbeiten. Die begeisterten Kommentare seiner Frau hielt er zunächst für reine Nettigkeit, doch dann kaufte ihm jemand zwei seiner Werke ab.

Der 72-Jährige staunte – und freute sich. Und er hatte nun endgültig Blut geleckt. Bald beschwerten sich die Nachbarn über den Lärm und Staub. Seitdem arbeitet Lynen in der Bildhauerwerkstatt, die zum Haus 10 im Fürstenfeldbrucker Veranstaltungsforum gehört. Da darf er nicht nur Krach machen, sondern hat auch hilfreiches Arbeitsgerät zur Verfügung, zum Beispiel einen kleinen Kran. Denn manche seiner Stämme sind so schwer, dass man sie nicht einmal rollend von der Stelle bringt. Zu den Werktagen wurde er eines Tages von deren Gründer Michael Glatzel eingeladen. Er ist gerne wiedergekommen, auch wenn er das alte Kasernengelände zunächst „etwas spooky“ fand.

Ausstellung

Die Werke, die im Laufe der Woche entstehen, werden gemeinsam mit Malereien der Ateliergruppe 27 in einer Ausstellung im Kasernengebäude gezeigt. Dort hängen bereits Bilder von elf Künstlern und zahlreichen Nachwuchstalenten der Malschule der Stadt Germering. „Mit anderen Augen sehen“ lautet das auf unterschiedlichste Weise umgesetzte Thema der Ausstellung. Anke Whitehead hat ein altes Foto von sich selbst mit anderen Augen betrachtet und ein Selbstporträt daraus gemacht. An der Wand gegenüber hängen Gemälde mit kindlich gezeichneten Figuren, und tatsächlich dienten Kinderzeichnungen der Künstlerin als Vorlage. Eine stammt von ihrer siebenjährigen Enkelin, die andere von ihrer Tochter, als diese im gleichen Alter war.

Ehemann Brian Whitehead arbeitet als Steinbildhauer und hat im letzten Jahr den Naturschiefer für sich entdeckt. Vor allem begeisterte ihn die Struktur des Steins, doch als er sie durch Schleifen noch mehr zur Geltung bringen wollte, verschwand sie und machte eintönigen grauen Flächen Platz. „Es war ein Lernprozess“, sagt Whitehead schmunzelnd. Inzwischen schneidet er seine Schieferblöcke nur noch in die gewünschten Formen.

Öffnungszeiten

Die Werktage und die Ausstellung auf dem ehemaligen Kasernengelände am südlichen Ende der Otto-Wagner-Straße dauern noch bis Sonntag, 25. Juli. Geöffnet ist täglich von 14 bis 18 Uhr.

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