+
Helmut Riedel, hier in der Tracht der Schlesier, ist im Alter von 87 Jahren verstorben.

Nachruf

Ihm ging es immer um Versöhnung

Er verlor seine Heimat mit 14 Jahren, doch im Herzen trug er sie ein Leben lang. Helmut Riedel engagierte sich über Jahrzehnte im Vorstand der Schlesischen Landsmannschaft und im Bund der Vertriebenen.

Germering – Dabei ging es ihm nie um politische Ziele, sondern stets um Versöhnung, Ausgleich und Verbundenheit. Riedel organisierte Hilfstransporte und Busreisen nach Oberschlesien und er vermittelte den Austausch von Lehrern, Jugendlichen und Musikgruppen – um nur einiges zu nennen. Als ihm 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde, lobte die damalige Sozialministerin Christa Stewens Riedels „starken Idealismus und vorbildlichen Gemeinsinn“.

Beides äußerte sich in einer derart großen Zahl ehrenamtlicher Tätigkeiten, dass die Aufzählung an dieser Stelle schier den Rahmen sprengen würde. Riedel war aktiv in der Volks- und Brauchtumspflege, in vielen Vereinen, in Kirche und Kommunalpolitik – dies alles neben seinem Hauptberuf als Bauamtsleiter im Rathaus. Die Entwicklung des Ortes von der Gemeinde zur Stadt hat er entscheidend mitgeprägt.

„Man muss sich fast wundern, wie er das alles geschafft hat und noch Zeit für uns hatte“, sagt seine älteste Tochter Renate Grund. Doch für seine Familie war der 1931 im oberschlesischen Kreuzburg geborene Riedel immer da. Vier Töchter und einen Sohn hatte er mit Ehefrau Lieselotte, die er 1954 bei einem Heimatabend der Riesengebirgs-Trachtengruppe in München kennengelernt hatte. Die Hochzeitsglocken läuteten bereits im Sommer des nächsten Jahres.

Nach Germering zog die Familie 1961. Der damalige Bürgermeister Josef Kistler hatte Riedel, damals Justizangestellter, vom Oberlandesgericht München abgeworben.

„Schlesien war bei uns zu Hause immer präsent“, erzählt Renate Grund. Bücher und Bilder erinnerten an die Heimat der Eltern – und vor allem das, was auf den Tisch kam, wie etwa schlesischer Streuselkuchen. Zu Weihnachten gab’s Kalbsbratwürste mit schlesischer Gewürzmischung, weiße Bohnen mit Kraut und zum Nachtisch Mohnklöße. Helmut Riedel liebte auch die Volkstänze, Theaterstücke und Gedichte aus seiner Heimat.

Die Familie bekommt in diesen Tagen Beileidsbriefe von privaten und öffentlichen Absendern bis hinauf in die bayerische Staatsregierung. Denn auch dort wurde Helmut Riedel geschätzt, seit man ihn als Mitglied in den Vertriebenenausschuss des Sozialministeriums berufen hatte. „Mein Vater hat ein tolles Leben gehabt und war für viele Menschen ein Vorbild“, sagt Renate Grund.

Trotz seiner vielen Verdienste blieb der sechsfache Großvater Zeit seines Lebens ein bescheidener Mensch. Als er bei einer Vorstandssitzung der Schlesischen Landsmannschaft für 40 Jahre im Amt des Vorsitzenden geehrt wurde, war er völlig baff – das eigene Jubiläum war ihm vor lauter Betriebsamkeit gar nicht aufgefallen.

Ein Schicksalsschlag traf den leidenschaftlichen Münz- und Briefmarkensammler im Jahr 2000. Nach einer gelungenen Herzklappenoperation fiel seine Frau ins Wachkoma. Sie sollte nie wieder zu sich kommen. Mehr als zehn Jahre lang saß Helmut Riedel jeden Tag im Pflegeheim am Bett seiner Lieselotte – bis zu ihrem Tod vor sieben Jahren.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung entschied er für sich selbst, auf einen solch schwerwiegenden Eingriff im hohen Alter zu verzichten. Bis zum letzten Tag spielte er gern Karten und hielt den Grips mit Kreuzworträtseln fit. Mit 87 Jahren ist Helmut Riedel friedlich im Schlaf gestorben.

Die Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung beginnt am Freitag, 2. November, 9 Uhr, auf dem Friedhof St. Martin.

(os)

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion