Ludwig Streb vor seiner Sprudelfabrik in Unterpfaffenhofen.

Germering

Der Mineralwasser-Minister der Fichten-Au

Wer heute am Edeka an der Otto-Wagner-Straße vorbeigeht, wird nicht ahnen, dass er einen quasi historischen Ort passiert. Denn dort, in der damals weit abgelegenen „Fichten-Au“, lag das Wochenend-Grundstück, das ein Schlosser aus dem Münchner Stadtteil Neuhausen im Jahr 1915 erworben hatte.

Germering –  Und der Besitzer, ein gewisser Ludwig Streb, brachte es vier Jahre später zu bescheidener Prominenz.

Als „Volksbeauftragter“ in der Münchner Räterepublik wurde er am 28. April 1919 Leiter des „zentralen Wirtschaftsamtes“. Eine Art Minister also, aber nur für anderthalb Tage. Nach der Geiselerschießung im Luitpoldgymnasium und angesichts der nahenden gegenrevolutionären Truppen verstreute sich die rote Stadtregierung in alle Winde. Für die Volkshochschule erinnerte jetzt der Journalist und Heimatforscher Hans-Dieter Götz an den Minister, der später als Limonadenfabrikant und Lebensmittelhändler in Unterpfaffenhofen vermutlich größere Bekanntheit erlangte.

Der damals 36-jährige Streb, verheiratet und Vater zweier Kinder, war Anfang 1919 Mitglied des „provisorischen Betriebsrats“ der Lokomotivenfabrik Krauss an der Donnersbergerbrücke geworden. Erhalten ist ein Schreiben, auch mit seiner Unterschrift, in dem der Aufsichtsrat aufgefordert wird, den Direktor und den Chefingenieur des Unternehmens zu entlassen. Wohl in dieser Funktion nahm er auch an der großen Räteversammlung im Hofbräuhaus teil, die ihn dann zum Volksbeauftragten wählte. Wie es ihm gelang, der Racheorgie der siegreichen Freikorps zu entgehen, wo er sich versteckte, ist unbekannt. Als Nummer 86 auf einer 97 Namen zählenden Fahndungsliste der meistgesuchten Räte-Funktionäre war er jedenfalls in unmittelbarer Gefahr. Aber schon im Juli taucht sein Name wieder auf einem Betriebsratsschreiben auf – zusammen mit nur noch einem Kollegen aus der wilden Zeit.

Welches Klima in den nachrevolutionären Monaten herrschte, zeigen exemplarisch die Berichte des auch für Unterpfaffenhofen zuständigen Puchheimer Gendarmerie-Kommandanten Josef Hahn, der als „Sicherheitskommissär“ über linke Umtriebe zu wachen hatte. Am 4. Mai durchsuchten sieben Gendarmen in Begleitung von 100 Gebirgsschützen alle Häuser der vermeintlich roten Siedlung Eichenau. Das einzig Verdächtige war ein Bild des ermordeten Kurt Eisner, das bei einem älteren Fräulein im Herrgottswinkel hing. Waffen wurden anderswo gehortet, vor allem bei den Mitgliedern der sogenannten Einwohnerwehren.

Solche rechten Milizionäre gab es fast überall: 35 in Alling, 21 in Puchheim – aber nur einen in Germering und keinen einzigen in Unterpfaffenhofen, wie der zuständige Chef des Ampergaus, ein Oberstleutnant, melden musste. Er machte den Einfluss der sozialistischen Gewerkschaften im nahen Neuaubinger Reichsbahnausbesserungswerk dafür verantwortlich. Auch im Emmeringer Regina-Steinwerk duldeten die Arbeiter offenbar keine Kollegen aus der Einwohnerwehr.

Ludwig Streb taucht 1932 wieder auf, als er mit seiner Familie nach Unterpfaffenhofen übersiedelt, wo anstelle des Gartenhäuschens nun ein großes Wohnhaus steht. Der gelernte Schlosser hatte 1925 die Krausssche Betriebskantine pachten können und so Erfahrungen mit Lebensmitteln gesammelt. 1933 meldete er ein Gewerbe für Fabrikation und Handel von Limonaden an, besonders beliebt war später seine grüne Waldmeister-Brause. Außerdem war er Kohlenhändler und hatte ein Lebensmittelgeschäft, das mit der neuen Wifo-Siedlung zur Goldgrube wurde.

Allerdings hatte er auch Neider, besonders einen Konkurrenten am Kleinen Stachus. Zwei Mal wurde er wegen kommunistischer Umtriebe angezeigt, zwei Mal gewann er Verleumdungsprozesse. Aber der Mann, der beim Bier auch gern über die goldene Rätezeit räsonierte, musste das Lebensmittelgeschäft 1936 doch verpachten. Erst 1946 bekam er es zurück. Ein letztes Foto zeigt einen fröhlichen Streb beim Heuernten im Sommer 1950. Es war sein letzter Sommer. (op)

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