Sitzt am Kummertelefon des Kinderschutzbunds: Uli Scheele.
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Sitzt am Kummertelefon des Kinderschutzbunds: Uli Scheele.

Germering

Sie sitzt am Kummertelefon

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Unter den aktuellen Kontaktbeschränkungen und dem vielen Zu-Hause-Sitzen leiden Kinder und Jugendliche besonders. Bei der „Nummer gegen Kummer“ finden sie ein offenes Ohr. Am anderen Ende der Leitung sitzen ausgebildete Berater wie die Germeringerin Uli Scheele, die geduldig zuhören, Verständnis zeigen und Mut machen.

Germering - Die 65-Jährige arbeitet schon seit 21 Jahren ehrenamtlich beim Beratungstelefon des Kinderschutzbunds München. Sie hört Geschichten von Liebeskummer, von Schulproblemen und Stress mit Eltern, von Mobbing und manchmal auch von Missbrauch.

Doch gerade in der aktuellen Zeit kommt es häufig vor, dass die Anrufer sich einfach nur unterhalten möchten. „Sie wollen mal mit jemand anders reden, mit jemand außerhalb der Familie“; erzählt Uli Scheele.

Manche leiden darunter, dass die Eltern von Homeoffice und Kinderbetreuung gestresst sind und die Stimmung zu Hause angespannt ist. Andere plagen sich mit dem Fernunterricht herum und vermissen ihre Freunde. „In solchen Fällen versuchen wir, momentane emotionale Entlastung zu schaffen“, erklärt Scheele. Vorfreude wecken auf die Zeit, wenn die Beschränkungen gelockert sind, den Blick auf Zukunftsszenarien richten – das hilft beim Durchhalten.

Geht es um andere Sorgen und Nöte, versuchen die Berater durch geschickte Fragen Auswege aufzuzeigen. „So kommen die Kinder selbst auf eine Lösung für ihr Problem.“ Die meisten Anrufer, erzählt Uli Scheele, sind zwischen zehn und 20 Jahre alt. Die Gespräche sind kostenfrei, anonym und zeitlich unbegrenzt. Jeder darf so oft anrufen, wie er möchte, und landet sehr wahrscheinlich jedes Mal bei einem anderen Berater, denn die Nummer ist bundesweit einheitlich.

Uli Scheele sieht das als Vorteil, denn auf diese Weise bekommen die Kinder Zuspruch von unterschiedlichen Menschen. Gerade, wenn es um Missbrauch geht, könne ihnen das helfen, den Schritt zu tun und die Vorfälle anzuzeigen.

Wohltuend für die Anrufer ist die Anonymität des Angebots. In einer Zeit, in der in sozialen Medien so viel Privates öffentlich gemacht wird, können sie sich am Kummertelefon auf Diskretion verlassen. „Was die Anrufer uns anvertrauen, bleibt, wenn sie es wollen, ein lebenslanges Geheimnis zwischen ihnen und dem Berater.“

Während der dreistündigen Telefonschichten kommt Uli Scheele kaum zum Verschnaufen. „Es klingelt ununterbrochen.“ Und auch wenn manche Geschichten ihr im Herzen weh tun, empfindet die 65-Jährige die vielen Gespräche mit Heranwachsenden als Bereicherung. „Es ist ein Gewinn, mit so vielen jungen Menschen zu reden“, sagt die Germeringerin. „Einfach unbezahlbar.“

Am schönsten ist es, wenn Kinder und Jugendliche anrufen und sagen: Ihr habt mir echt geholfen, gut, dass es euch gibt. „Das ist es, was wirklich zählt.“ Zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit kam Uli Scheele, als ihre eigenen beiden Kinder langsam flügge wurden. In einer 80-stündigen Ausbildung wurde sie auf die Arbeit am Telefon vorbereitet. Inzwischen kümmert sie sich zusätzlich als Koordinatorin um 30 Berater im gesamten Umkreis von München.

Als „Mädchen für alle und alles“ ist sie für die Kollegen praktisch immer erreichbar, egal, ob es ein technisches Problem gibt oder jemand nach einem schwierigen Beratungsgespräch den Austausch sucht. Scheele ist die Kontaktstelle zum Kinderschutzbund München, sie organisiert Fortbildungen, Reflexionstage und Aktionen zur Vorstellung des Kummertelefons. Denn die sind immer noch nötig. „Es gibt uns schon seit 40 Jahren, und ich wundere mich oft, dass uns immer noch so viele Leute nicht kennen.“

Kontakt

Unter der Nummer 11 61 11 ist das Kummertelefon für Kinder und Jugendliche von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zu erreichen. Die Anrufe sind gebührenfrei. Auch eine Online-Beratung gibt es, zu finden unter www.nummergegenkummer.de

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