Einen Blick in das Leben der Menschen längst vergangener Epochen wirft Marcus Guckenbiehl bei Ausgrabungen.

Heimat-Archäologie

So fühlt sich ein Detektiv der Geschichte

Für die einen sind es einfach Scherben und Steine – für die anderen wertvolle Zeugen unserer Vergangenheit. Unermüdlich sind versierte Hobbyarchäologen im Landkreis unterwegs und haben schon richtungsweisende Funde gemacht, nach denen Geschichtsbücher neu geschrieben werden mussten. Im Tagblatt erzählen sie ihre Erlebnisse.

Germering– Baugruben sind für Archäologen immer besonders verlockende Orte. Denn wo der Oberboden abgetragen ist, können sie mit ihrer Detektivarbeit loslegen. So war das auch bei den Germeringer Einkaufspassagen (GEP). Und schließlich konnten die Ausgräber wieder ein Puzzelstück zum Gesamtbild der Heimatgeschichte hinzufügen.

Sie hofften auf ein Gräberfeld und fanden etwas anderes

Der erste Bauabschnitt begann dort, wo vorher ein Gartencenter stand. „Als dieses gebaut wurde, hatte man noch nicht gewusst, dass das Areal möglicherweise archäologisch interessant sein könnte“, berichtet Germerings Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl. Doch diesmal waren er und ein Grabungsteam vor Ort. Sie hofften auf ein bronzezeitliches Gräberfeld – gefunden haben sie etwas ganz anderes.

Die Arbeiten waren mühsam, Kellerräume und Sickerschächte der neuzeitlichen Bauten machten den Archäologen das Leben schwer. Als man immer tiefer kam, tauchten dann aber dunkle Verfärbungen im Boden auf: Diese wiesen eindeutig auf sehr alte Brunnen hin. „Die waren früher meist mit einem Holzkasten ausgeschachtet“, sagt Guckenbiehl. Das Holz ist längst verrottet, hat dabei aber für die dunkle Färbung im Boden gesorgt, und so die Ausgräber auf den Inhalt der ehemaligen Schächte hingewiesen. Dieser ist immer lohnend für Archäologen: Denn aufgegebene Brunnen dienten als Abfallgruben und enthalten oft aufschlussreiche Fundstücke.

Wie ein Indizienprozess

Das Fragment eines Feuerbockes wurde in der Baugrube der Germeringer GEP gefunden

Das Material aus dem Brunneninneren wurde also auch diesmal vorsichtig zu Tage befördert und untersucht. „Das ist superspannend“, sagt Guckenbiehl. „In Vor- und frühgeschichtlichen Zeiten gab es ja keine Schrift.“ Deshalb müsse man sich alles aus den Überresten erschließen. „Das ist wie ein Indizienprozess in der Kriminalistik.“ Nie wisse man, was einem erwarte.

Was da nun aus dem Schutt gezogen wurde, hatten Guckenbiehl und die anderen Ausgräber sicher nicht erwartet. „Das war schon etwas besonderes.“ Nachdem die Funde gewaschen waren, erwiesen sich einige als Teile eines so genannten Feuerbockes. Noch weiß niemand so genau, wozu diese Gegenstände dienten. Nun begann einmal wieder das Interpretieren. „Man weiß ja nicht, wie die Gedankenwelt dieser Leute ausgesehen hat“, so der Stadtarchivar.

Kultische Gegenstände

Die Feuerböcke in Stierform werden allgemein als kultische Gegenstände eingordnet. Der Sonnenkult sei stark vertreten gewesen, und der Stier spiele darin eine große Rolle. „Aber man neigt auch oft dazu alles als kultisch einzuordnen, für das man noch keine rechte Erklärung hat“, sagt der Stadtarchivar selbstkritisch. Doch egal, ob sich später noch herausstellen wird, dass Feuerböcke einen ganz anderen Nutzen hatten, wiedereinmal hat sich dem 48-Jährigen ein Fenster aufgetan, durch das er einen Blick in das Leben der Menschen von vielen Hundert Jahren tun konnte. Und das macht für ihn die eigentliche Faszination der Archäologie aus.

Guckenbiehl weiß auch, dass Finden und Ausgraben nur eine Seite der Medaille ist. Man müsse die Zeugen der Vergangenheit den heutigen Menschen auch zeigen, damit sie eine Vorstellung davon bekommen. In Germering gibt es dafür ein Museum, aber der Feuerbock wurde im Rahmen der Aktion BodenSchätze fast genau über der Fundstätte ausgestellt: In der Sparkasse im GEP. „Das ist natürlich noch einmal direkter“, freut sich Guckenbiehl.

Mehr zum Thema Feuerbock

Der Name Feuerbock ist eigentlich irreführend. Die Objekte aus der Bronze- und frühen Eisenzeit werden so genannt, weil sie Abstandshaltern für Feuerholz aus viel späteren Perioden rein optisch ähneln. Wozu sie gedient haben, weiß man bis heute nicht. Feuerböcke erinnern ein bisschen an die Vorderansicht eines stilisierten, etwas platt gedrückten Stierkopfes, mit ebener Standfläche. Sie sind in der Regel aus Ton, später aus Keramik, selten aus Stein. Oft sind sie mit Zickzack-Linien verziert. Verbreitet waren sie von Ostfrankreich bis Westungarn und von Böhmen bis in die Schweiz. Untersuchungen haben gezeigt, dass es sich bei Feuerböcken nicht um Gegenstände für den täglichen Gebrauch handelte. Sie wurden in einigen Gräbern gefunden, aber auch in Höhlen oder an Kultorten. Das könnte daraufhinweisen, dass Feuerböcke im religiösen Umfeld als Kultgegenstände verwendet wurden. Ab etwa 600 vor Christus verschwinden sie. In der fortschreitenden Eisenzeit haben sie wohl ihre Bedeutung für die Menschen verloren.

BodenSchätze

Alle in dieser Serie beschriebenen Fundstücke und noch viele mehr sind bis 30. August dezentral ausgestellt – meistens in der Nähe der Fundorte. Von 2. bis 27. September sind alle Objekte der Ausstellung zentral im Landratsamt zu sehen. Den Flyer mit weiteren Informationen gibt es im Internet unter www.historischer-verein-ffb.de unter dem Menüpunkt aktuelles, Ausstellungen zum herunterladen. Es gibt auch allgemeinverständliches ein Buch zur Ausstellung, in dem die Fundstücke erklärt werden. (Sabine Kuhn)

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