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Angelika und Christian Dischinger stoßen auf das Jubiläum ihrer Gärtnerei an – nicht auf das Ende.

Betrieb am Starnberger Weg geschlossen

Traditions-Gärtnerei ist jetzt Geschichte

Gärtner sein – für zwei Generationen der Familie Dischinger bedeutete das mehr als nur mit Erde, Wasser und Dünger Pflanzen zu züchten und dann zu verkaufen. Doch jetzt legt sich eine ungewohnte Ruhe über Gewächshäuser und Freiflächen am Starnberger Weg.

Germering – Christian (56) und Angelika (53) Dischinger sitzen an einem kleinen Gartentisch im ehemaligen Kassenraum der Gärtnerei. Die Regale sind fast leer. Nur noch einige bunte Plastikgießkannen und Tontöpfe stehen da. Das Betreiberehepaar gönnt sich eine Pause. Die Auflösung ihres Betriebes ist anstrengend – körperlich und seelisch.

Seit 1985 hat Christian Dischinger sechs Tage die Woche in der Gärtnerei gearbeitet, seit 1987 mit seiner Frau Angelika, die ihren erlernten Beruf als Arzthelferin dafür an den Nagel hängte. Und weil Pflanzen keine leblose Ware sind, mussten sie auch am siebten Tag gehegt und gepflegt werden. Vier Kinder haben die Dischingers in der Zeit groß gezogen. Für die Kinder war die Gärtnerei ein großer Spielplatz. „Sie fanden es immer toll hier aufzuwachsen, und haben sich nie hintangestellt gefühlt, das haben sie oft erzählt als sie älter waren“, sagte Mama Angelika.

Zur Gärtnerei kam Christian durch seinen Vater. Jakob Dischinger war Landschaftsgärtner. Auf einem gepachteten Grundstück an der Kriegerstraße startete er in den 1950er Jahre den Pflanzenverkauf. Auch einen kleinen Schaugarten gab es dort schon. Als ihm der Verpächter kündigte, war Dischinger senior ganz verzweifelt. Wo sollte er hin mit allen seinen Pflanzen?

Da wurde ihm das Grundstück am Starnberger Weg angeboten. „Es war ganz schön teuer für die damalige Zeit, mein Vater hat echt gezögert“, erzählt Christian Dischinger. Seine Mutter habe schließlich gesagt „Des machst jetzt“. Und so sei der Vater das Wagnis eingegangen. „Er hat hier wirklich mit Schaufel und Schubkarre angefangen.“ Auch der Weg in die Gärtnerei sei damals nicht einfach gewesen. Sie war nur über einen schmalen Schotterweg entlang der Bahngleise zu erreichen.

Der Betrieb entwickelte sich, auch weil Dischinger Senior immer neue Ideen hatte. „Er war ein echter Visionär des Gartenbaus“, sagt Dischinger junior. Der Senior hat auch Artikel und Bücher geschrieben. In den 1970er Jahren entstand auf dem Gärtnereigelände eine Art Freizeitparadies mit Minigolfplatz, einem großen Schach- und einem Mühlespiel.

Nach Abitur und Gärtner-Lehre stieg der Sohn in den Betrieb ein. 1985, mit 65 Jahren hörte Jakob Dischinger offiziell auf. Später machte sei Sohn die Meisterschule. 1988 war Hochzeit, danach kamen die Kinder. Bis auf die jüngste (15) stehen inzwischen alle auf eigenen Beinen.

Doch trotz guter Zufahrt und moderner Hilfsgeräte sind die wirtschaftlichen Bedingungen schwieriger geworden als in der Anfangszeit der Gärtnerei. Für kleinere Betriebe werde es immer problematischer, erklärt Christian Dischinger „Alles ist nur noch auf Gigantonomie aus. Längjährige Zwischenhändler hätten ihn zuletzt teils nur noch beliefern wollen, wenn er einen ganzen Bahnwaggon voller Erde abgenommen hätte – viel zu viel für seinen Bedarf. Überbordende Vorschriften von Pflanzenschutz bis Mutterschutz hätten dafür gesorgt, dass die Bewältigung der Buchhaltung zur üblichen Sonntagvormittag-Beschäftigung für ihn und seine Frau geworden sind.

Völlig verändert habe sich auch das fachliche Umfeld. „Die Gärten werden immer kleiner, die Leute haben nicht mehr den Bedarf an Pflanzen“, erklärt Christian Dischinger. Auch die Lebensgewohnheiten seien andere, viele wollten etwa durch einen Garten nicht in ihrem Reisedrang eingeschränkt werden. Fast völlig verschwunden sei der Selbstversorgungsgedanke, als Antrieb einen Garten zu bestellen. „Früher habe ich in einem Jahr 80 Zwetschgenbäume verkauft, heute sind es zwischen fünf und zehn.“ Die leidenschaftlich gartelnden Stammkunden seien zudem älter und gebrechlicher geworden. Sie müssten ihren Taten- und Einkaufsdrang zwangsläufig eindämmen.

Christian und Angelika Dischinger blieben trotz alledem bis zuletzt dem Konzept von Dischinger Senior treu: möglichst viele Pflanzen, die sie verkauften, haben sie auch selbst gezogen. „Dann wusste ich wenigstens, was ich den Kunden anbiete.“ so der 56-Jährige. In der Gärtnerei seien immer mindestens 80 Prozent der Pflanzen aus eigener Züchtung gekommen.

Beim großen Fest am Wochenende schmückten noch einige Blumen das Gewächshaus. Daneben waren Biertischgarnituren aufgebaut. Gefeiert wurden 60 Jahre Gärtnerei Dischinger, nicht der Abschied. Es kam Nostalgie auf – keine Wehmut. Viele Freunde, Weggefährten und Stammkunden waren gekommen. Es gab Getränke, Spießchen und Pizza. Höhepunkt der Feier war eine Diashow mit Bildern aus der Geschichte der Gärtnerei.

Viele Stammkunden bedauern den Schritt der Familie. „Ein Ehepaar hat nochmal ganz viel eingekauft und uns einen Geschenkkorb mitgebracht“, berichtet Angelika Dischinger ganz gerührt. Zum Fest im Gewächshaus kam ebenfalls kaum jemand mit leeren Händen.

Auch wenn in der Gärtnerei alles endgültig aufgeräumt sein wird, bleiben die beiden auf dem Grundstück wohnen. Ehemann Christian will die Gärtnerei komplett an den Nagel hängen „Aus ist aus – und gießen und Heckenschneiden werden mir ja sowieso bleiben.“ Angelika möchte sich einen kleinen, ganz privaten Garten herrichten, ein paar Blumen und Gewürze, alles überschaubar. Beide freuen sich auch, endlich mehr Zeit für sich und füreinander zu haben: zusammen verreisen, eigenen Interessen nachgehen. Christian fasziniert Archäologie, Angelika Sport und Sprachen.

Das große Grundstück der Gärtnerei, das im Rahmen das Neubaugebietes Kreuzlinger Feld bereits überplant worden ist, soll vorerst nicht verkauft werden. „Ich habe das immer als Vermächtnis meiner Eltern gesehen“, erklärt Christian Dischinger. Möglicherweise würde die nächste Generation noch einmal völlig neue Ideen entwickeln. „Wir sehen unsere Zukunft hier“, sagt der 54-Jährige.

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