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„Von Null auf hundert“: Ukraine-Flüchtlingshilfe wird zum Fulltime-Job - Behörden überfordert

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Von: Klaus Greif

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Peter Busch ist täglich acht Stunden im Einsatz, um Flüchtlingen zu helfen. Auch am Wochenende.
Peter Busch ist täglich acht Stunden im Einsatz, um Flüchtlingen zu helfen. Auch am Wochenende. © mm

Peter Busch ist im Helferkreis der Caritas aktiv und kümmert sich um die Flüchtlinge in der Unterkunft an der Industriestraße in Germering. Mit dem Ukraine-Kriegs kommen nun neue Herausforderungen.

Germering – Der 68-Jährige hat bei seiner Tätigkeit schon viel erlebt. Die seit Wochen nach Germering kommenden Flüchtlinge aus der Ukraine stellen ihn aber vor unerwartete Herausforderungen.

„Ich habe jetzt einen Fulltime-Job. Acht Stunden am Tag, auch am Wochenende. Meine Frau muss schon auf mich aufpassen, dass es nicht zu viel wird“, erzählt der Ingenieur im Ruhestand im heimischen Wohnzimmer. Beim Gespräch mit ihm wird schon ein wenig klar, was er meint: Immer wieder klingelt sein Handy. Am anderen Ende sind wahlweise Mitarbeiter der Ausländerbehörde des Landratsamts, die auf seine Anfragen antworten, oder andere Helfer, die seinen Rat brauchen.

Ukraine-Flüchtlinge in Bayern: Behörden überfordert - Ehrenamtlicher Helfer berichtet

Was die jetzige Situation von der 2015 einsetzenden Flüchtlingskrise unterscheidet, ist aus Sicht des ehrenamtlichen Helfers die Geschwindigkeit: „Es ging jetzt von Null auf Hundert.“ Das habe auch die Behörden überfordert. Für ihn selbst bedeute es, dass er sich innerhalb von wenigen Tagen zusätzlich zu den Flüchtlingen in der Industriestraße um 19 Menschen aus der Ukraine kümmern muss. Die sind mittlerweile alle entweder bei Germeringer Privatpersonen untergekommen oder haben einen Platz in Wohnungen der Stadt erhalten.

Dass sie dennoch weiter Hilfe brauchen und diese Hilfe meist er mit seiner Frau und weiteren Helfern leiste, ist unter anderem den bürokratischen Anforderungen geschuldet. Das beginnt bei der so genannten Selbstanmeldung, die das Landratsamt benötigt. Die Formulare gibt es nur auf Deutsch und im Internet – diese online auszufüllen stelle aber sogar hilfsbereite Germeringer vor Probleme, erzählt Peter Busch. Von den Flüchtlingen selbst ganz zu schweigen.

Alle weiteren Infos zum Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen in Bayern lesen Sie hier auf unserer Themenseite Ukraine-Flüchtlinge.

Die notwendige Anmeldung bei der Stadt lief laut Busch unbürokratischer: „Die Verwaltung hat eine Sammelanmeldung außerhalb der Sprechzeiten im Rathaus ermöglicht.“ Auch die nächste Anforderung konnte relativ zügig erfüllt werden: Um Zahlungen an die Flüchtlinge zu ermöglichen, fordere das Landratsamt von jeder Familie, dass sie ein Konto eröffnet. Die Sparkasse habe dies unbürokratisch ermöglicht, erzählt Busch.

Ukraine-Krieg: Flüchtlinge brauchen Hilfe bei Behörden - „Belastet schon enorm“

Es reiche ein gültiger ukrainischer Pass. Aber natürlich können dies die Flüchtlinge nicht alleine bewältigen – es braucht immer mindestens einen Helfer. Und meistens ist es Peter Busch, auf den alle zukommen, weil er bekannt für seine Effektivität ist. Der Helfer gesteht: „Das belastet mich schon enorm.“

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Mit die meiste Arbeit beim Erfüllen der bürokratischen Erfordernisse macht aus Sicht der Helfer der so genannte Antrag auf einen Aufenthaltstitel: „Das sind sechs Seiten, die für alle Familienmitglieder ausgefüllt werden müssen. Auch für kleine Kinder.“ Das größte Problem sei dabei, dass man diese Formulare nicht online ausfüllen kann, was die Arbeit sehr erleichtern würde. So müsse alles händisch gemacht werden. Er sei mit seiner Frau einen ganzen Abend am Tisch gesessen, um das zu erledigen.

Flüchtlinge in Bayern: „Ukraine-Krieg hat möglicherweise Helfersyndrom geweckt“

Über die bürokratische Hilfe hinaus gibt es aber noch ganz praktische Anforderungen, die immer öfter an den ehrenamtlichen Helfern hängen bleiben. Die von der Stadt zur Verfügung gestellten Wohnräume in einem Haus seien nur minimal eingerichtet worden. Die Helfer hätten sich also selbst um eine zusätzliche Möblierung gekümmert. Beim Transport haben unter anderem junge Flüchtlinge aus der Unterkunft an der Industriestraße tatkräftig mit angepackt.

Bei aller Einzelkritik äußert Peter Busch auch viel Verständnis für die Mitarbeiter im Landratsamt: „Die müssen natürlich immer alle Formalitäten erfüllen. Außerdem stoßen sie personell an ihre Grenzen.“ Zudem hätte auch Corona die Flüchtlingshilfe vor Ort schwieriger gemacht: Seit Beginn der Pandemie gibt es an der Industriestraße keine hauptamtliche Betreuung durch die Caritas mehr.

Auch der Helferkreis selbst ist zahlenmäßig geschrumpft. Peter und Irene Busch hoffen deswegen auf zusätzliche Freiwillige, die sich engagieren. Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht: Seit Beginn der Krise haben sich schon zwei Germeringer gemeldet. Peter Busch: „Der Ukrainekrieg hat möglicherweise das Helfersyndrom geweckt.“

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