Das Tagblatt fragt nach 

Wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht

Landkreis - In der Arbeitswelt geht der Trend hin zu flexiblen Arbeitszeiten und offenen Bürokonzepten. Doch nicht immer passt das zu den Strukturen von Unternehmen. 

Große Veränderungen sind auf dem Gelände der Europazentrale Techtronic Industries (TTI) an der Ganghofer Straße in Gernlinden im Gange. Der Anbieter von Elektrobauteilen investiert auf rund 30 000 Quadratmetern. Das bestehende Gebäude wird modernisiert, ein neues gebaut. Die TTI-Zentrale soll einerseits den Status des Unternehmens symbolisieren, das international aktiv ist. Andererseits sollen sich die rund 500 Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen. Menschen aus 52 verschiedenen Ländern arbeiten bei TTI in Gernlinden. Unter anderem deshalb ist geplant, im künftigen Lager einen multireligiösen Gebetsraum zu bauen. Personalleiter Thomas Dudenhöffer sagt, den Raum könne jeder nutzen, um zur Ruhe zu kommen.

Vollerwerbstätige verbringen in Deutschland mehr als 41 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz. Das ist etwa ein Viertel der kompletten Lebenszeit. Die Freizeit frei und flexibel zu gestalten, ist oft nicht möglich. Viele wünschen sich eine bessere Work-Life-Balance. Unternehmen reagieren auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter, indem sie mehr Flexibilität im Job ermöglichen. Die Microsoft-Zentrale der Schwabinger Parkstadt gilt als Paradebeispiel für ein modernes Büro- und Arbeitskonzept. Die Angestellten haben weder einen festen Arbeitsplatz noch müssen sie unbedingt zum Arbeiten ins Büro kommen. Wer will, kann jederzeit von Zuhause aus arbeiten.

Das Ziel ist, attraktiv für Arbeitnehmer zu bleiben

Auch große Arbeitgeber aus dem Landkreis machen sich Gedanken zur Zukunft des Arbeitsplatzes. Das Ziel ist, attraktiv für Arbeitnehmer zu bleiben und im Kampf um die besten Bewerber zu punkten. Dabei gehen viele den Mittelweg zwischen offenen Bürolandschaften und ruhigen abgeschotteten Einzelarbeitsplätzen. Es ist eine Gratwanderung, die die Unternehmen beschreiten müssen. Einige Firmenchefs stellen fest, dass flexible Arbeitskonzepte nicht immer zur Struktur und Arbeitsweise ihres Unternehmens passen.

Mehr als 800 Menschen arbeiten im Landratsamt, davon rund 100 in Teilzeit. Etwa 20 Mitarbeiter können von zuhause aus arbeiten. Im Bürgerservice-Zentrum hat man feste Arbeitsplätze abgeschafft. Wer morgens kommt, setzt sich dahin, wo etwas frei ist. Landkreis-Einwohner können hier ihr Auto zulassen oder den Führerschein abholen. Doch es gibt Bereiche im Landratsamt, auf die so ein offenes Konzept nicht passt. Insbesondere dort wo die Mitarbeiter mit sensiblen Bürgerdaten zu tun haben. Sprecherin Ines Roellecke sagt vor diesem Hintergrund: „Das offene, flexible Büro hat auch Grenzen.“

Und nicht alle Mitarbeiter arbeiten gerne im Großraumbüro. Teile des Gebäudes wurden umgebaut. „Es ist nicht mehr so: Ein Gang mit Zimmern rechts und links“, sagt Roellecke. Man habe versucht, offen zu gestalten. Nun gebe es Empfangsbereiche vor den Büros. Doch einige Mitarbeiter störten sich an der gestiegenen Lautstärke. „Es sind auch schon wieder Wände eingezogen worden.“

„Unsere Mitarbeiter sollen nicht das Gefühl haben, sie sind eine austauschbare Ressource“

Jürgen Biffar, Chef von DocuWare in Germering, spürt den Trend der Branche. 90 Prozent der 100 Mitarbeiter in Germering arbeiten quasi auf Vertrauensbasis. Es wird nicht kontrolliert, wann wer kommt und geht. Im Büro hat man Wände abgebaut und schalldämmende Raumteiler eingezogen. Gleichwohl hält Biffar wenig von rotierenden Arbeitsplätzen wie bei Microsoft. „Bei uns hat jeder seinen eigenen Schreibtisch“, sagt er. Ein fester Arbeitsplatz stärke die emotionale Bindung zum Unternehmen. „Unsere Mitarbeiter sollen nicht das Gefühl haben, sie sind eine austauschbare Ressource.“ Genau einen solchen Entfremdungsprozess befürchte er, wenn Angestellte jeden Tag auf einem anderen Platz und neben anderen Kollegen sitzen würden.

Auch bei der Sparkasse Fürstenfeldbruck hat jeder Mitarbeiter seinen festen Arbeitsplatz. 770 Menschen arbeiten dort, davon 250 in Teilzeit. Selbst wenn Chef Klaus Knörr die Bank-Filiale in ein einziges Großraumbüro umwandeln wollen würde: Es würde nicht funktionieren. Schließlich könnten sich Kunden daran stören, mit einen Mitarbeiter über ihren Kontostand zu reden, wenn am Nachbarschreibtisch andere Kunden zum Beratungsgespräch sitzen. „So einfach ist das alles nicht zu machen.“ Auch Homeoffice sei aus Datenschutzgründen nur bedingt möglich. Die Arbeitsweise sei eben durch Rahmenbedingungen bestimmt.

Ähnlich sieht das TTI-Personalchef Thomas Dudenhöffer. Weder setze man auf kleine Einzelbüros noch auf ein riesiges Großraumbüro, sondern auf ein Optimum aus beiden. Es gebe zum Beispiel sogenannte Silence-Boxen, in welche die Mitarbeiter sich zurückziehen können, wenn sie ein vertrauensvolles Gespräch führen müssen oder konzentriert arbeiten wollen. Bei der Neugestaltung des bestehenden und neuen Gebäudes holt sich TTI Hilfe von professionellen Büroarchitekten. Auf deren Homepage ist zu lesen: „Die oftmals fehlende Qualität moderner Arbeitsplätze und Bürokonzepte hat eine deutliche Steigerung von Nutzerbeschwerden hervorgerufen.“

rat

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

CSU fordert abschließbare Fahrradboxen am Bahnhof
Nach Ansicht der CSU würden weit mehr Bürger der Gemeinde mit dem Fahrrad zur S-Bahn kommen, wenn es dort sicherer abgestellt werden könnte.
CSU fordert abschließbare Fahrradboxen am Bahnhof
Der Schweinehund-Bezwinger
Robert Schramm, 52, ist Extrem-Sportler. Unter anderem läuft er mit Anfang 50 die längsten Treppen der Welt nach oben. Wie er das macht? Reine Kopfsache. Über ein …
Der Schweinehund-Bezwinger
„Hier ist alles schnell erreichbar“
 Niemand kennt die Brucker Straßen so gut wie die Menschen, die in ihnen wohnen. Sie erleben sie bei Tag und Nacht. Sie wissen, wo die schönsten Ecken und gemütlichsten …
„Hier ist alles schnell erreichbar“
Ehepaar gerätvöllig aus der Bahn
Ein völlig aus der Bahn geratenes Ehepaar beschäftigt Gerichte, Polizei und den gesetzlichen Betreuer. Die Situation droht zu eskalieren. Bei den Nachbarn liegen die …
Ehepaar gerätvöllig aus der Bahn

Kommentare