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„Es kostet Energie, sich nach einem anstrengenden Arbeitstag noch hinzusetzen“: Philipp Stoll ist Vorsitzender Richter am Landgericht – und Autor.

Porträt

Germeringer schreibt Roman - und urteilt selbst

Germering - Schon seit seiner Schulzeit schreibt Philipp Stoll Geschichten. Meistens für sich und Menschen in seinem direkten Umfeld. Doch nun hat der 55-jährige Richter aus Germering seinen ersten Roman veröffentlicht: „Blutsbrüder und Passanten“.

Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart reicht die Geschichte von Harri und Max. Erzählt wird sie aus der Ich-Perspektive des Harri. Er berichtet von der Blutsbrüderschaft mit dem hochbegabten Max – ein Bund fürs Leben, den sie im Münchner Stadtteil Sendling schließen und der schließlich doch auf dem Dach eines Hochhauses in Sao Paulo zerbricht.

Der Roman erzählt aber auch von Harris Erfolg als Geschäftsmann und warum er diesen Erfolg an den Nagel hängt. Ein Thema, das Stoll insbesondere interessierte und das sozusagen der Katalysator für die Entstehung des Romans war. „Es hat mich interessiert zu schildern, wie jemand einen erfolgreichen Weg geht und dann feststellt, dass es ein Irrtum war“, sagt der Autor, der seit 33 Jahren Germeringer ist und zuvor in Puchheim und Schöngeising lebte. Doch statt an diesem Irrtum zu verzweifeln, besinnt sich Harri auf Existenzielles zurück und zieht Mut aus seiner Situation.

Der philosophische Ansatz der Geschichte kommt nicht von ungefähr. Schließlich hat Stoll Philosophie studiert. Aber auch das Thema Gerechtigkeit spielt in „Blutsbrüder und Passanten“ eine Rolle. Auch keine Überraschung, denn Stoll ist Vorsitzender Richter am Landgericht.

Autobiografische Elemente seien im Roman aber nur in Nuancen vorhanden. So wurde Stoll in München geboren und lebte zwischen dem fünften und 13. Lebensjahr in Sendling, wo sich auch die Protagonisten Harri und Max begegnen. Stoll kennt also das Umfeld seines Romans – allerdings aus einer Perspektive etliche Jahre nach den Ereignissen seiner Geschichte: „Meine Protagonisten wurden 1949 geboren, ich 1960.“ Das Streben, Geschichten zu erzählen, kommt aber aus einer anderen Richtung.

„Jeder hat nur ein Leben“, sagt der Vater dreier Kinder. Durch das Schreiben biete sich die Möglichkeit, alternative Lebenswege auszuloten, andere Leben, die man selbst nicht führen kann, auszukosten – und sei es nur auf dem Papier.

Stoll bedient sich hierfür einer durchaus anspruchsvollen Sprache, ohne jedoch dabei den Lesespaß in den Hintergrund zu stellen. An einem Punkt bekommt „Blutsbrüder und Passanten“ sogar Züge eines Krimis. Rund drei Jahre hat Stoll an seinem Buch gearbeitet, das er schließlich über die Plattform Books on Demand publizierte. Dabei beschränkte sich die Arbeitszeit auf wenige Tage in der Woche. „Es kostet Energie, sich nach einem anstrengenden Arbeitstag noch hinzusetzen“, sagt Stoll. Energie, die er selbst nur selten aufbrachte. „Damit bleiben eigentlich nur Wochenende und Urlaub zum Schreiben.“

Das heißt aber nicht, dass sich der Autor in der Zeit dazwischen nicht mit seinen Werken befasst. „Ich habe immer einen Notizblock dabei, um Ideen oder Geistesblitze festzuhalten.“ Wenn er diese dann zu Papier bringt, tut er dies im ersten Anlauf noch ganz klassisch mit Stift und Papier. „Das Schreiben am PC schafft meiner Ansicht nach schon eine erste Distanz zwischen Autor und Text“, erklärt Stoll. Beim handschriftlichen Arbeiten würden die Gedanken dagegen unmittelbarer aufs Papier fließen. Erst später überträgt Stoll seinen Text dann in digitale Form.

von Andreas Daschner

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