Jubiläum

Gernlindner Gaudiwurm rollt seit 70 Jahren

Der Faschingszug in Olching mag zwar der größte in der Region sein. Doch der Gaudiwurm in Gernlinden hat sechs Jahre mehr auf den Buckel. Damit zählt der Zug zu den ältesten im Landkreis. Seit 70 Jahren rollt er durch den Ort. Eines aber ist heuer anders.

GernlindenAls großen fröhlichen Faschingsumzug preist die Gemeinde Maisach ihren Gaudiwurm im Ortsteil Gernlinden. Bedeutend für die Gernlindner war der Gaudiwurm schon immer, wenn auch nicht so groß wie heutzutage. Wo mittlerweile Wagenbauer wahre architektonische Kunstwerke auf die Straßen zaubern, begann alles ganz bescheiden vor 70 Jahren – und zwar mit Ochsen-Fuhrwerken, die natürlich herausgeputzt waren. „Zur erheiternden Darstellung von ländlichen Gegebenheiten“, wie sich Jakob Sailer an Erzählungen aus seiner Jugend erinnert. Die Anfänge des Faschingszugs hat das Vorstandsmitglied des Gernlindener Ortskartells selbst nicht bewusst miterlebt. Doch schon seit 54 Jahren begleitet der jetzt 72-Jährige das närrische Spektakel mit seiner Kamera.

Kein Geheimnis um Wagenmotive

So kann er sich daran erinnern, dass sich viele Wagenbauer am Gut Gernlinden trafen. „Dort war Platz, und so ein Geheimnis aus den Motiven wie heute hat man auch noch nicht gemacht.“ Damals habe man aber auch nicht so viel Zeit gehabt, so dass alles relativ knapp vor dem Zug erst fertig wurde.

Dennoch bekamen die Besucher durchaus Abwechslung geboten, wie Ortskartell-Vorsitzender Christian Kemether erklärt: „Früher hat sich jedes Jahr ein anderer Verein um die Koordination des Zuges gekümmert.“ Dazu gehörte auch die Auswahl der meist ortsbezogenen Themen. Das Kartell der Gernlindener Ortsvereine hat diese Aufgabe erst 2005 übernommen.

Themen werden wieder aktuell

Freilich hat Kemether ebenfalls festgestellt, dass manche Themen nach mehreren Jahren Pause wieder brandaktuell werden. Das zu kleine Rathaus in Maisach, das Bürgermeister Gerhard Landgraf in den 1980er-Jahren erweitern wollte, erhält durch den Neubau des Gemeindezentrums mit Sitzungssaal aktuellen Bezug. Und die Wagenbauer, die vor Jahrzehnten die Pkw-Maut auf die Schippe nahmen, bräuchten heute fast nur die Namen austauschen.

Sogar die jüngere Geschichte der Nachbarstadt Fürstenfeldbruck wurde schon beim Gernlindner Gaudiwurm thematisiert, von den Stüberlhockern. So nannte sich ein Stammtisch, der lange bestand. Viele seiner Mitglieder arbeiteten am Fliegerhorst. Dort war zehn Jahre nach dem Olympia-Attentat von 1972 eine Dokumentation gedreht worden. Zu der Filmkulisse gehörte unter anderem die Attrappe eines Hubschraubers. „Den haben die Stüberlhocker beim Faschingszug vorgeführt“, erinnert sich Sailer.

Bahnschranke bremst Faschingszug aus

Auch die Bahn „rauscht“ gewissermaßen mit ihren verschiedenen Themenbereichen durch den Gaudiwurm. Bis Anfang der 1980er-Jahre war das freilich auch für den Faschingszug selbst so eine Sache mit dem Rauschen. Denn auf der damaligen Strecke, die vom Gut Gernlinden ausging, musste auch der Bahnübergang passiert werden. „Das hat sich oft lange gezogen, im wahrsten Sinne des Wortes“, erinnert sich Sailer. Ungefähr alle zehn Minuten sei nämlich ein Zug gekommen und die Schranken seien nach unten gegangen. „Manchmal hat es eine Stunde gedauert, bis alle Wagen durch waren“, so Sailer. Mancher Zugteilnehmer nahm’s dennoch mit Humor und protestierte einfach, indem er einen kleinen Kran auf seinen Wagen stellte. „Ein humorvoller Vorschlag, wie es hätte schneller gehen können“, meint Sailer.

Wagen werden größer

Mit dem Bau der S-Bahn Anfang der 1970er-Jahre wurde allerdings der Übergang ebenso Geschichte wie die Streckenführung des Faschingszuges. Die Route beginnt seitdem am Feuerwehrhaus und endet am Bürgerzentrum. Die Wagen begannen in jenen Jahren größer zu werden. Damals wurde schon auf die Sicherheit geachtet, wie Sailer betont.„Auch wenn der TÜV heute genau kontrolliert, Verkleidungen und Geländer gab es früher auch schon.“

Mit der Attraktivität der Wagen begann auchdie Anziehungskraft des Gaudiwurms zu wachsen. Wo in den Anfängen nur die Dorfbewohner kamen, sammeln sich mittlerweile mehrere tausend Besucher. Die mussten in den 70 Jahren nur eine Absage hinnehmen: 1991 wegen des Golfkrieges.

Traditionell fahren immer viele Wagen, die in Gernlinden mit dabei sind, auch in Olching. Doch einmal, nämlich vor eineinhalb Jahrzehnten, erteilten die Gernlindner den Olchingern eine Absage. Nach ein paar Reibereien hatten es die Olchinger nach Ansicht der Gernlindener zu weit getrieben. „Wir sind dann zu Hause geblieben, und kein Wagen ist nach Olching gefahren“, erzählt Sailer. Die Olchinger hätten dann sehr schnell gemerkt, „dass auch ein großer Zug jeden Wagen braucht, um ein großer Zug zu bleiben“. Die Botschaft kam an.

Erstmals wird auf Jury verzichtet

Den Ehrgeiz am Zug teilzunehmen, stachelten die Gernlindener fast von Anfang an mit dem Wettbewerb um den besten Wagen an. Meist war die Jury mit neutralen Personen wie dem Bürgermeister oder Bankvertretern besetzt. Geldpreise gab es erst seit 2005. Heuer, im Jubiläumsjahr, gibt es wieder eine Neuerung: Erstmals verzichtet das Kartell auf eine Jury. „Da kommen doch sehr subjektive Meinungen zusammen“, erklärt Kemether. Deshalb wolle man es ganz entspannt mal ohne Jury versuchen. In München funktioniere das schon, berichtete er weiter.

Erstmals wird auch nicht der Fanfarenzug Gernlinden den Gaudiwum anführen, sondern der Wagen des Kartells. Behördliche Auflagen zur Sicherheit machen das notwendig.

Was bestehen bleibt, sind die Zeichen, Aufkleber, die eine Art Eintrittskarte sind und die es seit 2000 zu kaufen gibt. Im Gegensatz zum Olchinger Komitee, das einen festen, wenn auch freiwilligen Betrag von zwei Euro festgesetzt hat, zahlt in Gernlinden jeder, was er kann und was er mag. Der Gernlindner Fasching solle bodenständig bleiben, so Kemether. Allerdings merkt er schon an, dass der Faschingszug mehr und mehr ins Geld geht. Der Einkauf der Bonbons und der Sicherheitsdienst zählen zu den größten Ausgabeposten.

Fasching in Gernlinden

Der Faschingssonntag beginnt um 13 Uhr mit einem Treiben vor dem Bürgerzentrum. Um 14 Uhr startet der Zug in der Heinzingerstraße. Er rollt durch Brucker, Graf-Toerring, Maisacher, Frühling- und Berlepschstraße bis zum Bürgerzentrum. Dort treten Garden auf und das das Kartell der Ortsvereine zeigt eine Ausstellung rund um „70 Jahre Faschingszug“.

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