+
Fündig geworden: Rafael Suslow (l.) und Steffen Stern mit der alten Zeitungsseite. 

In Grafrath

Alte Zeitung gefunden: Pflegermangel war schon 1969 ein Thema

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
    schließen

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde. Dass er zumindest im Pflegebereich kein neues Thema ist, zeigt eine Zeitung, die im Fundus des Altenwerks Marthashofen aufgetaucht ist. Und das Presseprodukt ist immerhin 50 Jahre alt.

Grafrath „Die Schwarzhaarige habe ich mit dem Lasso in Jugoslawien eingefangen. Sie ist gleich im Auto mitgekommen.“ Mit diesem flapsigen Spruch des Marthashofen-Gründers Hasso Freiherr von Gillhausen beginnt der Artikel aus den Brucker Nachrichten vom Wochenende, 14./15. Juni 1969. Unabhängig von der Frage, ob die Lasso-Metapher heute noch als politisch korrekt gelten kann, gilt die Aussage vom Grundsatz her nach wie vor. Vielleicht deswegen sagt der heutige Marthashofen-Geschäftsführer Rafael Suslow: „Als wir die Zeitung beim Aufräumen gefunden haben, mussten wir lachen.“ Wohl Galgenhumor, denn: „Wir haben gedacht, Fachkräftemangel sei nur ein aktuelles Thema.“

Ohne ausländische Kräfte wäre es nicht zu schaffen

Doch Suslow und sein Geschäftsführer-Kollege Steffen Stern finden sich im Gillhausen-Zitat durchaus wieder. „Wir würden es ohne ausländische Kräfte nicht mehr schaffen“, sagt Suslow. Rund 100 Mitarbeiter gibt es in Marthashofen, davon etwa drei Viertel Pflegekräfte. Und die kommen aus aller Herren Länder. „Locker die Hälfte ist aus dem Ausland“, sagt Suslow. Vor allem aus Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien und Polen rekrutiert sich der Mitarbeiterstab. Aber auch aus anderen Ländern, zum Teil sogar aus Südamerika, kommen die Pflegekräfte. „Eigentlich fehlen bei uns nur Vertreter vom asiatischen Kontinent.“

Es fehlen Pflegerinnen und Stationsschwestern

Dabei benötigt das Altenwerk dringend Fachkräfte. „Aber Bewerbungen sind selten“, sagt Stern. Und Suslow ergänzt: „Auf die jüngste Ausschreibung haben wir gar keine bekommen.“ Auch eine Situation, die sein Vorgänger nur zu gut kannte. „In Marthashofen fehlen Pflegerinnen, noch dringender Stationsschwestern“, heißt es in dem Artikel von 1969 weiter. Baron von Gillhausens Frau Margarete stöhnt außerdem: „Für eine tüchtige Schwester, auf die ich mich wirklich verlassen kann, zahle ich jeden Preis.“ Darin liegt auch einer der Hauptunterschiede zu heute. Denn dieser Tage ist laut Suslow eines der größten Probleme, dass sich das Pflegepersonal mit seinem Tariflohn die Mietpreise rund um München nicht leisten kann.

Gehälter nach damaligem Standard gar nicht so übel

Dagegen kann man nachlesen, dass sich 1969 „die Gehälter gar nicht so übel ausnehmen“. Freilich nach damaligem Standard, denn 400 Mark wurden für Hilfspflegekräfte bezahlt, 700 bis 750 Mark waren es für ausgebildete Krankenschwestern. Enttäuscht sind Suslow und Stern von der großen Politik. So hat Gesundheitsminister Jens Spahn zwar 13 000 Stellen in der Altenpflege ausgelobt. Doch Suslow fragt sich: „Aber wie soll man die besetzen, wenn wir uns jetzt schon schwer tun?“ Der Fachkräftemangel sei Fakt, doch die Politik finde nur schöne Worte.

Ausbildung wird komplexer

Weitere Herausforderungen bringt die so genannte Generalistik ab 2020 mit sich. „Dann werden die Berufe des Alten-, des Kranken- und des Kinderkrankenpflegers zum Berufsbild Pflegefachmann zusammengefasst werden“, erklärt Stern. Dabei sei immer noch nicht klar, wie das genau funktionieren soll. Nur soviel sei klar: „Wir dürfen zwar weiter ausbilden, aber es wird alles komplexer.“ In Marthashofen – übrigens nach Baron von Gillhausens Tante Martha benannt, von der er das Grundstück geerbt hatte – wird man wohl weiter auf Personalsuche im Ausland gehen müssen.

Fachausbildungen aus dem Ausland werden oft nicht anerkannt

Doch auch das birgt ein Problem: Ausländische Fachausbildungen werden in Deutschland nicht automatisch anerkannt. Das entsprechende Verfahren dauert für EU-Bürger ein bis eineinhalb Jahre, für Nicht-EU-Bürger sogar länger. So lange werden die Mitarbeiter als Pflegehilfskraft eingestellt. Angesichts des Fachkräftemangels sagt Stern: „Wir warten gerne.“ Viel anderes bleibt ihm auch nicht übrig.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Traktor überschlägt sich mehrfach - Straße gesperrt
Eine Traktorfahrerin ist am Dienstag im Graben gelandet. Das Fahrzeug hat sich mehrfach überschlagen. Die 27-Jährige wurde dabei verletzt.
Traktor überschlägt sich mehrfach - Straße gesperrt
Weideschwein mit Hammer erschlagen und ausgenommen - Landwirt findet abgetrennten Kopf
Grausiger Fund an der B2 bei Germering: Unbekannte haben ein Weideschwein mit einem Hammer erschlagen und ausgenommen. Der Bauer fand nur noch den abgetrennten …
Weideschwein mit Hammer erschlagen und ausgenommen - Landwirt findet abgetrennten Kopf
Satire über den Familienurlaub
Wenn schon heuer keine Sommerfrische auf Kreta möglich ist, dann frischt man eben seine Urlaubserinnerungen auf. So entstand das literarische Erstlingswerk des Estinger …
Satire über den Familienurlaub
Umweltbeirat darf Publikum ausschließen
Die Sitzungen des Umweltbeirates sind eigentlich generell öffentlich. In Eichenau wird sich das in Zukunft ändern.
Umweltbeirat darf Publikum ausschließen

Kommentare