Auch der Baum verbindet sie: Ingeborg Schöpf und Dorothea Reuter (r.) an der Tanne an der B 471 bei Grafrath.
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Auch der Baum verbindet sie: Ingeborg Schöpf und Dorothea Reuter (r.) an der Tanne an der B 471 bei Grafrath.

Eine geschmückte Tanne entlang der Bundesstraße

Die wahre Geschichte vom Weihnachtsengel

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Entlang der B 471 steht eine weihnachtlich geschmückte Tanne auf einer Lichtung am Straßenrand. Auf eine besondere Art verbindet sie zwei Frauen aus dem Landkreis.

Grafrath – Wer in der Weihnachtszeit auf der B 471 von Grafrath Richtung Inning unterwegs ist, kann sie nicht übersehen – die liebevoll geschmückte Tanne auf einer Lichtung am Straßenrand. Sie erfreut mit ihren Kugeln, Strohsternen und Girlanden vorübereilende Autofahrer, unter ihnen auch Ingeborg Schöpf aus Fürstenfeldbruck. Für sie wurde die Grafratherin, die den Baum jedes Jahr schmückt, zum ganz persönlichen „Engel 2020“.

Das Jahr hat die Bruckerin und ihre Familie ganz schön gebeutelt. „Wir haben ordentlich Federn gelassen“, sagt die 46-Jährige. „Mein Mann und ich sind beide in der Gastronomie tätig und befinden uns in Kurzarbeit.“ Sie war dringend auf der Suche nach einem Zusatzverdienst, als sie zufällig eine frühere Kollegin traf. Die erzählte, dass sie gerade ihren Minijob in einem Bioladen in Grafrath aufgegeben habe und die Ladenbesitzerin nun nach Ersatz suche.

Weihnachtsbaum hinter Leitplanke: Dieser Anblick sorgt bei vielen Autofahrern für Freude.

Gleich am nächsten Tag machte sich Ingeborg Schöpf auf den Weg nach Grafrath und stellte sich im Naturkostladen bei Dorothea Reuter vor. „Ich bin als fremder Mensch da reingegangen und hatte fünf Minuten später den Job“, staunt die Mutter dreier Töchter noch immer.

Seitdem arbeitet sie nebenbei in dem Geschäft an der Hauptstraße. Regale einräumen, beraten, bedienen, putzen – sie macht alles, was gerade anfällt. Zusätzlich zu dem systemrelevanten Minijob hat Ingeborg Schöpf „viele gute Worte“ von Dorothea Reuter bekommen. Die beiden haben sich ganz offensichtlich gesucht und gefunden. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass Reuter diejenige ist, die die exponiert stehende Tanne an der Bundesstraße 471 mit Weihnachtsschmuck verschönert.

„Der Baum faszinierte mich schon länger“, erzählt Ingeborg Schöpf. So ging es Dorothea Reuter auch – und offenbar noch jemandem, denn eines schönen Dezembertages vor ein paar Jahren stand die Tanne plötzlich in weihnachtlichem Glanz da. Im Jahr darauf das gleiche Spiel, doch dann war plötzlich Schluss. Der Advent war gekommen, doch der Baum trug immer noch seinen grünen Naturlook.

Daraufhin übernahm Dorothea Reuter das Schmücken kurzerhand selbst. „Es hat Riesenspaß gemacht“, erinnert sie sich.

Im Naturkostladen: Ingeborg Schöpf und Dorothea Reuter (r.) haben sich gesucht und gefunden.

Besonders genoss sie das Gefühl, wie ein Heinzelmännchen anderen eine Freude zu machen – ohne dass jemand wusste, wer dahinter steckte. Einen Schreck bekam sie nach Weihnachten beim Abschmücken. In den Zweigen steckte ein Brief. „Ich hatte Angst, dass ich vielleicht eine Grenze überschritten hatte und sich jemand beschwert“, erinnert sich Dorothea Reuter.

Doch das Gegenteil war der Fall. Die Familie, die den Baum in den Vorjahren geschmückt hatte, bedankte sich herzlich. Dort war einige Monate zuvor der Vater gestorben, und die Witwe hatte den Baumschmuck gebraucht, um das Grab weihnachtlich zu verzieren.

Inzwischen trifft sich Dorothea Reuter zu Beginn der Adventszeit mit der aus dem Landkreis Landsberg stammenden Frau und ihrem Sohn. Dann schmücken sie den Baum alle gemeinsam. Und die vorübereilenden Autofahrer blinken und hupen vor Freude. Dem Weihnachtsengel sei Dank.

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