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Michael Fischer blickt von seinem Balkon direkt auf die Baugrube. Wo einst die Villa war, entstehen mehrere Wohnhäuser.

Berühmter komponist war oft in Grafrath

Er hütet das Andenken der Orff-Villa

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Grafrath und Carl Orff – die Namen der Ampergemeinde und des Komponisten sind eng miteinander verbunden. Schließlich verbrachte Orff seine Kindheit in weiten Teilen im Ortsteil Unteralting. Doch wo die Familie einst ihre Villen hatte, klafft heute eine Baugrube

Grafrath – Direkt gegenüber dieser Baugrube lebt Michael Fischer. Wohnhäuser werden auf dem Grundstück derzeit gebaut. Fischer hat von seinem Balkon aus einen guten Blick auf die Arbeiten. Wenn heute davon die Rede ist, dass die alte Orff-Villa den neuen Wohngebäuden weichen musste, widerspricht der Grafrather Schreiner aber. Es sei vielmehr die Villa der Orff-Tochter Godela Büchtemann-Orff, die nun den Abrissbirnen zum Opfer fielen.

Für Fischer ist und bleibt die „alte Orff-Villa“ dagegen der bereits in den 1980er-Jahren abgerissene Vorgängerbau. Er stand an gleicher Stelle wie das Wohnhaus der Orff-Tochter. Aus dem von Christel Hiltmann geführten Ortsarchiv kann man entnehmen, dass Heinrich Orff, der Vater des späteren Carmina-Burana-Komponisten, das Anwesen 1906 gekauft hatte.

Der pensionierte Offizier setzte sich unter anderem für den Ausbau des Bahnhofsbereichs ein – „im Interesse des Fremdenverkehrs“, wie es heißt. Der Fremdenverkehr war es auch, der Orff mit der Ampergemeinde verband. Denn der Berufsoffizier kam mit seiner Familie selbst zur Sommerfrische gerne nach Unteralting in eben jene Villa. Auch der in München geborene Sohn Carl wuchs in weiten Teilen seiner Kindheit dort auf.

Unteralting hinterließ bei dem Komponisten durchaus Eindruck, wie aus dem von Werner Thomas herausgegebenen Buch „Carl Orff: Erinnerungen“ hervorgeht. Dort wird das Musik-Genie mit den Worten zitiert, dass die Gemeinde an der Amper „seit je eine zweite Heimat“ gewesen sei. Im Gegensatz zur Stadt sei das Landleben nicht nur abwechslungsreich, sondern auch ausgleichend gewesen. In späteren Jahren wurden die Besuche Orffs in der Villa an der Adalmuntstraße aber deutlich seltener, wie Fischer erzählt.

Der Schreiner selbst kam mit seinen Eltern 1954 im Alter von acht Jahren nach Grafrath. Carl Orff sah er dann nur einmal: „Er ist mit seinem weißen Mercedes vorgefahren und ins Haus gegangen.“ Danach sei er aber auch schnell wieder weg gewesen. Dass Orffs Kontakte in die Ampergemeinde selten wurden, lag offenbar auch am Verhältnis zu seiner Tochter. „Von Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass das nicht das beste gewesen sein muss“, berichtet Fischer.

Die Villa des Komponisten: Dieses Haus erbte Carl Orff von seinem Vater, der sich in Grafrath zur Ruhe gesetzt hatte.

So habe sich Godela Büchtemann-Orff bei seiner Mutter nach einem Anwalt erkundigt, der ihr bei Erbschafts-Auseinandersetzungen helfen sollte. „Vielleicht wollte sie aufgrund dieses Streits nichts mehr von der alten Villa wissen“, mutmaßt der Grafrather.

Ein paar Jahre nach dem Tod des Komponisten im Jahr 1982 ließ die Tochter die Villa jedenfalls abreißen – was Fischer heute noch bedauert. „Das war ein wunderschönes Haus, das einfach mal gestrichen gehört hätte.“

Immerhin konnte der Nachbar 1984, vor dem Abriss, noch eine Reihe Fotos machen, die ihn an das Gebäude erinnern. Die von der Tochter errichteten Nachfolgebauten – eine Villa mit einem Schwimmbad und ein zweites Wohnhaus – gefielen Fischer weit weniger. Dabei hat der Schreiner einen Tisch für eines der Häuser selbst gebaut. Allerdings ließ die Komponisten-Tochter das Stück wieder abholen. „Sie klagte über Atemprobleme, obwohl der Tisch aus unbehandeltem Naturholz war“, so Fischer.

Erst als ihr Ehemann auf dem Tisch bestand, lieferte Fischer ihn wieder an. Überhaupt sei Godela Büchtemann-Orff kein einfacher Mensch gewesen. „Sie hatte wenig Anschluss zu den Nachbarn.“

Nach dem Tod der Orff-Tochter im Jahr 2013 ging das Anwesen schließlich an eine Stiftung über, die es später an einen Bauträger verkauft hat. Jetzt entstehen dort drei Wohnhäuser. Sowohl an die alte Orff-Villa als auch an den Nachfolgebau erinnern damit nur noch Geschichten, Anekdoten – und die Fotos, die Michael Fischer hütet.

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