Ratschen hinterm Bauzaun: Wegen Corona konnte Anette Petzold ihre Schützlinge nur mit gehörigem Abstand besuchen.
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Ratschen hinterm Bauzaun: Wegen Corona konnte Anette Petzold ihre Schützlinge nur mit gehörigem Abstand besuchen.

Mensch der Tat im Dezember

Sie macht das Leben von Senioren bunter

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Eine Grafratherin kümmert sich engagiert um Senioren. Zur Zeit muss sie coronabedingt pausieren - die Bürgerstiftung kürte sie trotzdem zum Mensch der Tat im Dezember.

Grafrath – Ob gemeinsames Kegeln, der Rommé-Cup am Sonntag Nachmittag oder Besuche mit ihrem Hund: Anette Petzold machte das Leben der Bewohner im Jesenwanger Seniorenheim ein bisschen bunter. Derzeit liegt ihr Engagement coronabedingt auf Eis. Nichtsdestotrotz wurde sie von der Bürgerstiftung des Landkreises Fürstenfeldbruck zum Mensch der Tat im Dezember gekürt.

Als ihre Mutter ins Seniorenheim nach Jesenwang kam, lernte Annette Petzold die „Farbtupfer“ kennen. So heißt eine Gruppe Ehrenamtlicher, die den Bewohnern mit Veranstaltungen und Aktionen Freude in den Alltag bringt – Farbtupfer eben. Längst gehört auch Annette Petzold dazu, obwohl ihre Mutter schon längst nicht mehr lebt. „Ich war fast jeden Tag bei ihr“, erinnert sich die 71-Jährige.

Vor Corona war sie jede Woche im Heim

Sie hatte die Mutter aus ihrer Heimatstadt in Nordrhein-Westfalen zu sich nach Grafrath geholt, doch irgendwann ging es einfach zu Hause nicht mehr. So zog die alte Dame ins Heim – was immer ihr größter Horror gewesen war. Doch die Realität stellte sich dann ganz anders dar. „Meine Mutter hat noch einige glückliche Jahre in Jesenwang verbracht“, erzählt Annette Petzold. „Sie war fast 95, als sie starb.“

Dass die Senioren im Heim trotz Pflegebedürftigkeit und Einschränkungen viele schöne Stunden erleben, ist auch den Farbtupfern zu verdanken. Als Petzold gefragt wurde, ob sie nicht Lust habe, mitzumachen, zögerte sie keinen Moment. „Es war selbstverständlich, dass ich dageblieben bin. Das war gar keine Frage“, erinnert sich die Rentnerin. „Ich habe ja Zeit.“ Im Gespräch mit ihr wird deutlich, was sie noch alles hat: ein großes Herz, viel Empathie und ehrliche Freude am Umgang mit den alten Menschen.

Bevor die Corona-Pandemie alles durchkreuzte, ging Annette Petzold jede Woche ins Heim. Es wurde gemeinsam gekegelt, es gab Spielenachmittage und ein offenes Café. Zum Renner entwickelte sich der regelmäßige Rommé-Cup am Sonntag Nachmittag. „Ein absolutes Highlight, auch für uns“, schwärmt Annette Petzold.

Ihr Hund erfreut ebenfalls die Bewohner

Oft nahm sie ihren Hund mit ins Heim, was ausnehmend gut ankam. „Die Senioren lieben es, wenn sich was bewegt.“ Der Yorkshire-Terrier ist zutraulich, lässt sich streicheln und sogar auf den Schoß setzen

Vor Corona gehörten regelmäßige Veranstaltungen zu saisonalen Anlässen zum Programm der Farbbtupfer. Da konnte es um Erdbeeren gehen, um Feste oder Bräuche rund ums Jahr. Interessante Fakten zum Thema wurden kombiniert mit lustigen Geschichten, Musik und einem Gläschen Sekt. Annette Petzold machte bei diesen Anlässen „so ein bisschen den Conferencier“. Wenn unter den Zuhörern Unruhe aufkam, weil plötzlich laut vernehmliche Privatgespräche einsetzten, konnte sie schon auch mal zur Ordnung rufen – freundlich, aber bestimmt.

Petzold, von Beruf ursprünglich Diätassistentin, hat lange in der Kinderbetreuung gearbeitet und stellt fest: Parallelen zwischen jungen und alten Schützlingen sind nicht zu leugnen. Sie genießt die „unmittelbare Freude“, die sie den Senioren bereiten kann – selbst, wenn sie nur mit ihnen zusammensitzt und sich unterhält. Und sie unterstützt bei Festlichkeiten und Feiern gern die Pflegekräfte bei der Betreuung der Teilnehmer.

Die Gruppe „Farbtupfer“ braucht Nachwuchs

Dass man im Seniorenheim zwangsläufig mit dem Thema Tod in Berührung kommt, schreckt die 71-Jährige nicht. Vor vielen Jahren hat sie ein Baby im Alter von wenigen Wochen verloren – plötzlicher Kindstod. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ein solches Erlebnis „ändert die Einstellung total“, sagt Petzold. Sie selbst habe keine Angst mehr vor dem Lebensende.

Bedrückend findet sie allerdings, dass manche ihrer Ehrenamtskollegen eines Tages selber zu pflegebedürftigen Senioren wurden. „Das ist etwas, was mir nahe geht.“ Ansonsten aber verbindet sie mit den Farbtupfern „fast nur schöne und positive Erlebnisse“.

Die gebürtige Westfälin ist viel herumgekommen in ihrem Leben. Als junge Ehefrau mit 22 Jahren kam sie mit ihrem Mann, einem Ingenieur, nach München. Später lebten die beiden sieben Jahre in Saudi-Arabien, dann lange in Kottgeisering. Nun fühlt sich Annette Petzold in Grafrath pudelwohl. Ihr Fernweh hat sie an ihren 33-jährigen Sohn vererbt, der als Künstler und Musiker viel durch die Welt reist.

Einen großen Wunsch hat Annette Petzold für die Zeit nach der Corona-Pandemie – Nachwuchs für die Farbtupfer. Denn die Gruppe wird älter und immer kleiner. Ideal geeignet, meint sie, wären frisch Pensionierte und „Rentner, die noch gut drauf sind“. So wie sie.

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