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Schwitzend steht Hengst Viktor im Wald. Franz Hirn gibt mit dem langen Zügel die Richtung vor, in die die Stämme gezogen werden sollen. 

Grafrath

Holz-Ernte mit dem Pferd schont den Wald

Ein PS statt 100. Wenn nicht pure Maschinenkraft samt Lärm und Abgasen gefragt ist, sondern eine umweltschonende Holz-Ernte, dann muss ein Pferd eingespannt werden. Eine tierische Premiere im Forstlichen Versuchsgarten in Grafrath.

GrafrathEin energisches „Hüah“ schallt durch den sonst ruhigen Winterwald, gleich noch eins hinterher. Mit „wist, wist“ dirigiert Franz Hirn seinen Viktor links vor einem Baum vorbei. Der neunjährige Hengst stemmt sich mit seiner ganzen Kraft in sein Geschirr und hört eigentlich erst auf, als sein Besitzer laut „äh“ ruft. Franz Hirn muss den schweren, vier Meter langen Stamm der Küstentanne mit seinem Sappie, einem langen Werkzeugstiel, an dem ein wuchtiger Stahldorn angebracht ist, über eine Wurzel lupfen.

Wilder Verhau aus Ästen

Schwitzend und dampfend steht das süddeutsche Kaltblut inmitten eines wilden Verhaus von kreuz und quer liegenden Ästen und Baumwipfeln. Seine hellblonde Mähne ist ganz schön zerzaust, denn Baumaufwuchs und Gestrüpp weicht Viktor praktisch nicht aus, wenn nicht von hinten mit „wist“ (links) oder „hott“ (rechts) eine Kurskorrektur von seinem Führer kommt. Gesteuert wird aber auch mit Ziehen oder einem kurzen Zucken am Zügel – den der ehemalige Staatsforst-Angestellte nur dann aus der Hand gibt, wenn er gerade die am Ende des Zugseils befestigte Kette um den Baumstamm hängt. In der anderen Hand trägt Hirn den Sappie.

Früher musste man Schneisen schlagen

Wenn Viktor sich ins Zeug legt und den oder die Stämme bis zu einem halben Kilometer zum nächsten Holzablagepunkt schleift, muss Franz Hirn schauen, dass er Schritt halten kann. Ganz so weit ist es im Forstlichen Versuchsgarten südöstlich des Bahnhofs Grafrath nicht. Das Wegenetz im 34 Hektar großen Waldstück ist relativ eng. Was aber weitgehend fehlt, sind sogenannte Rückegassen, in denen sich die maschinellen Vollernter (Harvester) in der Tiefe des Waldes bewegen und die Baumstämme auf die Wege bringen können, von wo sie dann der Lkw aufladen und abfahren kann.

„In der Vergangenheit mussten wir breite Rückegassen schlagen, um die Maschinen einsetzen zu können“, erklärt Förster Alexander Beer, in dessen Schöngeisinger Revier sich der Versuchsgarten befindet. Hinzukommen die beträchtlichen Schäden, die die schweren Ungetüme durch tiefe Furchen im Waldboden hinterlassen.

Aus wirtschaftlichen Gründen könne man im normalen Wald nicht mit Pferden arbeiten. „Im Versuchsgarten, der sich vom Frühjahr bis zum Herbst für Besucher öffnet, ist das aber etwas anderes“, so der Revierleiter weiter. Hier wolle man auch aus Rücksicht auf die botanischen Raritäten künftig so umweltschonend wie möglich arbeiten.

Durchforstung

Stichwort Raritäten: Auch die müssen gelegentlich durchforstet werden. So hat Gartenmeister Manfred Heilander unter anderem Scheinzypressen, österreichische Schwarzkiefern, Hemlock-Tannen und japanische Sicheltannen mit dem schönen dunklen Kernholz zur Fällung markiert. 120 Festmeter Holz hat Beer dann von seinen fünf Forstleuten in dreieinhalb Tagen eingeschlagen lassen. Was nicht für den Hochsitzbau benötigt wird, verkauft der Förster an die Bevölkerung – was ihm besonders gefällt, weil das örtlich gewachsene Holz ohne großen Transportaufwand in örtlichen Öfen verschürt wird.

Kaltblut Viktor, der mit fünf weiteren Arbeitskollegen in einem Stall in Dießen am Ammersee lebt, ist es dagegen ziemlich egal, welche forstlichen Schmankerl er aus dem Wald zieht. Trotz der zum Teil zwei Tonnen schweren Baumstämme scheint ihm die Arbeit nicht besonders schwerzufallen. Gelangweilt beißt er an einem jungen Baum herum, während sein Eigner sich damit plagt, den von Ästen bedeckten Stamm freizulegen.

Nahrhafter ist der Kübel Hafer mit Mineralfutter und der Ballen Heu, den der Hengst zur Mittagspause verdrückt. Dazu kriegt er eine Abschwitzdecke übergeworfen, damit er nicht friert.

Nach acht Stunden ist Feierabend

„Beim Langholz-Ziehen spann ich auch mal zwei Hengste ein“, erzählt Franz Hirn, der schon vor 40 Jahren mit seinem Vater im Wald schaffte. „Früher haben wir das sogar noch mit Ochsen gemacht“, erinnert er sich. Wichtig sei, die Kaltblüter bis zu einem Alter von sechs Jahren nicht zu sehr zu belasten. Aber auch später gilt: Nach einem schweren Stamm soll ein leichter folgen. Anders als bei den maschinellen ist bei den tierischen Holzrückern nach acht Stunden Arbeit Feierabend.

Zwei junge Hengste züchtet der Dießner selber nach und arbeitet mit ihnen abwechselnd und eher hobbymäßig im Wald. Und wenn die Pferde nicht da zu finden sind, dann als Gespann bei diversen Leonhardifahrten und Festumzügen. Dann freilich mit pedikürten Hufen und gestylter Mähne. (mjk)

Holzverkauf

Wer das umweltschonend geernete Nadelholz (als vier Meter langes Stammholz) kaufen möchte, kann sich an Alexander Beer wenden: E-Mail an alexander.beer@ baysf.de.

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