Familienbrauchtum brachte die Erntezeit, besonders der Erntedank. Dieser Erntewagen wurde 1925 geschmückt für die Leonhardifahrt in Bruck – mit Renate, Gerda und Elisabeth von Reininghaus aus Mauern auf dem Wagen.
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Familienbrauchtum brachte die Erntezeit, besonders der Erntedank. Dieser Erntewagen wurde 1925 geschmückt für die Leonhardifahrt in Bruck – mit Renate, Gerda und Elisabeth von Reininghaus aus Mauern auf dem Wagen.

Brauchtum

Kalender: „Wie’s in Grafrath der Brauch war“

  • Helga Zagermann
    vonHelga Zagermann
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Die Grafrather Archivarin Christel Hiltmann hat für 2021 wieder einen Jahreskalender gestaltet: Dieses Mal mit Fotos von Bräuchen. Wann sieht man heute schon noch einen Burschen beim Fensterln? Und auch festlich geschmückte Erntewagen sind sehr selten. Andere Bräuche aber leben weiter.

Grafrath – Die Jahreskalender von Christel Hiltmann sind fast schon Kult in der Gemeinde. Aus ihrem riesigen Fundus aus alten Postkarten, alten und neuen Fotos sucht die Archivarin jedes Jahr die schönsten Motive aus. Kirchen und Kapellen, Villen, Wirtschaften und die Amper waren schon das Thema für einen Orts-Jahreskalender. „Für nächstes Jahr habe ich mir die Bräuche vorgenommen“, erzählt sie.

Tierschutz geht vor

Thematisiert werden alte Bräuche wie das Ochsenrennen. Die Archivarin hat ein Foto von 1952 in ihrer Sammlung, das ein solches Rennen auf der Wiese hinter dem Schmid-Wirt in Unteralting zeigt. Die Veranstaltung gibt es zumindest in Grafrath längst nicht mehr, auch aus Tierschutzgründen.

Gefühle sprießen

Selten geworden ist auch das Fensterln, bei dem ein Bursche seiner Angebeteten die Aufwartung macht. Heute wird das nur noch zum Spaß betrieben – die wenigsten jungen Frauen wohnen noch bei ihren Eltern, und die Paare können sich ja unbefangen in der Öffentlichkeit zeigen.

Das Foto vom Fensterln ziert die Seite des Monats März, schließlich beginnt dann der Frühling und auch die Gefühle sprießen. Im April folgt ein altes Foto vom Spiel „Eierscheiben“, manche nennen es auch „Oarwoageln“: Mit zwei Holzstangen nebeneinander wird eine Schräge erzeugt, auf der die gekochten Ostereier hinunter sausen – es gewinnt derjenige, dessen Ei am weitesten rollt.

Im Mai, ganz klar, folgt das Maibaum-Aufstellen, heute noch fester Termin im Veranstaltungskalender der Gemeinde. Das gilt auch für das Sonnwend- oder Johannifeuer im Juni, das mittlerweile von der Feuerwehr organisiert wird. Heutzutage aber springen kaum mehr Jugendliche über die Flammen.

„Auch in den Sommer- und Herbstmonaten habe ich mich nicht schwer getan, Bräuche und Fotos zu finden“, sagt Christel Hiltmann. Denn 1952 wurde der Heimat- und Trachtenverein, d‘Ampertaler, gegründet, seit 1953 lockt jeden Sommer das beliebte Almfest auf die Mesneralm. Die Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt im August wird natürlich auch noch praktiziert, genau wie Erntebräuche im Herbst – auch wenn man so schön geschmückte Erntewagen wie den auf dem Foto, das 1925 in Mauern gemacht wurde, kaum mehr sieht.

Vier Totenbretter

Im Oktober erinnert die Archivarin an den Brauch der Totenbretter: Vier sind in Wildenroth oberhalb der Amperterrasse zu sehen. Dann kommt schon das Jahresende: Das Luzienhausschwimmen bezieht sich auf das Fest zu Ehren der Heiligen Luzia am 13. Dezember. „Der Brauch soll auf eine Hochwasserkatastrophe von 1785 zurückgehen“, berichtet Christel Hiltmann. „Rektor Franz Bergmann griff diesen Brauch auf, als Dank für das Zurückgehen des Hochwassers im Ampertal.“

Das Foto von der Segnung der gebastelten Häuser in der Kirche rückte aber auf das November-Kalenderblatt, um im Dezember für das sogenannte Christkindl-Anschießen am Heiligen Abend vor der Mitternachtsmesse Platz zu machen. Die Archivarin berichtet: „Schon im 12. Jahrhundert lärmten die Bauern mit Peitschen, Glocken und schweren Viehketten. Heute sind es die Böllerschützen, die gehörigen Lärm machen.“ Damit wollte man ursprünglich die bösen Geister vertreiben – wie auch mit dem Ausräuchern, das im Januar zu sehen ist.

Idee für das Jahr 2022

Größter Verkaufsschlager war übrigens der Kalender mit alten Ansichten von Villen. Trotzdem und obwohl sie noch alte Fotos und Postkarten dazu hätte, will die Archivarin dieses Thema nicht noch einmal aufgreifen – „das wäre nur ein Aufwärmen“. Für 2022 hat sie schon eine andere Idee im Hinterkopf: Persönlichkeiten, die in Grafrath wohnten.

Verkaufsstellen

Der Kalender „Wie’s in Grafrath der Brauch war“ kostet zehn Euro. Er kann nach Voranmeldung unter Telefon (0 81 44) 9 30 40 in der Verwaltungsgemeinschaft Grafrath gekauft werden oder bei Christel Hiltmann, Telefon (0 81 44) 4 10, abgeholt werden. Vorerst sind 150 Stück gedruckt worden. In den Vorjahren war der Kalender stets am örtlichen Christkindlmarkt angeboten worden, doch die Veranstaltung ist wegen der Pandemie abgesagt.

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