Türen als Symbol für Mauern – doch Türen können geöffnet werden: John Barry und Christina Kuehn.   Foto: Daschner
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Türen als Symbol für Mauern – doch Türen können geöffnet werden: John Barry und Christina Kuehn.   Foto: Daschner

Marthashofen

Kunstprojekt: Flüchtlinge wollen Türen öffnen

  • Andreas Daschner
    VonAndreas Daschner
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Mauerfall heißt das Kunstprojekt in Marthashofen, an dem junge Flüchtlinge teilgenommen hatten. Bei der Vernissage der Werke ließ einer der jungen Künstler dann tatsächlich alle Mauern fallen – aber anders, als es Projektleiterin Christina Kuehn gedacht hatte.

Grafrath – John Barry ist 18 Jahre alt und stammt aus Sierra Leone. Wie insgesamt 24 andere Flüchtlinge auch, hat er im Rahmen des Projekts „Mauerfall“ eine alte Tür bemalt. Bei der Vernissage durften einige der jungen Künstler ihr Werk vorstellen.

Doch als John Barry nach vorne trat, nahm der Abend eine Wendung, mit der keiner der Anwesenden gerechnet hatte. Der 18-Jährige beschrieb zunächst die Schönheit seiner westafrikanischen Heimat. Trotz seines gebrochenen Deutschs merkte man dem jungen Mann die Liebe zu seinem Geburtsland an. Doch die Stimmung schlug um, als Barry von einem Abend berichtete, an dem sein Vater nicht mehr von der Arbeit nach Hause kam. Was folgte, war die Erzählung einer wilden Flucht vor Soldaten und den Auswirkungen der Ebola-Epidemie in Sierra Leone. Barry schlug sich nur mit seiner Schwester durch. Um an Geld zu kommen, prostituierte sich das Mädchen – bis es an einen Freier kam, der es nicht gut mit ihm meinte. „Ich dachte erst, sie ist müde, sie schläft nur“, erzählte der junge Mann mit tränenerstickter Stimme. Doch die auch die Zuhörer erschütternde Wahrheit sah anders aus. Ein Soldat hatte sie mit dem Gewehrkolben niedergestreckt. Barrys Schwester war tot.

Mehr konnte der 18-Jährige nicht mehr sagen. Die Frage einer Zuhörerin, wie er letztlich nach Deutschland kam, musste unbeantwortet bleiben. Zu groß waren die Emotionen, die die Erinnerungen hervorgerufen hatten.

Dass sich der Westafrikaner derart öffnen würde, damit hatte auch Kuehn nicht gerechnet. „Er hatte uns seine Geschichte erzählt“, sagte die Projektleiterin tief berührt. Dass er dies vor dem Vernissage-Publikum wiederholen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Die Gäste dürften dadurch nicht nur John Barrys Tür mit anderen Augen gesehen haben.

Von Mai 2019 bis August 2020 hatten 24 zum Teil unbegleitete geflüchtete Jugendliche, unter anderem aus dem Irak, Eritrea, Syrien und Afghanistan, im Kunsthaus miteinander gearbeitet. Die Türen, die dabei verziert wurden, symbolisieren für Kuehn eine Mauer der Isolation, die die jungen Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Deutschland oftmals erleben. „Das, was sie am meisten vermissen, ist der Kontakt zu ihren deutschen Altergenossen“, sagt die Malerin und Kunstpädagogin, die das Projekt mit Bildhauerin Cornelia Rapp, Malerin Freya Junker und dem Handwerker Stefan Charrois auf die Beine gestellt hatte.

Die Türen stehen einerseits für diese Mauer. Weil man Türen aber öffnen kann, symbolisieren sie auch, dass diese Mauer abgebaut werden kann. Kuehn hatte die zum Teil 100 Jahre alten Türen einem Sammler abgekauft.

In dem Projekt verarbeiteten die jungen Flüchtlinge traumatische Erlebnisse. Aber auch die Liebe zu ihrer Heimat und ihr Heimweh werden deutlich.

Die Ausstellung

ist noch am Samstag und Sonntag, 26. und 27. September, von 12 bis 18 Uhr im Kunsthaus Bella Martha in Grafrath zu sehen.

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