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Die alte Brücke wurde von deutschen Truppen gesprengt und erst 1946 wieder aufgebaut. Heute quert etwa an dieser Stelle die B 471 die Amper.

1945

Kampf um die Brücke am Kloster: Als der Krieg nach Grafrath kam

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Im April 1945 kam der Zweite Weltkrieg nach Grafrath. Die Gemeinde war von Kampfhandlungen bis dahin völlig verschont geblieben. Doch kurz vor Kriegsende sprengten deutsche Streitkräfte die Amperbrücke am Kloster.

Grafrath –  Einer, der die Geschehnisse damals hautnah verfolgte, war Günter Endres.

Der Krieg hatte das Leben des damals neunjährigen Endres weitgehend bestimmt: Sein Vater kämpfte beim Unternehmen Barbarossa an der Russland-Front und geriet später bei Paris in französische Kriegsgefangenschaft. Erst im Sommer 1947 kehrte er zu seiner Familie zurück.

Kampfhandlungen hatte Endres aber nicht erlebt – bis zum 29. April 1945. Günter wohnte damals im Haus seiner Großeltern, der Familie Brunner, an der Graf-Rasso-Straße. Viele der heutigen Häuser standen nicht, man hatte freien Blick zur Kottgeiseringer Straße. Auch die Gemeinde Grafrath gab es noch nicht, die heutigen Ortsteile Unteralting und Wildenroth waren eigenständig.

Geschützdonner in der Ferne

Die Geschehnisse des letzten Sonntags im April kündigten sich bereits am Freitag an. „An diesem Tag war aus Richtung Landsberg ferner Geschützdonner zu hören“, erzählt Endres. Tags darauf – „vielleicht gegen 22 Uhr“, wie der Grafrather sagt – konnte man die Sprengung der Amperbrücke in Inning vernehmen. Die deutschen Kräfte versuchten durch die Zerstörung, das Vorrücken des US-Militärs auf München zu verhindern. Es lag nahe, dass es die Amerikaner als nächstes bei der Brücke am Kloster in Grafrath versuchen würden.

Wohl durch Bestechung rettet Schuhfabrikant Joos die zweite Brücke bei Wildenroth.

Endres ist am Sonntagvormittag daheim. „Wohl so gegen 9 oder 9.15 Uhr war plötzlich ein lauter Krach zu hören“, berichtet der Zeitzeuge. Es war die Sprengung der Amperbrücke. Endres kann sich nicht nur wegen des ohrenbetäubenden Lärms gut an den Tag erinnern. Kurz zuvor hatte er Streit mit seiner Mutter wegen kratzender Unterwäsche, die er nicht anziehen wollte.

Panzer rücken heran

Dieses Problem war nun vergessen. Der gewaltige Druck der Explosion riss im Haus ein Ofenrohr aus der Wand. Überall war Ruß. „Als alles schwarz wurde, dachte ich erst, dass mich nun der Leibhaftige holen würde, weil ich mit Mutter gestritten hatte“, berichtet Endres. Doch schnell wird klar: Nicht der Teufel, sondern der Krieg ist für Lärm und Ruß verantwortlich. „Aus Richtung Kottgeisering rückten Panzer der US-Streitkräfte an“, erzählt Endres. Sie liefern sich ein Feuergefecht mit Soldaten der deutschen Waffen-SS, die sich auf der anderen Amper-Seite im Bereich der heutigen Rassosiedlung verschanzt hatten. Nach kurzem Gefecht rücken die US-Panzer wieder Richtung Kottgeisering ab.

Den ganzen Tag treibt die Neugier Endres um. Stundenlang redet er auf Großeltern und Mutter ein, weil er die gesprengte Brücke sehen will. Gegen 15 Uhr geben die Erwachsenen nach. Endres muss die Ruine aus gehörigem Abstand begutachten. Näher als bis zur heutigen Einmündung von der Graf-Rasso-Straße zur Wasserwacht darf der Bub nicht ran. „Die Gefahr von Restspreng-ladungen war zu groß.“

Im Keller versteckt

Damit ist der Tag aber noch nicht ausgestanden. Auf dem Rückweg sieht die Familie in etwa 300 Metern Entfernung wieder US-Panzer heranrücken. Todesangst. Alle laufen um ihr Leben. Günter rettet sich mit einem gewagten Sprung über ein Gatter bei der heutigen Graf-Rasso-Straße 39 hinter eine Hecke. Von dort kehrt er heim und versteckt sich im Keller.

US-Kräfte kommen auf der Suche nach Waffen und deutschen Soldaten in die Grafrather Häuser. Die Panzer ziehen weiter zur Wildenrother Amperbrücke. Dass diese noch steht, ist Friedrich Joos zu verdanken. Der hatte dort seine Schuhfabrik, in der er die so genannte Klapperl herstellte. „Eine Sprengung der Brücke hätte das Aus für sein Geschäft bedeutet“, sagt Endres. Aus Erzählungen anderer Wildenrother weiß der Grafrather, dass Joos wohl die deutschen Soldaten bestochen und dadurch die Sprengung verhindert hat.

Als die Amerikaner ankommen, verstärken Pioniere das Bauwerk so weit, dass die Panzer es passieren können. Sie fahren über die Badstraße zurück Richtung Inning, um ihren Marsch auf München fortzusetzen. Gegen 19 Uhr sieht Endres schließlich noch, wie ein Trupp zerlumpter, niedergeschlagener, deutscher Soldaten als Gefangene in Richtung Kottgeisering geführt wird. Dann ist der Krieg für die Grafrather vorbei.

Schleppkahn als Überbückung

Die Brücke am Kloster an der heutigen B 471 war für die Grafrather eine wichtige Verbindung zur damaligen Klosterwirtschaft der Wirtin Walli Bosch. Die Brückensprengung bedeutete auch für die Bürger einen herben Einschnitt – aber nicht für allzu lange, wie Günter Endres weiß. „In der Amper befanden sich damals drei Boote: zwei kleinere Motorboote und ein sehr großer Schleppkahn“, erzählt der Zeitzeuge. Dieser Kahn war genau so lang, wie die Amper breit. „Der Schleppkahn wurde gelöst und als Behelfsbrücke zwischen den Ufern vertäut“, berichtet Endres. Mit schweren Holzplanken wurde die Spalte zwischen Ufer und Kahn überbrückt. Danach war die Amper für die Grafrather wieder passierbar. Erst 1946 wurde die Amperbrücke neu gebaut

Vor 75 Jahren

ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Das Tagblatt veröffentlich dazu eine Serie. Beim Merkur ist außerdem das Magazin „Besiegt und frei“ erschienen. Erhältlich ist es unter anderem in der Geschäftsstelle des Tagblatts, Stockmeierweg 1 in Bruck. Es kostet 7,90 Euro (für Abonnenten 5,90 Euro).

Auch interessant: So haben die Brucker ihre Brücke gerettet

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