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Ein Kreuz aus Überzeugung – nicht aus Zwang hängt schon jetzt im Büro von Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl.

Kreuze in Behörden: Das sagen Betroffene

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Die Aufregung über die staatlich verordnete Kreuzpflicht für Behörden schwelt weiter. Das Tagblatt hat nachgefragt, für welche Einrichtungen im Landkreis sie überhaupt gilt – und natürlich, was die Betroffenen dazu sagen. Einige halten mit ihrer Kritik nicht hinterm Berg. Zum Beispiel Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl, der ein Diplom in Theologie hat.

Landkreis – In einigen bayerischen Behörden ist der Kreuzerlass des Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) bereits eingetroffen, in den Staatlichen Bauämtern etwa. Die Behörden im Landkreis Fürstenfeldbruck hat er in dieser Woche noch nicht erreicht. In vielen Ämtern weiß man also noch nicht, inwieweit man betroffen wäre von der Pflicht, ein Kreuz sichtbar im Eingangsbereich aufzuhängen.

Die Äußerungen der Behördenleiter, soweit sie überhaupt etwas dazu sagen wollen, fallen weitgehend verhalten aus. Aus dem Finanzamt Fürstenfeldbruck heißt es, man habe sich zwar schon intern Gedanken gemacht, die seien aber noch nicht so weit gediehen, dass man sich äußern wolle. Bisher hänge kein Kreuz im Eingangsbereich. Wenn es eine Anordnung gebe, sei man weisungsgebunden und werde sie befolgen, sagt Michael Fischer, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Fürstenfeldbruck, knapp.

In Thomas Karmasins Büro hängt schon lange ein Kreuz

In den öffentlich zugänglichen Bereichen des Fürstenfeldbrucker Landratsamtes finden sich bislang keine Kreuze. Ob und wo man welche aufhänge müsse, wisse man noch nicht. Das Landratsamt hat eine Doppelfunktion: teils staatliche, aber eben auch Kreisverwaltungsbehörde. Sollte der Erlass greifen, hat zumindest der Chef wohl kein Problem damit. Er habe in seinem Büro schon lange ein Kreuz hängen, lässt Landrat Thomas Karmasin (CSU) über seine Pressestelle mitteilen.

Freier äußern sich da die meisten Bürgermeister im Landkreis. Auch sie sind Behördenleiter, sind aber vom Erlass nicht betroffen. Puchheims Rathauschef Norbert Seidl hat in der Sache eine klare Meinung: Er hat bereits ein Kreuz in seinem Büro hängen. Seidl ist diplomierter Theologe, wollte Pastoralreferent werden, ging dann ins Lehramt – und wurde schließlich Bürgermeister von Puchheim. Dem SPD-Politiker würde es nicht in den Sinn kommen, von sich aus das Anbringen eines Kreuzes im Eingangsbereich seiner Behörde zu veranlassen.

Kottgeiserings Bürgermeisterin Sandra Meissner findet das Kreuz gut

Er sieht seine Religion und eines ihrer wichtigsten Symbole durch Söders Kreuzerlass instrumentalisiert. „Das Kreuz steht für weit mehr als einfach nur allgemein für christliche Werte. Es steht für das Sterben und die Auferstehung“, sagt Seidl.

Auch in vielen andere Rathäusern im Landkreis finden sich Kreuze lediglich in den Büros der Amtschefs, in Trauzimmern und in den Sitzungssälen. Das gilt auch dort, wo die Bürgermeister dem aktuellen Erlass weniger kritisch gegenüberstehen. Der Moorenweiser Bürgermeister Josef Schäffler (CSU) sagt: „Das Kreuz gehört in Bayern zur Identität dazu.“ Die Reaktion der Kirchen auf den Erlass findet er schade. „Sie müssten eigentlich froh sein.“

Für das Publikum sichtbar hängt ein Kreuz in der Geschäftsstelle der Verwaltungsgemeinschaft Grafrath in Kottgeisering. Das findet Kottgeiserings Bürgermeisterin Sandra Meissner auch gut und richtig so. Den Erlass sieht sie trotzdem kritisch. „Diese Verknüpfung von Staat und Kirche per Anordnung von oben nach unten ist schwierig“, sagt sie. „Ich hätte es lieber gesehen, wenn es die Amtskirche erbeten hätte.“

Martin Runge wirft Markus Söder ein politisches Manöver vor

Dass Kirchenvertreter wie der Münchner Kardinal Marx stattdessen so klar Widerspruch geäußert hätten, begrüßte etwa Norbert Seidl. Von der Evangelischen Kirche hätte er für seinen Geschmack auch noch deutlicher ausfallen können. Denn mit dieser politischen Vereinnahmung werde das Kreuz zu einem Zeichen der Ausgrenzung. „Es spricht ohnehin nur die Hälfte der Bevölkerung an, und ein Viertel der Menschen fühlt sich vielleicht sogar verletzt.“ Wenn es darum gehe, eine Tradition oder die Bedeutung einer von einem christliche Wertebild geprägte Verfassung zu signalisieren, würden dafür andere staatliche Zeichen wie Staatswappen oder Fahne ausreichen. Noch deutlicher wird Martin Runge, Vize-Bürgermeister von Gröbenzell und Abgeordneter im Landtag.

Der Grünen-Politiker wirft Söder ein rein politisches Manöver vor. „Das ist eine völlig unzulässige Vereinnahmung, eigentlich ein Missbrauch. Der Erlass verletzt das Neutralitätsgebot.“ Er spricht von einer schäbigen populistischen Aktion. Sollte es Söder um das Erregen von Aufmerksamkeit gegangen sein, habe er offenbar das richtige Thema gefunden.

„Hier geht es um tiefe Emotionen“, sagt Norbert Seidl.

Das zeigt auch eine Aussage Runges: Der Dringlichkeitsantrag, den die Landtagsgrünen gegen den Erlass stellten, sei in der Fraktion kurz umstritten gewesen. Man wusste, dass man sich zu einem heiklen Thema äußern würde, das bei vielen Menschen mit Emotionen verbunden ist. „Viele sehen nur die Frage: Kreuz ja oder nein.“

Genau hierin sieht Norbert Seidl einen weiteren Kritikpunkt. Viele Menschen hätten das Gefühl, es seien kulturelle Werte bedroht, die man, gegen wen auch immer, verteidigen müsse. „Dabei geht es um tiefe Emotionen.“ Eine Kreuzpflicht sei kein geeignetes Instrument in dieser Debatte.

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