Der Alte Wirt: Im Garten befand sich die Schmiedewerkstatt von Hubers Eltern. Im Keller des Gasthauses suchten er und andere Wildenrother damals Schutz vor der bevorstehenden Sprengung der Brücke.
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Der Alte Wirt: Im Garten befand sich die Schmiedewerkstatt von Hubers Eltern. Im Keller des Gasthauses suchten er und andere Wildenrother damals Schutz vor der bevorstehenden Sprengung der Brücke.

Kriegsende 1945

Wie ein Schuhfabrikant die Brücke in Wildenroth rettete

  • Andreas Daschner
    vonAndreas Daschner
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Die Amperbrücke an der heutigen B 471 in Grafrath war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt worden. Dass ihr Wildenrother Pendant nicht das gleiche Schicksal ereilte, war dem Schuhfabrikanten Friedrich Joos zu verdanken.

Wildenroth – Was damals geschah, weiß Josef Huber sen., der mit seinen Eltern damals neben der Brücke lebte. Die Brücke bei der Kapelle und der Grünfläche – genannt „der Spitz“ – war Mittelpunkt des Dorfes und Treffpunkt der Jugendlichen, wie Huber (87) berichtet. Wildenroth war damals noch eine eigenständige Gemeinde. Er und seine Familie lebten in der unmittelbaren Nachbarschaft. „Im früheren Wirtsgarten des Alten Wirts befand sich damals unsere Schmiedewerkstatt“, erzählt Huber. Dort war quasi auch der Logenplatz bei der Rettung der Brücke durch den Fabrikanten Joos.

Josef Huber sen. erinnert sich an das Kriegsende.

„Der Krieg kam 1945 immer näher“, erzählt Huber. Gefangene seien mit lautem Getöse durch Wildenroth getrieben worden. „Die Stimmung im Dorf war wie vor einem schweren Gewitter, jeder Mensch ahnte, dass etwas passiert.“ Und tatsächlich: Am 29. April 1945 sprengten die deutschen Streitkräfte erst die Brücke in Stegen, später die in Grafrath, um das Vorrücken der Alliierten zu verlangsamen. „Viele Holzteile schwammen auf der Amper durch Wildenroth, und Anlieger fischten sie heraus“, erinnert sich Huber.

Werkstatt wäre bei Brückensprengung mit in die Luft geflogen

Am Nachmittag erreichten die Truppen dann Wildenroth. Friedrich Joos, der Sandalen – sogenannte Klapperl – herstellte, hatte seine Fabrik im Hartl-Kuhstall, der nahe der Brücke stand. „Weil seine Werkstatt bei einer Sprengung auch mit in die Luft geflogen wäre, nahm er mit dem Sprengkommando Kontakt auf“, erzählt Huber. Soldaten seien bei Joos „vorne in Uniform hinein und hinten in Zivilkleidung wieder rausgekommen“.

1945 war Josef Huber ein Teenager.

Weil Huber und seine Familie die Sprengung der Amperbrücke erwarteten und ihr Haus direkt an der Brücke – also im Sprenggebiet – war, suchten sie zunächst mit einigen anderen Nachbarn Schutz im nahegelegenen Keller des Alten Wirts. „Die älteren Leute haben gebetet, wir Jugendlichen waren höchst aufgeregt“, erzählt der 87-Jährige.

Sprengstoff wird in die Amper geworfen

Doch wie durch ein Wunder habe es den erwarteten Knall nie gegeben. „Nach einem langen Dahinwarten wagten wir Jugendlichen uns aus dem Keller und sahen, wie Soldaten Behälter mit Sprengstoff über das Brückengeländer in die Amper warfen.“ Es waren amerikanische Soldaten. Da wussten die jungen Grafrather: Die Brücke und ihre Häuser waren gerettet.

„Der Retter mit der weißen Fahne in der Hand war der Schuhfabrikant Friedrich Joos.“ Wie sich herausstellte, hatte der Geschäftsmann das deutsche Sprengkommando tatsächlich von seinem Vorhaben abgebracht. „Er hatte ihnen Zivilkleidung und Geld gegeben.“

Panzer fahren Hauseck weg

So ganz ohne Schäden ging das Vorrücken der Alliierten aber nicht vonstatten. Die amerikanischen Panzer standen nun vor der Brücke und warteten, bis diese von den Pioniereinheiten ausreichend abstützt worden war. Dann rollten sie weiter über die Badstraße Richtung Inning. Das Problem dabei: Die Einmündung in die Straße war für die Panzer zu eng. „Deshalb wurde von unserem Haus das vordere Eck weggefahren“, erzählt Huber.

Wochenlang rollte Nachschub über die Badstraße. Die Grafrather Jugendlichen machten aber das Beste aus der Situation. „Wir stellten uns in den Wirtsgarten beim Alten Wirt, und wenn ein Truck besetzt mit Soldaten vorbeifuhr, schrien wir Chewing Gum und Chocolate.“ Also Kaugummi und Schokolade.

Amerikaner werfen Geschenke über den Zaun

Und prompt warfen die Amerikaner den Kindern manchmal ein Paket über den Zaun. Der Inhalt: zwei Büchsen mit gepresstem Truthahnfleisch, Eierspeise, Hartkekse, Schokolade, drei Zigaretten – und ein Kondom. „Bei der Gelegenheit lernten wir das Rauchen“, erzählt Huber. „Und das Verhüterle haben wir aufgeblasen und an einen Stecken gebunden.“ So seien die Kinder dann durchs Dorf gelaufen.

Und Friedrich Joos? Der Brückenretter wurde von den Amerikanern als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt, ehe ein paar Wochen später ein neuer Gemeindechef demokratisch gewählt wurde.

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