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Vor Allerheiligen gibt es viel zu tun. Kunstschmied Christian Heinecker in seiner Werkstatt in Grafrath. 

Geschmiedete Kreuze

Meister einer fast vergessenen Grabkunst

Viele Familien besuchen an Allerheiligen die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen. Dabei fällt auf den Friedhöfen auf: Geschmiedete Grabkreuze sind eine Seltenheit geworden. Einer der wenigen Grabkreuz-Kunstschmiede ist Christian Heinecker.

GrafrathAls ob es in der Schmiede mit den dunkelgrauen Wänden nicht schon rauchig genug wäre, steht Christian Heinecker mit der glimmenden Zigarette im Mundwinkel und leicht gerötetem Gesicht vor seinem heißen Schmiedefeuer. Der Kunstschmied beobachtet, wie das Trumm Eisen, das er mit einer überdimensionalen Zange dreht, schön langsam rot glühend wird. Kurz darauf nimmt er den Flachstahl aus dem Feuer und drischt mit kräftigen Hammerschlägen so drauf, dass dieser die Rundung eines Zapfens aufnimmt. Ein Teil eines Geländers entsteht.

Nicht weit davon entfernt beugt sich sein Sohn Mario über die Umrisse eines Kruzifixes, das im Originalmaßstab auf die Werkbank aufgezeichnet ist. „Bis Allerheiligen soll es fertig werden“, sagt er und drapiert die geschmiedeten Rosen, die schon recht natürlich ausschauen, zwischen die anderen Blätter, die noch feiner modelliert, oder besser „lebendig gemacht“ werden müssen, wie die Heineckers es nennen.

Zu dritt in der väterlichen Metallbau-Werkstatt

Sie sind zu dritt, denn auch sein Zwillingsbruder Daniel arbeitet in der väterlichen Werkstatt und hat, wie auch Mario einen Gesellenbrief als Metallbauer, Fachrichtung Metallgestaltung. Freilich hat der Vater sie nicht gezwungen, in seine Werkstatt mit einzusteigen, sie haben sich auch vorher anderweitig, zum Beispiel bei einem Instrumentenbauer umgesehen – bevor es doch ein Teamwork mit ihrem Vater Christian wurde.

„Eine Torschlusspanik vor Allerheiligen gibt es bei unseren Grabkreuzen anders als bei den Friedhofsgärtnern eher nicht“, stellt Heinecker senior fest. Denn die aus Kunstschlosser-Sicht fertigen Grabkreuze gehen erst noch zum Steinmetz, der den passenden Sockel dazu anfertigt und das Ganze dann auch aufstellt. Die Kunstschlosser haben so gut wie nie etwas auf dem Friedhof zu tun, auch wenn sie sich mit dem Friedhof, genauer gesagt mit der Friedhofssatzung, auseinandersetzen müssen.

Eine der ersten Fragen, wenn ein Kunde in die Werkstatt kommt, ist nämlich die, wo das Kruzifix einmal stehen soll. Die Friedhofsverwaltungen haben unterschiedliche Auflagen, was die Grabgestaltung angeht: Länge, Breite, Ansichtsfläche – zu viel Gold geht nicht und zu bunt darf die Bemalung des Kruzifixes auch nicht sein. Für die Steinmetze gelten oft auch noch Vorgaben, dass der Stein nicht aus Fernost kommen darf.

Grabkreuze nicht mehr modern

Beim Besuch der Friedhöfe drängt sich der Eindruck auf, dass die Steinmetze das Rennen gemacht haben. Mit der Streichung des Sterbegeldes seien auch die Grabkreuze rapide zurückgegangen. Wuchtige, schwarz polierte, uniforme Ungetüme haben die filigranen, künstlerisch geschmiedeten (daher der Name Kunstschmied oder -schlosser) Grabkreuze verdrängt. Der Trend geht mittlerweile soweit, auf die Bepflanzung zu verzichten und dafür Steinplatten auf das Grab zu klatschen.

„Bei uns ist nach wie vor Traditionelles gefragt“, sagt der Grafrather, der bis vor sechs Jahren die älteste Schmiede Münchens in Sendling betrieben und sie dann an seinen Wohnort Grafrath verlagert hatte. Er fertigt am Kreuz Details wie ein kleines Dach, das die Strahlen des Kreuzes hält, oder eine kleine Tür, die sich öffnen lässt und den Namen des Verstorbenen zeigt. Meist sind es aber (lebens-)baumförmige Kreuze, die mit Akanthusblättern und Schnörkel verziert sind. In der Mitte eine Blechtafel, die Heinecker mit Goldschrift beschreibt, oder der ausgeschnittene Korpus Christi am Kreuz oder als Auferstandener.

Verschiedene Skizzen

Die Kunden bringen meist Fotos von einem Grabkreuz, das sie irgendwo gesehen haben, zum Beispiel vom Wiener Museumsfriedhof oder von einer Gartenschau, wo es auch immer Musterfriedhöfe zu sehen gibt. Danach fertigen die Kunstschmiede verschiedene Handskizzen im Maßstab 1:10 an und entwickeln den Entwurf zusammen mit dem Kunden bis zu einer 1:1-Zeichnung.

Viele Beispiele für schöne, aufwendig gestaltete Grabkreuze hängen auch an der Wand in der Werkstatt. Einige wenige sind eher modern und schlicht, allenfalls mit einem Bergkristall in der Mitte. „Gelegentlich bringt auch einer mal ein altes, verrostetes Grabkreuz, das wir dann komplett zerlegen und neu aufbauen“, erzählt der Schmied. Was weggerostet ist, muss ersetzt werden – was dann schwierig wird, wenn die Denkmalpflege mitredet. Für solche Fälle hat Heinecker einen Fundus von altem Eisen, Gittern oder Geländern, die er irgendwo einmal ersetzen musste. „Am Ende sieht man es nicht, dass das Grabkreuz neu hergerichtet wurde, nicht zuletzt deswegen, weil wir uns derselben Technik wie die Schlosser damals vor 100 Jahren bedienen“, berichtet Heinecker. Dazu gehöre auch, es nicht zu verzinken.

Angst um seine Zukunft, besser gesagt die seiner Söhne, hat Christian Heinecker nicht – auch wenn es nicht mehr viele Kunstschmiede seiner Spezialisierung gibt. Aber das Trio macht neben Grabkreuzen auch Balkongeländer, Tore und Gitter – wenn nicht gerade Allerheiligen vor der Tür steht. (mjk)

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