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In Grafrath

Ohne sie hätten die Tiere keine Chance: Reh-Mama auf Zeit pflegt zwei Kitze

Mios Mutter wurde von einem Auto überfahren, Miris Mama von einem Hund gerissen. Allein hätten die beiden Rehkitze keine Überlebens-Chance gehabt. Dass sie jetzt quietschfidel herumhüpfen, haben sie ihrer Pflegemama Marion Anton-Wisneth zu verdanken. Ein Besuch in der Grafrather Reh-WG.

Grafrath – Wer in den Garten von Marion Anton-Wisneth kommt, merkt sofort: Hier leben nicht nur Menschen. Anstatt mit Rasen ist der Untergrund mit Hackschnitzeln bedeckt. Mittendrin steht eine Futterkrippe. In einer Ecke liegt ein Haufen Zweige mit Blättern. Die 64-Jährige und ihr Mann haben ihr Freiluftrefugium ganz nach den Bedürfnissen ihrer Mitbewohner gestaltet. Denn die sind Wildtiere und wollen es so natürlich wie möglich haben.

Aus einem Holzblock, Zweigen und einem Sonnenschirm entstand eine Futterstelle.

Doch wenn die Ersatz-Mama mit dem Fläschchen oder anderen Leckereien kommt, ist die Wildnis schnell vergessen. Dann sind Mio und Miri wie kleine Kinder und lassen sich verwöhnen.

Dass die Rehkitze mit den braunen Kulleraugen und den großen Ohren überhaupt noch leben, liegt an dem Sohn der Fußpflegerin. Der ist Jäger und hat die Mütter der beiden Tierkinder im Frühsommer gefunden. Die eine wurde von einem Hund gerissen, die andere von einem Auto überfahren. Am Gesäuge der Tiere erkannte der erfahrene Jäger sofort: Sie haben Junge. Also machte sich Sohn Lukas auf die Suche. Mio, wie der kleine Rehbock später heißen sollte, wurde schnell entdeckt. Miri hingegen machte es dem Jäger nicht so leicht. Erst mit Hilfe einer Drohne stöberte er das Kitz auf.

Wer die Ersatzmama des Duos werden sollte, war für den Jäger schnell klar. Schließlich hat seine Mutter nicht nur ihn großgezogen. Seit fünf Jahren beherbergt die Grafratherin auch Rehbock Moses. Der ist blind und auf die Unterstützung von Marion Anton-Wisneth angewiesen. Jetzt hat Moses zwei neue Spielkameraden – und seine Ziehmutter jede Menge Arbeit.

Doch für die steht etwas ganz anderes im Vordergrund. „Es ist ein großes Privileg zu erleben, wie zwei Wildtiere groß werden“, sagt
Marion Anton-Wisneth. Wenn sie über ihre tierische WG spricht, strahlt die 64-Jährige. Entspannung pur sei es, die Tiere zu beobachten und die Entwicklung der Charaktere:

Aus einem Holzblock, Zweigen und einem Sonnenschirm entstand eine Futterstelle.

„Das ist ein großer Frieden für mich“, sagt die Grafratherin. Doch bei aller Liebe weiß die Reh-Mama, dass ihre Schützlinge Wildtiere sind und wieder zurück in ihren angestammten Lebensraum müssen. Auf diesen Moment bereitet Anton-Wisneth ihre Schützlinge vor. Das beginnt beim Futter. Es gibt Löwenzahn, Spitzwegerich, Klee aber auch Äste mit Blättern und als Leckerli schon mal Haselnüsse oder Hafer. Eine Speisekarte, wie Mio und Miri sie später auch in der Wildnis finden werden – mit dem Unterschied, dass jetzt noch die Pflegemama loszieht, um den Nachwuchs satt zu bekommen.

An Urlaub ist im Moment nicht zu denken. Denn noch brauchen die Reh-Kinder die Pflege und Aufmerksamkeit ihrer Ersatzmama. Bei Bock Moses ist das anders. „Der kann auch autark leben, wenn er gefüttert wird“, sagt Anton-Wisneth.

Doch irgendwann wird für Moses, Marion Anton-Wisneth und ihren Mann Erich der Moment des Abschieds von ihren jüngsten Mitbewohnern kommen. Im nächsten Frühjahr will die Reh-Mama ihre Schützlinge Mio und Miri in die Wildnis entlassen. „Der Abschied wird sicher schwer. Aber das Wichtigste ist, dass es den beiden gut geht“, sagt sie. (Tobias Gehre)

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