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Anti-Atomkraft war das Reizthema in den 1980er Jahren – natürlich auch bei dieser Demonstration in Gröbenzell.

Erinnerung an die Gründerzeit

40 Jahren Grüne: Bei dieser Erfolgsgeschichte hat es oft gemenschelt

Ende der 1970er-Jahre wollten sie einfach Politik machen. Heute gehören sie und die nächsten Generationen der Grünen zum festen Bestandteil des politischen Lebens im Landkreis - eine Erinnerung an die Gründerzeit und mehr.

Fürstenfeldbruck/Gröbenzell – Am 2. August 1979 erfuhren die Leser der Lokalzeitung von einer neuen politischen Organisation. Die „Grünen“, die von der Presse damals noch zwischen Anführungszeichen gesteckt wurden, hätten nun einen Ortsverband in Gröbenzell, dessen vierköpfiger Vorstand auch namentlich vorgestellt wurde.

Sie waren die ersten Grünen

Drei Freunde auf einer Bergtour: Hermann Meixner, Hans-Georg Fiedler und Martin Runge.

Was die Journalisten damals nicht wissen konnten: Die Führungsriege war identisch mit den insgesamt vier Gründungsmitgliedern, die an einem Spätjuli-Abend in einer Gröbenzeller Dachgeschosswohnung – beim Bier und nicht beim Früchtetee – unwissentlich Geschichte schrieben. Sie waren die ersten, die sich anders als Vorläuferorganisationen wie die „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ oder sogenannte „Grün-Unabhängige Listen“ schlicht „Die Grünen“ nannten. Landes- und Bundesverband dieser Grünen wurden erst Monate später gegründet.

Das grüne Urgestein überhaupt

Einer aus der Viererbande ist früh verstorben, seine damalige Freundin verschollen, der dritte ist viel im Ausland unterwegs, aber derjenige, der damals schon den Vorsitz übernommen hatte, ist immer noch dabei und gilt inzwischen als das grüne Urgestein überhaupt: Martin Runge, heute Gemeinderat, Kreisrat, Fraktionsvorsitzender, Zweiter Bürgermeister und Landtagsabgeordneter.

Es war eine hochpolitische Zeit damals und auch bei den A-Jugend-Handballern des SC Gröbenzell, aus denen die ersten Grünen entstanden, war nach dem Training viel politisiert worden. Offenbar wohlwollend geduldet vom damaligen Coach namens Dieter Berg, der später die Bundesliga-Handballerinnen betreute.

Das waren die Aufregerthemen der frühen Grünen

Atomkraft, Nachrüstung, für die gerade volljährigen Burschen aber auch ein verwehrtes Grundrecht – Kriegsdienstverweigerung wurde erst nach einer Gewissensprüfung anerkannt – waren die Aufregerthemen. „Wir wollten Politik machen,“ sagt Runge heute. „Welches Projekt daraus wird, hat keiner geahnt.“

Gröbenzell war im Landkreis immer eine Hochburg der Grünen. Dort gab es auch viele Aktionen.

Tatsächlich war nicht abzusehen, dass aus dem bunten Volk, das sich da in der Anfangszeit zusammenfand, einmal eine etablierte Partei des Mainstreams werden könnte. Es gab Nationalkonservative auf der Suche nach dem Dritten Weg zwischen West und Ost, rauschebärtige Öko-Bauern, bisweilen mit etwas viel Nähe zu alter Blut- und Boden-Ideologie, oder maoistische Systemveränderer, die auf den Umweltzug aufsprangen. Und es gab, das zeigen zumindest Fernsehbilder von damals, Frauen, die ständig am Stricken waren, so als bräuchte die ganze Delegiertenkonferenz warme Socken.

Grüne im Kreis immer schon eine Spur seriöser

Bei den Grünen im Landkreis, die immer schon eine Spur seriöser waren, gab es zwar auch immer einige Fundis und viele Realos, aber aufreibende Richtungskämpfe blieben ihnen weitgehend erspart. Freilich: Einige auch äußerlich merkwürdige Gestalten seien schon dabei gewesen, erinnerte sich noch ein Vierteljahrhundert danach der Puchheimer Raimund Acker. Wobei er sich selbst, der einmal im Gemeinderat aus Protest seine Haare abgeschnitten hatte, nicht ausnahm.

Anfangs fühlten sich die Grünen als außerparlamentarische Opposition durchaus am richtigen Platz. Gegen Atomkraft wurde in Bruck demonstriert (damals gemeinsam mit den Jungsozialisten). Die Gröbenzeller malten bei einem Samstagsspaziergang alle für krank befundene Bäume in der grünen Gartengemeinde, immerhin einige Dutzend, mit abwaschbaren Kalkkreuzen an. Deshalb wurden sie wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“ von der Staatsanwaltschaft angeklagt.

In Gröbenzell, ihrer späteren Wählerhochburg zusammen mit Grafrath, luden die Grünen zwar anfangs noch zu Ortsversammlungen in der Dachgeschosswohnung eines der Gründer ein. Mit einer Podiumsdiskussion im rappelvollen Gröbenzeller Hof hatten sie vor der Bürgermeister-Wahl 1980 aber auch schon einen ersten echten Publikumserfolg. Danach übrigens mussten auch die alternativen Ökos einräumen, dass CSU-Bewerber Bernd Rieder eigentlich die beste Figur gemacht hatte. Aber für eine Wahlempfehlung war die Zeit noch nicht reif.

Als die Grünen die Fünf-Prozent-Hürde knackten

Bei der Bundestagswahl 1983 knackten die Grünen im Landkreis die Fünf-Prozent-Hürde, in ihrer Urheimat Gröbenzell wurden sie zweistellig. Nach der Kommunalwahl ein Jahr später zogen sie zu viert (mit drei Gröbenzellern) in den Kreistag ein und holten insgesamt sieben Gemeinde- und Stadtrats-Mandate in Fürstenfeldbruck, Germering, Gröbenzell und Puchheim. Die Reaktionen der Etablierten auf die Neulinge waren gemischt. Manche, gerade in Gröbenzell, sahen in den Grünen wohl eher vorübergehend fehlgeleitete Bürgerkinder, die schon noch erwachsen werden würden.

Nie um eine werbewirksame Fotoidee verlegen (v.l.): Renate Michl-Hillebrand, Phillippe Raths, Christina Claus, Barbara Thierfelder, Sylvia Kroiß, Martin Runge, Klaus Kortmann, Annette Louis, Walter Hofmann, kniend Philipp Stoll.

Anderswo, gerade bei der CSU, mochten manche drei Kreuze geschlagen haben, als da weltfremde Spinner in Strickpullis und Schlabberhosen anschlurften, wenn es nicht gleich gefährliche Chaoten waren. Der damalige Landrat Gottfried Grimm sprach noch 25 Jahre später mit leichtem Schaudern davon, dass man bei den Neulingen zwischen „Idealisten und Fanatikern“ eigentlich nicht habe unterscheiden können.

Einer von diesen Fundamentalisten schrieb allerdings später Rechtsgeschichte: Nachrücker Peter Jänsch aus Eichenau ersetzte bei seiner Vereidigung 1986 die Formel „Ich schwöre, so wahr mit Gott helfe“ durch ein „Ich beteuere“. Daraufhin wurde er vom Kreistag als neuer Kollege abgelehnt. Gegen diese Entscheidung klagte er. Zwei Jahre später gab ihm das Bundesverfassungsgericht recht.

Rotationsprinzip der frühen Grünen nicht realisierbar

Das alles ist lange her und von vielen ihrer damaligen Grundüberzeugungen haben sich die Grünen verabschiedet. Rotationsprinzip, also Mandat nur auf Zeit? Erwies sich als nicht praktizierbar. Gewaltfreiheit um jeden Preis? Mit dem Kosovo-Krieg einer rot-grünen Bundesregierung vertagt, bis die Welt eine bessere ist. Der damalige Auslandseinsatz kostete die Grünen im Landkreis viele altgediente Mitglieder. Auch Runge haderte damals mit seiner Partei, die – für ihn vielleicht noch ärger – auch Schröders Agenda-Politik und die Liberalisierung der Finanzmärkte mitmachte. „Es ist trotzdem meine Heimat,“ sagt der heute 61-Jährige.

Und was sagen die jungen Grünen von heute?

Haben die Grünen heute noch ein Alleinstellungsmerkmal? Als „Verbotspartei“ sei man sicher einzigartig, scherzt der Abgeordnete Runge. Tatsächlich hält er seine Partei für diejenige, die noch am ehesten bereit sei, unangenehme Fragen zu stellen und ebensolche Antworten zu geben.

Und wie sieht das ein heutiges Mitglied, das halb so alt ist wie die Grüne Partei im Landkreis. Bezirksrätin Gina Merkl (21) kennt die Gründerzeit lediglich von alten Fotos, auf denen die frühen Mitglieder alle vergleichsweise normal aussähen: „Ich hätte einen extremeren Hippie-Touch erwartet,“ sagt sie. Und sie glaubt, sie hätte sich auch damals den Grünen angeschlossen, auch wenn sie weder stricken kann noch will. Aber ein Kompliment kann sie ihrer Partei auch nach vier Jahrzehnten noch machen: „Die Grünen haben definitiv noch ganz viel Anarchisches an sich.“ (Olf Paschen)

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