Sieht sich gerne als Gartenstadt wegen den vielen Bäumen: Gröbenzell wird in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia auch als solche bezeichnet, allerdings ebenso mit dem Attribut Schlafstadt versehen. 	archivfoto: weber
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Sieht sich gerne als Gartenstadt wegen den vielen Bäumen: Gröbenzell wird in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia auch als solche bezeichnet, allerdings ebenso mit dem Attribut Schlafstadt versehen.

Schlafstadt mit Promi-Faktor

Vom Bergdoktor-Star bis zur TV-Moderatorin: Gemeinde in Oberbayern ist Heimat von einigen Promis

Auf Wikipedia ist über Gröbenzell nicht nur positives zu lesen. Interessant: Der Ort im Landkreis Fürstenfeldbruck ist die Heimat von mehreren Promis.

Gröbenzell – Eigentlich hat Gröbenzell echten Glamour zu bieten, zumindest was Prominente angeht. So kommt etwa die TV-Moderatorin Barbara Schöneberger aus dem Ort, leben tut sie allerdings nicht mehr hier. Ganz im Gegensatz zu ihr: Monika Baumgartner, bekannt aus der beliebten ZDF-Serie Bergdoktor, ist sehr präsent, engagiert sich etwa für die Rechte von Behinderten.

Gröbenzell: Heimat von Barbara Schöneberger und von Monika Baumgartner

Für einen Hauch von Hollywood sorgte er: Volker Prechtl. Er spielte in der Verfilmung des Buches „Im Namen der Rose“ von Umberto Eco eine Hauptrolle als Mönch. Mit 55 Jahren erlag er einem Krebsleiden. Und dann gibt es noch ihn: Moderator und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher. All diese Namen führt die Internet-Enzyklopädie Wikipedia als prominente Bewohner auf.

Ob sie allerdings so begeistert sein werden von der Charakterisierung ihrer Heimatgemeinde, ist zweifelhaft. Das Internet-Lexikon bezeichnet Gröbenzell nämlich nicht nur als Gartenstadt, was gerne propagiert wird, sondern auch als Schlafstadt. Das rühre aus den 1960er- und 1970er-Jahren her, als rund 250 Reihenhäuser gebaut wurden.

Diese ehemalige Eiwo-Siedlung und alle weiteren hätten die Gröbenbachgemeinde eben zum Trabanten für München gemacht. Sprich: Die Bewohner pendeln zur Arbeit und konzentrieren auch ihre Freizeitaktivitäten eher auf die nahe gelegene Landeshauptstadt.

Gröbenzell auf Wikipedia: Verfasser vertun sich um zehn Jahre

Fakt ist: Die Gemeinde ist in den vergangenen Jahrzehnten immens gewachsen. Wie genau, ist bei Wikipedia detailliert zu erfahren: von 2743 Einwohnern im Jahr 1939 auf 20 048 am 31. März 2019. Diese Informationen sind allerdings nicht aktuell: Die Einwohnerzahl ist zwischenzeitlich auf 19 776 geschrumpft, wie Bürgermeister Martin Schäfer jüngst in der Bürgerversammlung verkündete.

Auch bei den Erklärungen zur Geschichte – vom ersten Siedler über die Gemeindegründung 1952 bis heute –hat sich der ein oder andere Fehler eingeschlichen. So erfährt der Leser, dass das erste Haus um das Jahr 1560 herum entstand. Herzog Albrecht V. habe dieses bauen lassen. Dabei haben sich die Verfasser (das kann jeder Nutzer sein) aber um zehn Jahre vertan.

Der Gröbenzeller Johann Böhmer hat im vergangenen Jahr ein Buch herausgebracht zur 450-jährigen Geschichte seiner Heimatgemeinde und demnach entstand das erste Haus 1570. Es bewohnte der Gröbenhüter, der spätere Gröbenzöllner.

Der Leser erfährt außerdem, wann und warum die ersten privaten Wohnhäuser in Gröbenzell entstanden, das war Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wurde das Holz knapp und Torf war eine geeignete Alternative. Rund um Gröbenzell wurde der Rohstoff gestochen. Manche Arbeiter blieben dort und bauten sich Wohnhäuser. „Bis zum Zweiten Weltkrieg war Gröbenzell vorwiegend eine Torfstechersiedlung“, heißt es auf Wikipedia.

Wikipedia-Eintrag über Gröbenzell: Entscheidende Person wird verschwiegen

Torfstecher kamen relativ komfortabel in diese Gegend, da 1840 die Eisenbahnlinie von München nach Augsburg gebaut worden war und im Jahr 1898 sogar ein Haltepunkt in der Siedlung am Gröbenbach eingerichtet wurde. Hier weist die Internet-Enzyklopädie eine entscheidende Lücke auf: Es ist keine Rede vom Justizrat Franz Troll. Er erwarb 1888 das letzte Gröbenhüterhaus und kümmerte sich nicht nur um seinen Hof, sondern auch um die Entwicklung des Ortes. Und Troll war es, der sich mit weiteren Bewohnern dafür eingesetzt hatte, dass die Bahnhaltestelle kam.

Politisch ist das Lexikon allerdings auf dem neuesten Stand. Nachzulesen ist, dass seit der Wahl 2020 der Gemeinderat 30 Sitze hat und auch, wie die einzelnen Sitze auf die Parteien und Wählergemeinschaft verteilt sind. Und es spart nicht aus, dass so mancher Politiker der Nachkriegszeit Mitglied der NSDAP war. Darunter Bernhard Rößner, der erste Bürgermeister Gröbenzells, der dieses Amt von 1952 bis 1957 innehatte. Nach Rößner wurde dann zwar eine Straße benannt, nicht aber die an dieser Straße liegende Grundschule.

Auch die Namensgebung der Gröbenbachschule hat in Wikipedia Einzug gehalten. So wird erläutert, dass die Schule ursprünglich nach dem Ehemann der Stifterin des Grundstücks, Hans Kerle, benannt wurde. Als aber in den 1990er-Jahren dessen NS-Vergangenheit bekannt wurde, wurde sie zur Gröbenbachschule umbenannt.

Fehler auf Wikipedia: Gröbenzell-Irrtum mit der Russenbrücke

Die an der Schule liegende Straße, die Hans-Kerle-Straße, behielt jedoch ihren Namen. Dass die Schule bereits seit Jahren ausschließlich Grund- und nicht mehr Hauptschule (Mittelschule) ist, erfährt der Leser nicht.

Sehenswertes in der Gemeinde wird ebenso beschrieben: die katholische Kirche St. Johann Baptist und der von dem Gröbenzeller Bildhauer Hubert Elsässer geschaffene Vier-Element- Brunnen davor. Es bleibt nicht unerwähnt, dass so manches Gebäude – wie die Alte Schule – lediglich durch den Einsatz von Bürgern heute noch zu bewundern ist. Auch das in der Alten Schule untergebrachte Torf- und Heimatmuseum wird bei Wikipedia aufgeführt. Allerdings ist es nicht zutreffend, dass der Verein „Gröbenhüter“ Träger des Museums ist. Dies ist die Gemeinde.

Und dass die ebenfalls erwähnte Russenbrücke von russischen und französischen Kriegsgefangenen erbaut wurde, ist nach derzeitigem Stand der Forschung ebenfalls falsch. Danach waren es ausschließlich im Eschenhof untergebrachte französische Kriegsgefangene, die mit dem Bau begannen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges beendeten deutsche Zivilisten den mit Jugendstil-ornamenten verzierten Bau. (sus, gar)

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