Das aktuelle Interview

Hier klappt Kultur ohne Subventionen

Der erste Künstler, der vor acht Jahren im Stockwerk auf der Bühne stand, war Martin Schmitt. Am kommenden Freitag ist der Münchner Musiker und Entertainer wieder da. An diesem Abend begrüßt das Stockwerk seinen 100 000 Gast. Im Tagblatt erzählt Veranstalter Thomas Breitenfellner (35), wie er aus der Lobby eines Bürogebäudes einen überregional bekannten Veranstaltungsort gemacht hat.

Gröbenzell 

- Herr Breitenfellner, was erwartet den 100 000. Zuschauer am Freitagabend?

Da wir nicht feststellen können, wer tatsächlich als Hunderttausendster durch die Tür kommt, werden wir unter allen Gästen des Abends den Glücklichen auslosen. Er bekommt einen Gutschein fürs Stockwerk – zwar nicht über 100 000, aber immerhin über 100 Euro.

-Seit 2009 machen Sie im Stockwerk Kultur. Wie würden Sie die Entwicklung beschreiben?

Im ersten Jahr hatten wir eine Veranstaltung, im zweiten Jahr schon sechs. Inzwischen sind wir bei rund 50 im Jahr, sind also sehr stark gewachsen. Die Namen der Künstler, die zu uns kommen, sind immer klangvoller geworden. Im Grunde war bei uns schon das gesamte Who-is-Who der bayerischen Kabarettszene – und darüber hinaus. Hinzu kamen immer mehr Konzerte und Lesungen, aber auch unsere Stockwerk Lounge (Party mit DJ und bis zu 700 Gästen, Anm. d. Red.), die sechsmal im Jahr stattfindet.

-Wie haben Sie das geschafft?

Am Anfang war es nicht ganz einfach, denn es gibt ja viele tolle etablierte Spielorte in der Region. Aber Beharrlichkeit zahlt sich aus. Man holt sich drei, vier Absagen, aber bei der fünften Anfrage sagt der Künstler dann doch zu. Und die, die einmal bei uns waren, kommen alle wieder.

-Woran liegt das?

Die Künstler sind, ebenso wie die Gäste, begeistert von unserem Ambiente, vom offenen Kamin, von der Bar, die mitten im Saal steht, statt irgendwo im Foyer. Außerdem hat das Stockwerk keinen Orchestergraben, so dass das Publikum dem Künstler fast auf dem Schoß sitzt. Dadurch entsteht ein intimer Rahmen mit dem direkten Feedback der Zuschauer. Für einen Künstler ist das eine spannende Sache.

-Trotz allen Erfolgs – mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Sie?

Jede Veranstaltung ist ein Riesenaufwand an Auf- und Abbau. Unser Saal ist ja eigentlich die Lobby eines Bürogebäudes, hier stehen normalerweise schwere Holztische und Sessel. Für Veranstaltungen müssen wir das alles abräumen und die Stühle aus dem Keller hochschleppen. Da sind drei, vier Leute gut beschäftigt.

-Sie legen Wert auf die Feststellung, dass das Stockwerk ohne einen Cent kommunale oder staatliche Förderung auskommt. Wie schaffen Sie das?

Mit sehr schlanken Strukturen und hoher Effizienz. Ich habe im Kulturbereich nur eine festangestellte Mitarbeiterin. Der Ticketverkauf läuft größtenteils übers Internet, die Bürokratie halten wir so gering wie möglich. Und wenn’s sein muss, mache ich halt selber die Häppchen für die Künstler und staple auch noch nachts die Stühle.

-Aus dem Geschäftsbereich Bürovermietung wird nichts zugeschossen?

Nein. Christian Stock (Eigentümer der Immobilie, Anm. d. Red.) und die Mieter leisten ihren Beitrag, indem sie auf die Nutzung der Lobby verzichten, wenn eine Veranstaltung ansteht. Aber finanziell muss der Kulturbetrieb sich selber tragen. Das heißt natürlich auch, dass wir in unserem Programm nicht jede Nischenkultur bedienen können, sondern immer auf ein möglichst gut besuchtes Haus abzielen. Die Tickets können wir nicht verschleudern, aber wir liegen mit unseren Preisen im guten Mittelfeld. Das wissen auch die vielen Besucher, die aus München zu uns kommen. Viele fahren lieber nach Gröbenzell, als in Schwabing stundenlang einen Parkplatz zu suchen.

Vorschau

Dass der Münchner Ex-OB Christian Ude sich als Kabarettist auf die Bühne stellt, kommt vor – aber nicht oft. Im Stockwerk in Gröbenzell ist er jedoch schon aufgetreten.„Und es hat ihm so gut gefallen, dass er im nächsten Jahr wiederkommt“, freut sich Veranstalter Thomas Breitenfellner. Ude wird mit einem „Weihnachts-Kabarett“ im Dezember 2018 im Stockwerk zu erleben sein. Und er ist nicht der einzige große Name, der für kommendes Jahr im Programm steht. Fans der bayerischen Comedy-Elite können sich unter anderem auf Django Asül (22. Februar), Chris Boettcher (21. April und 10. November) und Sigi Zimmerschied (13. Oktober) freuen. 

Das „Tatwort Improtheater“ (4. Mai) wird ebenso zu Gast sein wie „Tatort“-Kommissar Udo Wachtveitl (9. November). Auch musikalisch ist einiges geboten – die Palette reicht unter anderem vom regionalen Jugendstreichorchester Blue Strings (27. Januar) bis hin zu Claudia Koreck (3. März), dem international bekannten Tango-Quartett Quadro Nuevo und den Raithschwestern (28. April). Die Orgel im Stockwerk wird im Laufe des Jahres achtmal zu hören sein – immer in Verbindung mit einem weiteren Instrument oder Orchester. Unter anderem gibt es ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Eichenauer Kirchenmusiker Christian Brembeck, der am 14. April unter dem Motto „Organ meets Brembeck“ auf der Bühne des Stockwerks steht (os)

Das Gespräch führte
Ulrike Osman

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