Kirche und Turm wurden von einrückenden amerikanischen Truppen beschossen. Die Gröbenzeller Spenglerei Lorenz Kapfer reparierte die Schäden.

Das Jahr 1945 im Landkreis Fürstenfeldbruck

Serie zum Kriegsende: Mutiger Bürger rettet Gröbenzell

Vielerorts machten sich die letzten NS-Größen aus dem Staub sobald amerikanische Soldaten anrückten. In der Siedlung am Gröbenbach war das anders.

Gröbenzell –  Einige Unbelehrbare wollten nicht aufgeben. So erlebte der Ort Ende April 1945 dramatische Stunden. Dass ihre Siedlung nicht in den letzten Zügen des 2. Weltkrieges noch zerstört wurde, verdankten die Bürger hauptsächlich dem Mut eines Mannes: Martin Hatzinger.

Am Sonntag, 29. April 1945, waren Amerikaner in Olching kampflos eingerückt. Dass zuvor am Olchinger Kirchturm eine weiße Fahne die kampflose Übergabe signalisiert hatte, sprach sich auch bei den Gröbenzellern herum. Um Hab und Gut in letzter Minute nicht noch zu gefährden, hissten auch hier einige Bewohner weiße Betttücher und ähnliches.

Weiße Fahne am Kirchturm

Auch am Gröbenzeller Kirchturm wurde eine weiße Fahne hochgezogen. Als jedoch NS-Ortsgruppenleiter Martin Steger das entdeckte, war er verärgert. Doch bevor er etwas unternehmen konnte, sperrten ihn drei Bürger in eine Holzhütte am Böhmerweiher. Aber die Gefahr war noch nicht gebannt. Wenig später tauchte ein SS-Trupp in Gröbenzell auf. Die Nazis ließen nicht nur die weißen Fahnen wieder abnehmen. Sie drohten auch einige Gröbenzeller zu erschießen, falls sie Ortsgruppenführer Steger nicht freigelassen würden.

An diese Situation kann sich Klaus Gladiator noch heute genau erinnern. Der 82-Jährige lebte damals in der Frühlingstraße. Auch seine Mutter hatte ein weißes Bettlaken aus dem Fenster gehängt. Als aber die SS auf einem Wagen mit Megaphon durch den Ort fuhr und befahl, die weißen Fahnen müssten verschwinden, habe sie das Laken eingeholt – wie alle anderen Bürger.

Und auch NS-Ortsgruppenleiter Steger kam wieder frei. Er suchte mit der SS und dem aus Olching kommenden Volkssturmführer Georg Moll nach den Köpfen des Aufstandes gegen ihn. Auf einem Wagen der SS stehend fuhr Steger durch den Ort und rief: „Euer Ortsgruppenleiter ist wieder da“. Doch wenig später erfolgte ein Befehl für die Wehrmacht, sich auf eine neue Verteidigungslinie zurückziehen. Steger machte sich aus dem Staub. Der Spuk war zu Ende – Gröbenzell verharrte in Schockstarre.

Der Ort wird beschossen

Die weißen Fahnen wurden nicht wieder gehisst. Für die Amerikaner war das ein „unmissverständliches Signal, dass sie mit der Verteidigung des Ortes zu rechnen hatten“, wie Kurt Lehnstaedt in seinem Buch „Gröbenzell in den Jahren 1933 bis 1945“ schreibt. So beschossen sie den Ort. Die Artillerieattacken richteten nicht nur Schäden an Gebäuden an. Ein Granatsplitter verletzte ein vierjähriges Kind tödlich. Der letzte Beschuss erfolgte gegen 22.45 Uhr.

Die Bewohner des katholischen Pfarrhauses hatten sich in den Keller zurückgezogen. Durch die „rasche Folge mehrerer Detonationen erzitterte das ganze Haus,“ erinnerte sich später der damalige Pfarrer Josef Auer. Schule, Kirche und Pfarrhaus wurden getroffen. Kirchenfenster zerbrachen, die Kuppel des Turms wurde durchlöchert, Dachplatten herausgerissen. Im Pfarrhaus wurden Innenwände umgeworfen, Bad- und Toilettenanlagen zertrümmert.

Auch was anschließend geschah, hat Pfarrer Auer aufgeschrieben. „Herr Hatzinger und ein gewisser Schmid Emmeran haben sich an HJ oder SS-Formationen, die Richtung Olching lagen, vorbeigeschlichen und mit weißer Fahne die Amerikaner erwartet. Das war gegen 11 Uhr nachts.“ Wenig später rückten die Amerikaner in den Ort ein. Hatzinger wurde später versichert, dass Gröbenzell so buchstäblich in letzter Minute vor seiner Zerstörung gerettet wurde. Die Amerikaner hatten einen Hinterhalt vermutet.

Der Einzug der Amerikaner

Ludwig Klauser erlebte den Einzug der US-Soldaten in seinem Elternhaus an der Kreuzung Augsburger-/Kirchenstraße. Es wurde, wie andere, beschlagnahmt. „Du raus, wir rein“, hieß es. Die Familie kam im Schuppen unter. Wie der heute 89-Jährige erzählt, durfte sie einen Sack Kartoffeln mitnehmen – in dem einige Flaschen Wein versteckt waren. Als die Amerikaner abzogen, nahmen sie einen Regenschirm, ein Flugzeugmodell und ein Foto aus dem Haus der Klausers mit.

Wie Gladiator hat aber auch Klauser ansonsten eher gute Erinnerungen an die Amerikaner. „Sehr freundlich und korrekt haben sie sich verhalten.“ Gladiator stand an der Autobahn und beobachtete die vorbeiziehenden Amerikaner. Er hoffte einen Kaugummi zu ergattern. Die US-Soldaten haben ihm zugelächelt – und einen Kaugummi gegeben.

Elisabeth Kammerl beobachtete als Kind, wie die Panzer von der Graßlfinger- in die Bahnhofstraße rollten. „Da habe ich meinen ersten Farbigen gesehen“, sagt die 87-Jährige. Die US-Soldaten quartierten sich in der Bahnhofswirtschaft ein. Dort verteilten sie ihren Kaffeesatz an die Bürger. Dieses Geschenk anzunehmen hatte dem damals Zwölfjährigen die Mutter verboten. „Sie war überzeugt, dass das ist nicht ehrenvoll war.“ Mit dem Kaffeesatz der Amerikaner machte auch Klausner als Bub Bekanntschaft. Den hatten die Soldaten grob gemahlen in seinem Elternhaus zurückgelassen. Die Mutter trocknete ihn, mahlte ihn feiner und überbrühte ihn. (sus)

Die Serie

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren veröffentlich das Tagblatt eine Serie mit historischen Fakten und Augenzeugenberichten. Beim Münchner Merkur ist zu diesem Thema die Broschüre „Besiegt und frei“ erschienen. Sie ist erhältlich in der Geschäftsstelle des Tagblatts, Stockmeierweg 1 in Fürstenfeldbruck. Abonnenten zahlen 5,90 Euro, Nicht-Abonnenten 7,90 Euro

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