Aus diesem Kanaldeckel auf dem Firmengelände ist Abwasser ins Erdreich gesickert. Die Frage ist: Wie lange?
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Aus diesem Kanaldeckel auf dem Firmengelände ist Abwasser ins Erdreich gesickert. Die Frage ist: Wie lange?

Unterschiedliche Darstellungen

Umwelt-Vorwürfe gegen Gröbenzeller Reinigungsfirma

  • Fabian Dilger
    vonFabian Dilger
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Auf dem Gelände der Industrie-Wäscherei des Gröbenzeller Bürgermeisters Martin Schäfer und seiner Ehefrau soll seit längerem immer wieder Abwasser im Erdreich versickert sein. Das Ehepaar Schäfer bestätigt einen Vorfall und versichert, erst seit kurzem von dem Problem zu wissen. Mehrere Quellen sagen jedoch, dass das Thema schon weit länger im Unternehmen bekannt sei.

  • Auf dem Gelände einer Industrie-Wäscherei soll über längeren Zeitraum Abwasser versickert sein.
  • Die Wäscherei gehört Gröbenzells Bürgermeisters Martin Schäfer und seiner Ehefrau.
  • Die bestätigen einen Vorfall, doch widersprechen dem Vorwurf, dass das Problem schon lange bekannt sei.

Gröbenzell – Es sieht zuerst einmal aus wie eine dicke Schicht Schnee: Auf umfangreichem Bild- und Videomaterial, das dem Tagblatt vorliegt, sieht man, wie weißer Schaum aus einer Kanalabdeckung hervortritt und im Erdreich versickert. Das Bildmaterial und weitere Informationen haben drei Quellen aus dem Umfeld des Unternehmens “Matten Schäfer GmbH & Co. KG” dem Tagblatt bereitgestellt. In der Firma werden Matten und Teppiche aus Handwerk, Industrie oder dem Veranstaltungsbereich gewaschen.

Das Problem

Die Quellen sind sich einig, dass das Problem der Versickerung von Schaum und Flüssigkeit seit einiger Zeit regelmäßig auftritt. Das Heikle daran: Dieser Schaum sei Abwasser, das bei der Wäsche von Industrie-Matten und -Teppichen entstehe. Zur Wäsche werde unter anderem das Industriewaschmittel „Viva Blue“ verwendet, das als umweltgefährdend klassifiziert ist.

Nach Aussagen der Quellen wussten im Unternehmen über längere Zeit mehrere Personen über diese Versickerung Bescheid. Darunter soll auch die Unternehmensleitung gewesen sein, also die beiden Geschäftsführer, Bürgermeister Martin Schäfer und seine Ehefrau, die das Alltagsgeschäft der Wäscherei führt. Wirksame Gegenmaßnahmen seien demzufolge nicht ergriffen worden.

Die Ursache

Klar ist: Das Wasserwirtschaftsamt München (WWA München), das die technische Aufsicht über solche großen Wäschereien übernimmt, hat am 12. August kurz nach einer Presseanfrage unserer Zeitung bei einer Begehung in Gröbenzell dieses Problem festgestellt und Boden- sowie Wasserproben genommen. Das Problem wurde daraufhin durch Abdichtung und Verschraubung eines Abwasserdeckels behoben.

In einer Stellungnahme teilen die Schäfers dazu mit: Als vorbeugende Maßnahme habe man am darauffolgenden Tag eine circa drei Meter tiefe Bohrung an der Austrittsstelle beauftragt, um eventuelle Rückstände zu erkennen. „Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt sind über unsere Maßnahmen informiert. Die Ursache des Schaumaustritts war eine defekte Dichtung an der Kanalschachtabdeckung.“ Das Ehepaar Schäfer bestreitet auf Anfrage, dass es schon länger zu Versickerungen komme: „Der Kanal wird regelmäßig gewartet und gereinigt, ein seit Jahren regelmäßiger Austritt von Schaum ist uns nicht bekannt.“

Die Recherche

Das Tagblatt hat mit den drei Quellen unabhängig voneinander gesprochen und die Aussagen auf inhaltliche Deckung und Plausibilität überprüft. Die Personen waren im Unternehmen tätig. Jede lieferte zudem Fotos und Videos zu dem beschriebenen Vorgang. Das Material wurde mit entsprechenden Werkzeugen ausgelesen, dabei wurden keine Hinweise auf Bearbeitungen festgestellt.

Quelle Nummer 1 gibt an, das Problem erstmals im Sommer 2018 festgestellt zu haben. Man sei öfter zum Austreten hinter die große Halle auf dem Unternehmensgelände gegangen. In diesem Areal an der südwestlichen Grenze zum Nachbargrundstück, zwischen Produktionshalle und einem kleineren Gebäude, habe man dann „eine Schaumparty vorgefunden“. Der Schaum sei dort aus einer Kanalabdeckung hervorgestiegen. Dann sei er auf dem dortigen Erdboden auf einem Areal bis mutmaßlich circa 20 Quadratmeter aufgesessen und versickert. Diese Beobachtung habe die Quelle umgehend dem damaligen Vorgesetzten mitgeteilt: „Der hat gemeint: ,Jaja, das passt schon so, das wissen wir schon’.“

Die Augenzeugen

Im Dezember 2019 hat Quelle Nummer 2 diesen Vorgang das erste Mal beobachtet: „Weil es Winter war, dachte ich zuerst, es wäre so etwas wie Schnee vielleicht. Wenn man draufsteigt, registriert man den Schaum und die Feuchtigkeit.“ Auch diese Person hat nach eigener Angabe sofort den zuständigen Vorgesetzten informiert. „Ich habe gesagt: Das ist nicht gut, da kommt Zeug aus dem Boden.“ Die Antwort darauf sei gewesen: „Jaja, wir schauen da drauf.“ Er habe es insgesamt zwei Mal angesprochen. „Danach hab‘ ich es einfach gelassen.“

Als Quelle Nummer 3 das Problem Anfang 2020 das erste Mal beobachtete, habe ihm ein anderer Mitarbeiter gesagt: „Jaja, das läuft da schon seit Jahren raus.“ „Ich wusste, dass es definitiv ein Schaum von der Waschmaschine ist. Weil ich kenne ja das Waschmittel, was die da hernehmen. Und das hat man ja in der Waschmaschine auch gesehen, dass es genau die gleiche Farbe und Konsistenz hat, die da rausläuft”, sagt Quelle Nummer 3.

Das Problem trat nach Aussagen der Quellen nicht nur vereinzelt, sondern regelmäßig auf, zu jeder Jahreszeit. Quelle Nummer 2 sagt knapp: „Jeden Tag.“ Der Schaum auf dem Erdboden sei teilweise bis zu einem halben Meter hoch. Quelle Nummer 1 hat die Beobachtung gemacht, dass der Schaum vor allem morgens ausgetreten sei. Das sei auf sogenannte „Nachtwäschen“ zurückzuführen. Bei diesen lägen Matten und Teppiche über Nacht zum Einweichen in Industriewaschmaschinen. Am Morgen werde dann dieses Abwasser abgepumpt.

Der Informationsstand

Alle Tagblatt-Quellen sind sich einig, dass das Problem im Unternehmen bekannt gewesen sei. Es sei aber nie etwas unternommen worden, außer der Ablage von Matten auf der Kanalabdeckung, was den Schaum und die Flüssigkeit aber nicht vom Austritt abgehalten habe. „Im Endeffekt hat jeder darüber hinweg geschaut, was wirklich ist”, so formuliert es Quelle Nummer 3. Diese Untätigkeit sei ein Auslöser dafür gewesen, mit der Presse zu sprechen, sagen die Quellen.

Das Image

Außerdem stehe der Vorgang im Gegensatz zum nach außen vertretenem ökologischem Image von Martin Schäfer und dem Unternehmen. Im Unternehmen gebe es E-Autos und Martin Schäfer sei „nach außen hin sehr auf die Umwelt bedacht“, sagt Quelle Nummer 1. „Und dann läuft hinter der Firma das Gift aus“. Schäfer Matten beschreibt selbst auf der Unternehmenswebseite, dass man in die Umwelt und damit in eine saubere Zukunft investiere. Quelle Nummer 3 formuliert seinen Unmut so: „Meiner Meinung nach ist das eigentlich eine Schweinerei – so eine Firma, wenn die Geld verdienen wollen, müssen sie das auch richtig entsorgen, das Zeug.“

Martin Schäfer ist im Handelsregister als einer der beiden Geschäftsführer der Matten Schäfer GmbH & Co. KG verzeichnet. Er ist in die innerbetrieblichen Abläufe aber nur noch sporadisch eingebunden. Das Alltagsgeschäft erledige seine Ehefrau, sagen alle Quellen. Die Schäfers erklären hierzu: Den Quellen gehe es vermutlich weniger um Schadensbehebung als um eine „öffentliche Denunzierung“.

Die Vorschriften

Sollte die Geschäftsführung schon früher von dem Austritt gewusst haben, dann wäre das ein Verstoß gegen die Vorschriften: Ein solcher Austritt von Abwasser ist immer meldepflichtig und muss umgehend behoben werden, sagt das WWA. Die Behörde erklärt dazu: “Das WWA München wurde in den letzten zwei Jahren vom Unternehmen Schäfer Matten GmbH nicht über einen Abwasser-/Schaumaustritt informiert.”

Die Folgen

Welche Umweltschäden durch diese Versickerung entstehen können, ist ohne weitergehende Untersuchung und Kenntnis der Abwasser-Mengen und -beschaffenheit schlecht zu beurteilen. Vermutlich sind sie aber nicht gravierend, sagen Experten. Ralf Döring hat an der Entwicklung des Waschmittels “Viva Blue” mitgearbeitet und leitet das Labor des Herstellerunternehmens Seitz. Die Kennzeichnung „umweltgefährdend“ beziehe sich zum Beispiel auf Wasserorganismen, Pflanzen oder Algen. Döring vermutet: „Es ist kein dramatischer Schaden, das kann man mit sehr geringem Aufwand sanieren. Erdreich ist nicht so kritisch, Grundwasser oder offenes Wasser ist kritisch.“

Man müsse sagen, dass auch bei einer Einleitung in Bäche oder Flüsse Pflanzen oder Tiere nicht auf der Stelle sterben würden: “Die drehen nicht sofort den Bauch nach oben.” Aber: „Natürlich verunreinigt man den Boden. Grundwasser ist ein Problem. Wenn ich direkt daneben meine Gartenpumpe habe, würde mich das schon stören”, sagt Döring.

Die Meldepflicht

In Bayern übernehmen die Wasserwirtschaftsämter die technische Gewässeraufsicht. Für das Unternehmen Schäfer ist das Wasserwirtschaftsamt München zuständig. Das Tagblatt hat das WWA ohne Angabe des Unternehmensnamens und unter Vorlage des Bildmaterials zu dem Verdacht befragt. Das WWA macht klar: Jeder Austritt von Abwasser ist meldepflichtig und sollte möglichst schnell behoben werden. “Wir haben da Wasser, das eigentlich nicht im Erdreich versickert werden soll. Wenn es austritt, ist das nicht genehmigt und es ist auch nicht genehmigungsfähig”, sagt Marion Duschl, die zuständige Fachbereichsleiterin. Das Problem einer Schaumentwicklung bei der Verwendung von bestimmten Waschmitteln kenne man, das könne bei Verwirbelungen oder Pumpvorgängen in der Ableitung auftreten. “Aber das sollte natürlich verhindert werden.”

Die Aufarbeitung

Das Ehepaar Schäfer verweist in seiner Stellungnahme darauf, dass bereits Maßnahmen ergriffen wurden: „Der Kanal wurde mit einem Spülwagen gereinigt, Rückstände abgesaugt und anschließend durchgespült. Die Revisionsschächte wurden mit neuen Dichtungen ausgestattet.” Das weitere Verfahren hat jetzt das Landratsamt Fürstenfeldbruck als zuständige untere Wasserbehörde in der Hand. Probenergebnisse gibt es laut Landratsamt noch keine. Da der Abwasseraustritt nach Bekanntwerden unterbunden wurde, gebe es keine Veranlassung, den Betrieb einzustellen. Ob das Abwasserproblem tatsächlich nicht bis zur Unternehmensleitung vorgedrungen ist, wird zu klären sein. Das Landratsamt dazu: „Eine Prüfung rechtlicher Schritte ist erst nach abschließender Klärung des Sachverhaltes möglich.”

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