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Winterzauber am Böhmerweiher: In der kalten Jahreszeit ist der Badesee ein beliebtes Ziel für Spaziergänger.

Pläne für Natur-Areal

Der ungezähmte Böhmerweiher und seine Fans

Der Böhmerweiher zwischen Puchheim, Gröbenzell und München ist etwas ganz Besonderes. Tiere, Pflanzen und Menschen können sich ungestört entfalten. Doch es stehen große Veränderungen bevor.

Landkreis – Wenn Rocky mit seinem Frauchen am Ufer ankommt, kann es gar nicht schnell genug gehen. Der Rüde will ins Wasser, da gibt es kein Halten mehr. Und Frauchen muss natürlich mit. Und so zieht das Duo seine Bahnen. Raus auf den See, rum um die Insel und wieder zurück. Auf dem Rückweg wird Rocky sein Frauchen meist zu langsam. Der kleine Hund paddelt davon, stürmt ans Ufer, schüttelt sich das Wasser aus dem Fell und wartet brav auf seine Chefin.

Der Böhmerweiher ist mehr als nur ein Badesee und ein Erholungsgebiet. Viele der Menschen, die es auf das rund 27 Hektar große Areal zieht, genießen die Freiheit und die Wildnis, die im Ballungsgebiet am Münchner Stadtrand einzigartig ist. Die „ungeordnete Erholungsnutzung“, wie es von offizieller Seite heißt, wirkt wie ein Relikt aus jener Zeit, in der Bürokratie und Regulierung noch nicht bis in die feinsten Kapillaren des Lebens vorgedrungen waren.

An den offiziellen Badeseen wird man von einer großen Tafel mit diversen Verboten empfangen. Kinderwagengerechte Wege durchziehen die akkurat gemähten Wiesen. Der Kiosk spuckt eine Portion Pommes nach der anderen aus. Und über die Einhaltung der Verbote wachen die Schwarzen Sheriffs.

Im Sommer können im Böhmerweiher Hund und Halter gemeinsam ein Bad nehmen.

Am Böhmerweiher gibt es all das nicht. Nachdem der Kiesabbau eingestellt wurde, hat sich die Natur das Gelände langsam zurückgeholt. Bäume und Sträucher wachsen dort, wo ihre Samen irgendwann einmal Halt gefunden haben. Einzig kleine Trampelpfade durchziehen das kiesige Gelände.

Den völlig unüberwachten Badespaß kann man auch als großen soziologischen Feldversuch sehen. Was passiert, wenn man ein Areal und die Menschen darauf größtenteils sich selbst überlässt? Die Antwort aus Sicht der Böhmerweiher-Fans fällt eindeutig aus: Es läuft ziemlich gut.

Um zu verstehen, warum an dem Gewässer keine Anarchie ausbricht, muss man sich die Gruppen der verschiedenen Besucher einmal genauer anschauen. Da sind zunächst die Hundehalter. Die kommen in Scharen um mit ihrem Vierbeiner im Wasser zu planschen. Stöckchen ins Wasser, der Wuffi hinterher. Manche Tiere halten das stundenlang durch, manche Besitzer eher nicht. Ihr einzigartiges Refugium wissen die Hundehalter zu schätzen. Deshalb werden die meisten Hinterlassenschaften auch artig eingesammelt.

Zutrauliche Entenmamas führen ihren Nachwuchs zu den Badegästen. Die haben oft Futter für die Kleinen.

Bei manch anderem Vierbeiner der sich in den Fluten des Böhmerweihers erfrischt, gestaltet sich das mitunter schwierig. Denn auch Pferde schauen samt Halter immer wieder vorbei. Da plumpst schon mal ein Pferdeapfel ins Wasser. Einige finden das unhygienisch. Den meisten ist es aber schlicht egal.

Die zweite große Gruppe sind natürlich die Badegäste. Die machen es sich auf den vielen kleinen Nieschen im Buschwerk bequem. Dort hat man seine Ruhe, ist ungestört – bis auf die Hunde die ab und zu übers Handtuch sausen. Ein echter Böhmerweiher-Fan nimmt das aber gelassen. Eine Badeordnung gibt es selbstverständlich nicht. Ob nackert oder mit Badehose – das entscheidet hier jeder selbst.

Keine Regeln, keine Aufpasser – das wirkt vor allem auf die Jugend attraktiv. Zwar wurde in den 90ern noch weitaus exzessiver an den Ufern gefeiert. Doch auch heute fühlt sich die junge Generation magisch angezogen. Ein Tragerl Bier, einen Grill, Musik aus der Soundanlage und am Abend ein Feuer – die jungen Menschen genießen den ungeordneten Spaß.

Mit diesem Ruf hat es der Böhmerweiher bereits zu deutschlandweiter Bekanntheit gebracht. Der im Jahr 2000 von Bernd Eichinger produzierte Film „Schule“ wurde teilweise am Ufer des Sees gedreht. Unter der uralten knorrigen Weide auf einer Halbinsel am Westufer feiern die jugendlichen Hauptdarsteller mit viel Alkohol und anderen Eskapaden den Beginn der Badesaison – ein auch heute nicht ganz unrealistisches Szenario.

Erstaunlich ist, dass der See nicht komplett vermüllt ist. Zwar gibt es ein paar Saubären, die ihren Unrat einfach liegen lassen. Doch das ist eher die Ausnahme. Die meisten nehmen ihren Müll wieder mit. Und so mancher Badegast betätigt sich auch als Müllsammler – das Paradies soll schließlich sauber bleiben.

Doch dem See stehen große Veränderungen bevor. 2013 haben München, Puchheim, Gröbenzell und der so genannte Erholungsflächenverein das Gelände von der namensgebenden Familie Böhmer gekauft. Das Ziel: Der See soll ein Naherholungsgebiet werden. Die aktuelle Version des Entwurfes liegt momentan bei den beteiligten Kommunen. Die Stadträte von München und Puchheim sowie die Gröbenzeller Gemeinderäte müssen darüber abstimmen, erklärt Jens Besenthal, Geschäftsführer des Erholungsflächenvereins. Die Puchheimer und die Münchner Verwaltung hätten bereits wohlwollende Signale gesendet, sagt Besenthal. Aus Gröbenzell gibt es noch keine Antwort.

Wie genau die Pläne zur Umgestaltung aussehen, darf Besenthal noch nicht verraten. Nur so viel: „Es wird ein kleines Erholungsgebiet.“ Nur ein relativ kleiner Streifen am Nordwestufer soll für die Badegäste da sein. Die Zahl der Parkplätze soll sich in Grenzen halten. Die Planer setzen auf Besucher, die aus eigener Kraft zum Schwimmen kommen. Außerdem geplant ist ein Sanitärgebäude. Ob es einen Kiosk geben wird, ist noch nicht entschieden.

Noch ist das aber alles Zukunftsmusik. Läuft alles nach Plan, soll nächstes Jahr das Planfeststellungsverfahren starten. Zuständig dafür ist die Landeshauptstadt. Zwei Jahre soll sich das Verfahren hinziehen – oder länger. Das Soziotop Böhmerweiher bleibt seinen Fans also noch eine Weile erhalten.

Von Tobias Gehre

Die Serie

Jahraus, jahrein berichten Redakteure aus politischen Sitzungen, und von Veranstaltungen über das aktuelle Geschehen. Zum Jahreswechsel haben sie ihre eigene Agenda aufgestellt und Themen recherchiert, die ihrer Meinung nach mal auf die Tagesordnung der Heimatzeitung gehören.

Darum habe ich diese Geschichte geschrieben

Die Region boomt, immer mehr Menschen zieht es in die Landeshauptstadt und ins Umland. Und irgendwo müssen sich die Massen erholen, das ist klar. Wie das aussehen kann, zeigt sich an warmen Sommertagen am Langwieder- und am Lussee. Die Schlange der parkenden Autos reicht dann bis auf die Stuttgarter Autobahn, die Liegewiese erinnert an den Teutonengrill an der Adria.

Da kann man wirklich froh sein, dass der Böhmerweiher auch in seiner künftigen Funktion als offizielles Erholungsgebiet weitgehend vom großen Ansturm verschont bleiben wird. Viele zusätzliche Parkplätze sind nämlich nicht geplant. Und wo der Deutsche nicht mit dem Auto hinfahren kann, da sieht man ihn nicht oft.

Inwieweit sich der Umbau auf das jetzige Miteinander an den Ufern des Böhmerweihers auswirkt, ist noch nicht abzuschätzen. Sehr wahrscheinlich werden auch hier die Verbote samt den Aufpassern kommen. Bleibt also zu hoffen, dass die deutsche Bürokratie ihrem Namen alle Ehre macht – und der Ausbau noch lange auf sich warten lässt. Dann kann ich meine Ausflüge an den Böhmerweiher noch eine ganze Weile genießen.

tog

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