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Doris Schmid lebt seit 20 Jahren in Olching und will dort auch bleiben, was die Suche noch erschwert.

NEUE SERIE - DIESES THEMA IST MIR WICHTIG

Herbergssuche im 21. Jahrhundert

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Jahrein, jahraus berichten Redakteure des Fürstenfeldbrucker Tagblattes aus politischen Sitzungen und von Veranstaltungen über das aktuelle Geschehen im Landkreis. Zum Jahreswechsel haben sie ihre eigene Agenda aufgestellt und Themen recherchiert, die Ihrer Meinung nach mal auf die Tagesordnung der Heimatzeitung gehören.

Olching/Gröbenzell– Die Herbergssuche ist schon ein integraler Bestandteil der Weihnachtsgeschichte. Doch wie Maria und Josef vor über 2000 Jahren finden viele auch heute noch keinen Raum für sich. Wer eine Wohnung braucht, muss sich mit Massenbesichtigungen, Betrügern und Erpressung herumschlagen. Der Wohnungswahnsinn nimmt im Speckgürtel um München immer gravierendere Ausmaße an. Selbst in einer Stadt von mittlerer Größe wie Olching melden sich in zwei Stunden 80 Bewerber auf ein Inserat. Die Schattenseiten bekommen auch die Einheimischen zu spüren.

Gabriele Müller (Name geändert) hat bei der Wohnungsbesichtigung im benachbarten Gröbenzell von Anfang an ein komisches Gefühl. Im 15-Minuten-Takt werden die Interessenten durch die Räume geschleust, in denen bis vor Kurzem eine alte Frau lebte. Ihre Möbel sind noch da. Es ist eine Traum-Immobilie: drei Zimmer, Terrasse, S-Bahn-Nähe. „Die Wohnung hat mir super gefallen“, erinnert sich Gabriele Müller. Nach monatelanger verzweifelter Suche, hätte sie alles getan, um mit ihrer Familie nach dem Auszug aus einer schimmligen Wohnung in Olching nahe ihrer Heimatstadt zu bleiben.

Wie weit sie bereit ist, für die neue Bleibe zu gehen, wird noch bei dem Besichtigungstermin auf die Probe gestellt. Die Tochter der verstorbenen Mieterin unterbreitet nämlich ein ziemlich dubioses Angebot. „Sie meinte, unsere Chancen würden steigen, wenn wir möglichst viele Möbel übernehmen.“ Darunter eine Küche für 7000 Euro. Ein dreister Erpressungsversuch – der nur scheiterte, weil der Eigentümer der Räume gar nichts von dem Handel weiß. Das erfährt Gabriele Müller auf Nachfrage. Sie meint resigniert: „Am Ende hätten wir die Möbel gekauft, aber die Wohnung gar nicht bekommen.“

Diese Geschichte ist ein Extremfall, zeigt aber, welche gravierenden Folgen der Mangel an Wohnungen hat. Dazu braucht man nicht einmal die größeren Städte im Landkreis wie Germering (41 000 Einwohner) oder Fürstenfeldbruck (37 000 Einwohner) zu betrachten. Es reicht eine gute Infrastruktur, die Nähe zu München und der Zehn-Minuten-Takt der S-Bahn. In einer Gemeinde wie Gröbenzell (20 000 Einwohner) werden selbst WG-Zimmer für 700 Euro angeboten. In Olching (27 000 Einwohner) sind Wucher-Preise (1500 Euro für 80 Quadratmeter), Massenbesichtigungen und Abzocke eher Regel als Ausnahme. Und es wird schlimmer.

Wenn die Olchinger Immobilien-Maklerin Meike Bayer eine Wohnungsannonce im Internet veröffentlicht, läuft die Stoppuhr sofort mit. „Nach zwei Stunden müssen wir die Anzeige offline stellen, weil sich schon 80 Bewerber darauf gemeldet haben“, erklärt Bayer. Sie und ihr Team wissen sich nicht mehr anders zu helfen, um dem Ansturm Herr zu werden. Denn: „Bei uns soll jeder eine Antwort bekommen.“

Die Maklerin weiß, dass das längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Sie ist seit 20 Jahren im Geschäft, hat sich vor allem auf Eigentum spezialisiert, und kennt sich gut in Olching und Gröbenzell aus. In den vergangenen Monaten ist der Druck auf den Wohnungsmarkt noch einmal immens gestiegen.

Die Art der Anfragen hat sich dadurch verändert. Viele schicken sofort ganze Mappen mit – ziehen sich quasi bis auf den letzten Kontostand aus. Gehaltsnachweise, Selbstauskünfte, Fotos der Familie, alles liegt bereit, um die Konkurrenz auszustechen. Und zumindest an einer der Massenbesichtigungen teilnehmen zu können. Die Wohnungsnot betrifft nicht nur sozial Schwache, sondern auch Wohlhabende, die aus München ins Umland wollen, aber eben nicht aufs Dorf. Oder Menschen, denen wegen Eigenbedarf gekündigt wurden.

Attraktive Mietimmobilien, die über den Anspruch von Junggesellenbuden hinausgehen, sind so selten wie die blaue Mauritius beim Briefmarkensammeln. Wer bei den einschlägigen Portalen im Internet nachschaut, wird im Falle von Olching nur eines häufig finden: diverse DG-Wohnungen (zum Beispiel 80 Quadratmeter für 1000 Euro). Insgesamt sind es eh nur eine Handvoll Annoncen – und dahinter stecken immer wieder Betrüger.

Diese böse Erfahrung hat die alleinerziehende Mutter Susanne Heiland (Name geändert) gemacht. Sie sucht seit etwa drei Monaten nach einer Zwei-Zimmer-Wohnung. „Die Ansprüche habe ich längst heruntergeschraubt. Für was gibt es Schlafcouchen?“, fragt sie ironisch. Sie kann ja im Wohnzimmer schlafen und ihre Tochter bekäme ihr eigenes Zimmer. Ganz heimlich träumt sie von einer Badewanne. Ihr Budget liegt bei 750 Euro.

Einige Angebote kamen für sie schon in Frage. Nur: „Die einzigen, von denen ich eine Antwort bekomme, sind die Betrüger.“ Sie sucht Tag und Nacht nach Anzeigen im Internet und mindestens einmal in der Woche erwischt sie ein Abzock-Inserat. Die schicken dann in schlechtem Deutsch immer denselben Text mit kuriosen Erklärungen warum man Vorkasse überweisen soll: „Ich bin gerade auf einer Ölplattform.“ Susanne Heiland: „Wie verzweifelt müssen Menschen sein, die darauf hereinfallen?“ Zumindest sind es so viele, dass die Polizei großflächig vor sogenannten Fake-Inseraten im Netz warnt. Ein sicheres Zeichen für die Fälschung sei: Die Immobilie ist für die Lage deutlich zu günstig. Und: Das ganze Angebot wirkt einfach zu gut.

Auf ein solches, real existierendes hofft auch die Olchingerin Doris Schmid. „Die Wohnungssuche ist brutal“, sagt sie. Dabei befindet sich die 48-Jährige in einer relativ komfortablen Lage. Sie wohnt derzeit auf 67 Quadratmetern in einem Neubau und zahlt 900 Euro Miete warm. Auch das gibt es noch. Die Eigentümerin ist eine ältere Dame. Wie gut Schmid es hat, sieht sie beim Blick auf den Nachbarn: Dessen Wohnung ist im Besitz eines anderen Eigentümers. Er zahlt 1100 Euro warm für 55 Quadratmeter.

Nun blickt Schmid aber auch in die Zukunft. Irgendwann werden sie und ihr Ehemann, der schon mehrere Bandscheibenvorfälle hatte, eine Wohnung im Erdgeschoss brauchen, am besten mit Terrasse. Momentan sind die Aussichten düster. Selbst in Fürstenfeldbruck seien die Preise günstiger. „Dabei will ich unbedingt in Olching bleiben.“ Immerhin ist sie dort bereits seit 20 Jahren daheim.

Darum habe ich diese Geschichte geschrieben

Es ist das Thema, das mich in den vergangenen Jahren am meisten beruflich und privat beschäftigt hat: Wie kann unsere Generation ein schönes Zuhause finden, wenn die Mieten im Ballungsraum derartig steigen und Wohnungen so knapp sind? Kann ich überhaupt Wünsche hegen wie Balkon, Terrasse oder gar ein Fenster im Bad? 

Als mein zukünftiger Ehemann und ich gemerkt haben, dass die ausgebaute Wohnung im Dachgeschoss der Eltern doch irgendwie so langsam zu eng wird, hat es angefangen. Wir haben darüber nachgedacht, welche Wohnung wir bräuchten und wie viel Miete wir bezahlen müssten. Wir wollten gerne in der bekannten Umgebung in Gröbenzell bleiben und auch nahe bei der Familie. 

Wir begaben uns auf eine kräftezehrende Suche nach bezahlbarem Wohnraum, wie es Politiker nennen, die sicherlich längst sesshaft geworden sind. Ziemlich harmloser Ausdruck für etwas, das immense psychische Belastungen mit sich bringt. Ein Zuhause nach unseren gar nicht so anspruchsvollen Vorstellungen – womöglich noch mit Kinderzimmern – hätte das gemeinsame Einkommen drastisch reduziert, obwohl es guter Durchschnitt ist. Solche Sperenzchen wie Altersvorsorge wären nicht mehr drin gewesen. Wohnen ist ein Luxus geworden, der seinen Preis allerspätestens im Alter fordert. 

Das kam für uns nicht in Frage. Man arbeitet auch zu hart, um ausschließlich andere davon profitieren zu lassen. Für uns gab es nur eine Lösung: Auf dem elterlichen Grundstück ein Zuhause für alle – auch die nächste Generation – zu errichten. 

Mit sehr viel Eigenleistung, Schlafen im Wohnwagen und Dixie-Dusche während der Übergangszeit haben wir es realisiert. Dass wir diese Möglichkeit hatten, war eh ein Lottogewinn. Vorerst ist das Problem gelöst. Für die kommende Generation gibt es aber kaum mehr Raum zum Nachverdichten.

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