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Leben in Gefangenschaft: Mehr als 1000 Männer waren im Lager in Hattenhofen während des Ersten Weltkrieges interniert. Die meisten davon stammten aus Russland.

Zeitzeugenbericht entdeckt

Das fast vergessene Gefangenenlager

Etwas über 100 Jahre ist es her, da entstand in Hattenhofen ein großes Lager für Kriegsgefangene des Ersten Weltkrieges. Mehr als 1000 Männer waren dort interniert, vor allem Russen. Die Sache war fast vergessen – bis Kreisheimatpfleger Toni Drexler einen Zeitzeugenbericht entdeckte.

Kreisheimatpfleger Toni Drexler hat die Aufzeichnungen von Anton Hauptmann entdeckt. „Es kommt mir alles ziemlich glaubhaft vor“, sagt er. Inwieweit die Aussagen den historischen Fakten entsprechen, ist schwer festzustellen.

Hattenhofen– Die Gefangenen wurden hauptsächlich für den Torfstich im Haspelmoor eingesetzt. Aber auch bei der Ernte halfen sie. Lagerkommandant war im Frühling und Sommer 1915 Leutnant Anton Hauptmann. Er schrieb seine Erlebnisse und Erinnerungen in den 1930er-Jahren nieder. „Es ist ein interessantes Zeitdokument“, sagt Drexler. Vor allem deswegen, weil es kein behördlicher Akt, sondern ein subjektiv gefärbter Erfahrungsbericht sei. „Da hat man einmal einen relativ authentischen Bericht.“

Arbeitskräfte: Die Gefangenen wurden unter anderem beim Torfstich und bei der Ernte eingesetzt.

Der Kreisheimatpfleger ist im Rahmen seiner Recherchen für sein Buch über das Haspelmoor auf den bisher nicht editierten Bericht gestoßen, der im Bayerischen Kriegsarchiv in München lagert. Auf diese Quelle hatte ihn Erich Hage hingewiesen, der über das große Kriegsgefangenenlager in Puchheim ein Buch geschrieben hat.

Der Volksmund weist noch auf die in Hattenhofen inhaftierten Russen hin

Anton Hauptmann: der Lagerkommandant in Hattenhofen.

Der Zusammenhang ist schnell erklärt: Haspelmoor war ein Außenlager von Puchheim. Anton Hauptmann war der erste Kommandant, der die Einrichtung und den Aufbau des Lagers, das sich in der Nähe des jetzigen Bahnhofs befand, überwachte. Im April 1915 bezog Hauptmann dann mit rund 1100 Gefangenen das Lager. Der Großteil der Kriegsgefangenen waren Russen. Unter anderem sollten sie für die Kultivierung des Haspelmoors eingesetzt werden. Merkwürdig modern mutet es dabei an, wenn Hauptmann die Kultivierung von einem „landschaftlich-ästhetischen Standpunkt“ aus bedauert: „[…] dabei sind auch botanisch bemerkenswerte Pflanzen verschwunden, ein reicher Stand von Vögeln und Wild ist vertrieben worden.“

Kontakt mit der Bevölkerung: Gefangene werden auf dem Friedhof im Ort beigesetzt. Einheimische schauen zu.

Hinweise auf ein Kriegsgefangenenlager findet man noch heute in Hattenhofen und Umgebung. Zum Beispiel wird ein kleiner Wasserlauf im Volksmund „Russengraben“ genannt. Er wurde wohl von den Gefangenen angelegt oder begradigt. Auch in Steinbach (Gemeinde Moorenweis), so Erzählungen von älteren Einwohnern, begradigten Russen den namensgebenden Bach im Ort. Es könne gut sein, dass die Kriegsgefangenen nicht nur direkt in Hattenhofen, sondern auch im Umkreis eingesetzt wurden, vermutet Drexler.

Auch im Tod waren Fremde und Einheimische nah beieinander – denn vier tote Russen wurden 1915 auf dem katholischen Friedhof beigesetzt. Sie starben an Vergiftungen durch die Pflanze Wasserschierling. Die Gefangenen aßen anscheinend bei der Arbeit im Moor Gräser, Laub und Blätter. Die Russen, so konstatiert Hauptmann, seien aus ihrer Heimat „an größere Mengen kompakter Lebensmittel […] gewöhnt als die Deutschen“.

Menschen aus München und Augsburg lauschten den Gefangenen-Chören

Ein Kuriosum: Das Kriegsgefangenenlager zog Besucher von auswärts an. Der Grund waren große, „bis zu 700 Mann starke“ Chöre der Gefangenen, die abends sangen. „An schönen Tagen kamen dieses Gesanges wegen öfters Leute von München und Augsburg heraus“, schreibt Hauptmann.

Baracken und ein Zaun: Ein Archivbild zeigt das Kriegsgefangenenlager im Haspelmoor.

Inwieweit die Aufzeichnungen von Hauptmann historische Tatsachen wiedergeben, ist unklar. Teilweise sind seine Aussagen nicht verifizierbar. Denn die anderen, wenigen Quellen, die es über das Haspelmoor-Lager gibt, sind dünn. „Es kommt mir aber ziemlich glaubhaft vor“, sagt Drexler zu Hauptmanns Texten.

Diese reichen bis September 1915. Nachdem sein Sohn in Frankreich gefallen war, ließ sich Hauptmann wegversetzen. Damit endet der Einblick in das Kriegsgefangenenlager. Gern würde Drexler noch mehr erfahren, wie es zum Beispiel im Hungerwinter 1917 um die Gefangenen bestellt war. Andere detaillierte Quellen gibt es fast nicht. Drexler sagt: „Generell muss man davon ausgehen, dass das Lager 1918 aufgelöst wurde und die Gefangenen fast alle abgezogen sind.“

Beziehungen zwischen Inhaftierten und Bewachern waren entspannt

Fast pittoresk scheint eine literarische Szene, die eine Arbeitseinsatz der Gefangenen beschreibt. Der Münchner Arzt und Schriftsteller Felix Schlagintweit beschreibt in seinem bekannten Buch „Ein verliebtes Leben“, wie er einmal auf einem Jagdausflug Internierte bei der Feldarbeit in Hattenhofen beobachtete.

Ein junger russischer Gefangener hatte Probleme mit seiner Sense. Kurzerhand nahm ein deutscher Soldat ihm diese ab, hängte dem Russen sein Gewehr und seine Pfeife um und wetzte die Sense selber. Die Beziehungen zwischen Bewachern, Einheimischen und Kriegsgefangenen lief demnach also wohl relativ entspannt ab, stellt Kreisheimatpfleger Toni Drexler fest.

von Fabian Dilger

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