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Ludwig Koschier als Bub in Hattenhofen.

Hattenhofen

Erinnerung an die Kindheit auf dem Dorf: Jeder schaute auf jeden

  • Helga Zagermann
    vonHelga Zagermann
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17 Jahre lang lebte Ludwig Koschier in Hattenhofen, er verbrachte dort seine Kindheit und Jugend. Jetzt blickt der heute 80-Jährige zurück: Er schreibt seine Erlebnisse der Hattenhofener Zeit auf.

Hattenhofen/Berchtesgadener Land –  An den Geschichten sollen sich Verwandte erfreuen, aber auch Interessierte. Wer miterlebt habe, wie es damals auf dem Dorf war, der erinnere sich bestimmt gerne daran, sagt Koschier. Und für die jüngere Generation biete sich ein lehrreicher und unterhaltsamer Einblick.

Koschier ist gebürtiger Kärntner. Als er acht Monate alt war, zogen seine Eltern nach Hattenhofen – sein Vater hatte die Stelle eines Arbeitsdienstführers im Lager Haspelmoor bekommen. Er starb 1944 im Krieg, die Mutter heiratete einen Bauerssohn aus Hattenhofen.

Seine Kindheit auf dem Dorf beschreibt Koschier als „gut behütet durch die Mutter“. Trotzdem wurden natürlich einige Streiche angestellt, wenngleich auch die jeweiligen Nachbarn dafür sorgten, dass es Kinder und Jugendliche nicht zu bunt trieben. „300 Leute lebten damals in Hattenhofen“, sagt Koschier. „Da schaute jeder auf jeden.“

Eine Geschichte, die Koschier schon fertig geschrieben hat, beschreibt eine seiner schönsten Erinnerungen. Sie heißt „Der Limonaderer von Saubach“ und erzählt, welches Glücksgefühl damals eine Flasche Limo auslöste (Geschichte im Kasten). „Fast alle konnten sich damals Limo leisten“, erinnert sich der 80-Jährige. „Trotzdem war es etwas Besonderes.“

Ludwig Koschier heute

Schon vor 30 Jahren hat Koschier angefangen, sich Notizen über sein Leben zu machen. Jetzt will er erst einmal die Hattenhofener Zeit ins Reine schreiben. Etwa 30 Seiten sind schon entstanden, schätzt er. Im Laufe des Jahres möchte er fertig werden. Deshalb sitzt er jeden Tag bis zu zwei Stunden am Computer. Das Schreiben kann er: Nach einer Lehre im Eisenhandel, die ihn mit 18 Jahren von Hattenhofen nach München brachte, arbeitete er zuletzt als Logistikleiter einer Firma für Sanitär, Heizungen, Eisenwaren sowie Stahlhandel und verfasste nebenbei Artikel für Fachzeitschriften.

Nach langen Jahren in München mit seiner Frau, einer Münchnerin, war das Paar dann aus beruflichen Gründen in den Landkreis Berchtesgadener Land gezogen. Einmal im Jahr ist Koschier in Hattenhofen beziehungsweise im Landkreis Fürstenfeldbruck. Eine seiner beiden Schwestern lebt in Bruck, in Hattenhofen besucht er Tochter und Sohn von Innozenz Karner: Der kürzlich mit 83 Jahren Verstorbene war der Neffe von Koschiers Stiefvater. Und der 80-Jährige geht auch auf den Friedhof: Seine Mutter und sein Stiefvater sind in Hattenhofen begraben. Bei den Besuchen vor Ort frischt Ludwig Koschier Erinnerungen auf – um dann daheim weitere Geschichten zu Papier zu bringen. Auch für seine beiden Söhne.

Wie er die Geschichten in Hattenhofen an die Leser bringen könnte, weiß der 80-Jährige noch nicht. Vielleicht nimmt er mal Kontakt zum Bürgermeister auf.

Die Geschichte vom Limonaderer vom Saubach

Als ich ein Kind im Alter von sieben oder acht Jahren war, war mir nur das Dorf Hattenhofen vertraut, in dem ich mit meiner Mutter, zwei Schwestern und dem Stiefvater wohnte. Jedoch hatte ich schon von einem Nachbarort Oberschweinbach, landläufig Saubach genannt, gehört, denn dort befand sich eine kleine Limonadenproduktion. Dieser Limonaderer Wolf, ein freundlicher Mann im graublauen Arbeitskittel, kam alle vier Wochen mit seinem kleinen Lastwagen auch zu uns, und fragte in jedem Haus nach dem Bedarf. Und, wenn ja, so wurde ein halbes oder auch ganzes Tragl abgeladen. Wir Kinder beschauten uns die Schätze auf dem Wagen und durften wohl auch, wenn Mutter es erlaubte, eine erste Flasche aufmachen. Herrlich schmeckten die ersten Schlucke, und noch heute fühlt mein Gaumen das Prickeln. Orangen und Zitronengeschmack war dabei oder die roten Himbeerkracherln. 

Die Flaschen, das Tragl, wurde in den Keller gebracht. Und an heißen Tagen schlich ich mich manchmal dorthin, um aus einer Flasche zu trinken. Wolf hatte seinen Stellenwert bei uns Kindern. Im Übermut hing ich mich sogar einmal an die Bordwand seines anfahrenden Autos und lief mit. Jedoch konnte ich nicht Schritt halten mit dem Fahrzeug, welches schnell beschleunigte, sodass ich die Bordwand auslassen musste. Ich stürze mit der blanken Brust auf die Sandstraße. Mein Geschrei war groß, und der erste Schmerz auch. Wir Kinder waren im Sommer barfuß unterwegs und hatten nur eine Hose an. Mutter war natürlich sofort zur Stelle und half und tröstete mich, war sie doch sehr froh, dass nicht mehr passiert war. Im Jahr 1950 wurde unsere Kirche renoviert. 

Der Lehrer malte ein Bild vom Ort an die Decke. Viele Stellen im Innenraum wurden vergoldet und es gab viel Arbeit. Auch wir Kinder halfen mit beim Abnehmen und Tragen der Gegenstände. Ich war inzwischen elf Jahre alt geworden und konnte gut gebraucht werden. Herrlich war dann eine Pause, als der Mesner uns jedem eine Flasche Limonade als Zeichen des Dankes in die Hand drückte. Da lagen wir auf der Wiese und tranken und tranken, bis der Bauch voll war. Schlaraffenland! Ja, die Limonaden vom Wolf, die waren etwas wert für uns. (Ludwig Koschier)

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