„Man kann nicht mehr draußen sitzen, das geht einfach nicht“: Jörg Sändig in seinem Garten in Hattenhofen. Von hier ist es etwa ein Kilometer Luftlinie zum „Jagdparcour Oberbayern“.	Fotos: Peter Weber
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„Man kann nicht mehr draußen sitzen, das geht einfach nicht“: Jörg Sändig in seinem Garten in Hattenhofen. Von hier ist es etwa ein Kilometer Luftlinie zum „Jagdparcour Oberbayern“.

Hattenhofen

Ärger um Schießplatz: „Das ist wie im Krieg“

  • Fabian Dilger
    vonFabian Dilger
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Seit rund zwei Jahren gibt es Streit um den „Jagdparcour Oberbayern“ in Hattenhofen und die Lautstärke der Schüsse dort. Wie im Krieg, sagen die Anwohner. Alles im Rahmen, sagt das Landratsamt. Der Betreiber will sich nicht äußern. Vor allem die Anzahl der Schüsse steht im Fokus.

Hattenhofen – „Frontlinien-Anwohner“ nennt sich Jörg Sändig. Eine Beschreibung, die Sändigs Sicht der Dinge gut bündelt. Der 52-jährige Spezialist für Compliance-Fragen wohnt an der Hattenhofener Eichenstraße. Gut ein Kilometer Luftlinie zum „Jagdparcour Oberbayern“. Und von dort kommt der Beschuss, den Sändig erdulden muss, der sein Leben zuhause teilweise unerträglich macht, wie er sagt: „Man kann nicht mehr draußen sitzen, das geht einfach nicht. Das ist wie im Krieg.“ Sändig spricht auch für einige seiner Nachbarn. Denn zwischen „Jagdparcour“-Betreiber Florian Gmeiner, Hattenhofener Anwohnern und dem Landratsamt in Fürstenfeldbruck gibt es zwar keinen Krieg, aber gütlich sind die Auseinandersetzungen nicht mehr.

Neuer Betreiber, mehr Lärm

Die Front hat sich erst in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut. Jahrzehntelang gab es ein normales Verhältnis zwischen „Jagdparcour“ und Hattenhofenern. Doch dann übernahm die Eigentümerfamilie Gmeiner den Betrieb am Schießplatz wieder selbst. Und seitdem wird mehr geschossen, das sagen Anwohner und Gemeinde unisono.

„Die vorherige Betreiberin hat die Möglichkeiten bei Weitem nicht ausgenutzt. Herr Gmeiner macht das“, sagt Sändig. „Von der Quantität her hat der Schießbetrieb stark zugenommen“, sagt auch Hattenhofens Bürgermeister Franz Robeller (UWG Haspelmoor). Ebenfalls steigend: Die Anzahl der Beschwerden, die bei der Gemeinde einlaufen. Robeller ist deswegen schon öfter beim Betreiber vorstellig geworden, ohne Ergebnis.

Derzeit wird aufgrund des Lockdowns weniger geschossen. „Man muss fairerweise sagen, es gibt Zeiten, wo nicht so viel los ist“, sagt Sändig. Aber wenn im vergangenen Jahr schönes Wetter war, dann sei das Schießen nicht zu ertragen gewesen: „Ich konnte meine Terrasse und meinen Garten nicht mehr vernünftig benutzen.“ Bis ins Haus hinein höre man den Lärm. Man sei nach diesem Dauerbeschuss sensibilisiert.

Das ist auf der Anlage geboten: Auf dem Foto von Juni 2019 ist zu sehen, wie auf Tontauben geschossen wird.

Sändig, der Kritik und selbst Ärger immer sehr sachlich vorträgt, macht diesen Umstand nicht so sehr dem Betreiber zum Vorwurf. Dass man betriebswirtschaftlich das Maximum herausholen wolle, sei nachvollziehbar.

Richtwerte werden eingehalten

Das Maximum – das wird in diesem Fall durch die sogenannten Immissionsrichtwerte definiert. Das heißt, im Hattenhofener Süden darf ein bestimmter Dezibel-Wert nicht überschritten werden. Kontrolliert wird das vom Landratsamt Fürstenfeldbruck als zuständiger Behörde. Und es gibt ein Gutachten von Juni 2020, für das diese Werte berechnet wurden. Dieses Gutachten kommt zum Schluss: Die Richtwerte werden eingehalten.

Streitpunkt Schussanzahl

Dieses Gutachten, das dem Tagblatt vorliegt, hat aber aus Sicht der Anwohner eine entscheidende Schwachstelle. Die Sachverständigen errechneten die Lärmbelastung auf Basis einer Schussanzahl von 2200 Stück. So oft wird dort laut Betreiber pro Tag geschossen, steht im Gutachten. Diese Schussanzahl kann aber unmöglich stimmen, sagen Sändig und seine Nachbarn – es werde deutlich öfter gefeuert. Um ihre Sicht der Dinge zu belegen, haben sie Tonaufnahmen angefertigt. Rund 20 Schuss pro Minute hört man auf diesen. Zudem sind im Gutachten die Betriebszeiten falsch angeführt.

Anwohner enttäuscht von Landratsamt

Alle ihre Beschwerden und Hinweise haben die Anwohner auch dem Landratsamt mitgeteilt. Immer und immer wieder. Selbst wenn öfter geschossen werde, gäbe es immer noch genug Spielraum bei den Immissionsrichtwerten, teilte das Landratsamt schließlich ohne genauere Erklärung Ende 2020 mit.

Es gibt eine Aktennotiz aus der Kreisbehörde, die dem Tagblatt vorliegt. Der Sachbearbeiter schreibt darin abfällig: Die Beschwerden seien seiner Ansicht nach auf einen „Homeoffice-Koller“ zurückzuführen.

Auch auf Presseanfragen des Tagblatts reagiert das Landratsamt teils ausweichend und blockierend. Immerhin hat die Behörde mittlerweile mit dem Betreiber gesprochen und ihn darauf hingewiesen: 2200 Schüsse, mehr nicht pro Tag.

Das Tagblatt fragte zu diesem Gespräch dreimal in der Behörde nach: Wurde der Betreiber befragt, ob früher mehr geschossen wurde? Was hat er dazu gesagt? Dreimal gab es keine inhaltliche Einlassung des Landratsamtes. „Bei dem Gespräch ging es um die bereits genannte Schusszahl von 2200“, lautete etwa eine der nichtssagenden Antworten.

Passend dazu sagt Jörg Sändig zum Thema Kommunikation: „Wenn überhaupt, dann wird erkennbar unwillig reagiert.“ Man müsse um Auskünfte „betteln“ bei der Kreisbehörde.

Indiz für höhere Schussanzahl

Jahrzehntelang gab es ein normales Verhältnis zwischen „Jagdparcour“ und Anwohnern – jetzt gibt’s viel Ärger.

Interessant ist: Es gibt sehr wohl ein Indiz, das für eine höhere Schussanzahl in der Vergangenheit spricht. Es ist eine Aussage des Betreibers Florian Gmeiner selbst. Auf Tagblatt-Anfrage erklärte Gmeiner zur gesamten Thematik zwar kategorisch: „Wir werden keine Auskunft darüber geben.“ Aber in der Fachzeitschrift „Jagd erleben“ erschien Anfang März 2021 ein Bericht über das Gespräch zwischen Vertretern des Landratsamts und Gmeiner. Titel des Artikels: „Jagdparcour: Landratsamt begrenzt Schießbetrieb auf 2200 Schuss“. Zitat aus dem Text: „Nur 2200 Schuss am Tag sollen demnach auf den Flintenständen abgefeuert werden, erklärt der Besitzer Florian Gmeiner. (…) Man prüfe allerdings rechtlich derzeit die Möglichkeiten, gegen die Einschränkung vorzugehen, berichtet Gmeiner.“

Von „Einschränkung“ ist hier die Rede und von nur „2200 Schuss“. Anwohner Sändig sagt zu dem Artikel in der Fachzeitschrift: „Der Betreiber gibt ja da eigentlich zu, dass massiv mehr geschossen wird.“

Und wie ist dann die Schussanzahl im Gutachten zu erklären? Diese 2200 Schuss waren ja Betreiber-Angaben.

Politiker reagieren nicht

Offene Fragen, für die sich bisher kaum ein Politiker außerhalb der Gemeinde Hattenhofen zuständig fühlte. Anwohner Sändig schilderte Landrat Karmasin das Problem im März 2019, er hat zudem die CSU-Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler und den CSU-Landtagsabgeordneten Benjamin Miskowitsch angeschrieben. Immerhin Miskowitsch hat sich gemeldet und will ein gemeinsames Gespräch organisieren – nach dem Lockdown.

Dabei würde Schießplatz-Anwohner Jörg Sändig sich vor allem eines wünschen: Dass die Politiker einmal selbst vor Ort den Schusslärm aushalten: „Die sollen hier rauskommen und sich mit mir hier hinstellen und mir erklären, das ist so in Ordnung.“

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