Bei den Luftangriffen auf Hattenhofen und Haspelmoor sterben fünf Menschen. Tiere gehen in den Ställen zugrunde. Höfe brennen ab. Auch der von Bürgermeister Eberl.

Serie zur Stunde Null

Kriegsende 1945: Das Inferno von Hattenhofen

  • Tobias Gehre
    vonTobias Gehre
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Es war ein Ende mit Schrecken. Während die meisten Orte im Landkreis beim Einmarsch der Amerikaner glimpflich davon kamen, brach über Hattenhofen ein Inferno herein. Monika Kling war damals noch ein Kind und verstand nicht alle Zusammenhänge. Der Angriff auf ihren Ort hat sich aber tief in ihr Gedächtnis eingebrannt – immerhin hätte die SS fast auch noch ihre Oma erschossen.

Hattenhofen – Die Delle im Boden neben dem Apfelbaum erinnert Monika Kling noch lange an die grauenvollen Momente Ende April 1945. An dieser Stelle haben sie Ackergaul Fuchs verscharrt. Eine Bombe der Amerikaner hatte seinen Stall zerfetzt. Das Pferd hatte keine Chance. „Der Fuchs“, sagt Monika Kling 75 Jahre später und seufzt. „Er war so gutmütig. Alle haben ihn gemocht.“

Bombenhagel

Hattenhofen hat es schwer getroffen in den letzten Kriegstagen. Der kleine Ort wurde von der US-Luftwaffe beschossen. Menschen und Tiere kamen im Bombenhagel ums Leben. Die Geschehnisse in dem Dorf an der wichtigen Verbindungsstraße nach Augsburg sind außerordentlich gut dokumentiert. Monika Klings Vater Andreas Eberl war zu jener Zeit Bürgermeister in Hattenhofen und hat die Ereignisse aufgeschrieben.

Truppenbewegungen

Dass dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen war, ahnten sie in Hattenhofen schon lange. „Die Staatsstraße wurde belebter. Es bewegten sich Truppen aller Art. Die feindlichen Flieger wurden zahlreicher“, schreibt Bürgermeister Eberl. Im Radio erfahren die Menschen nicht viel Neues. „Wir durften die Auflösung des deutschen Heeres nicht erfahren.“

Traurige Pflicht

Am 25. April kommt der Krieg dann zum ersten Mal in die Gemeinde. Eberl, der auch Land- und Gastwirt ist, schlachtet gerade ein Schwein, als die Bomben auf den Ortsteil Haspelmoor fallen. Als Bürgermeister sieht er es als seine Pflicht, seinen Bürgern zu Hilfe zu eilen. Es ist eine traurige Pflicht. Ein siebenjähriges Kind ist tot, einem Feldarbeiter wird der Fuß abgerissen. Der Mann stirbt kurz darauf.

Luftpumpe für die SS

Zwei Tage später rückt die SS im Ort ein. Eine Begegnung, die Monika Kling gut in Erinnerung geblieben ist. Der Wagen des Generals hat einen Platten – Klings Großmutter die einzige Luftpumpe. „Wollt’s den General aufpumpen?“, fragt die Oma flapsig. Diese Äußerung kostet sie fast das Leben. Ein Leutnant erklärt dem Sohn aufgebracht: „Wenn Ihre Mutter nicht so alt wäre und nicht bereits zwei Söhne für den Führer gefallen wären, hätten wir sie erschossen.“

Immer mehr Evakuierte

Doch nicht nur die Angst vor den bisherigen Machthabern und die Furcht vor dem sich nähernden Feind wirbeln den Alltag der Hattenhofener kräftig durcheinander. Denn das Dorf muss immer mehr Menschen versorgen – Evakuierte, hauptsächlich Mütter mit Kindern, Kriegsgefangene, mehrere hundert Männer vom Arbeitsdienst sowie Ärzte und Sanitätspersonal aus einem in Haspelmoor abgestellten Lazarett-Zug.

Halber Ort in Flammen

Das Schlimmste steht dem Ort aber noch bevor. Am 29. April greifen die Amerikaner erneut aus der Luft an. Bürgermeister Eberl ist gerade auf dem Heimweg, als die Flugzeuge über das Dorf donnern. „Auf einmal prasselte es von Bordwaffen und Ketten von Fünf-Kilo-Bomben, dass ich nicht mehr wusste, woraus und wohin“, notiert der Rathaus-Chef.

Acht Flugzeuge nehmen Hattenhofen ins Visier. Völlig geschockt muss Andreas Eberl mit ansehen, wie sein Hof in Flammen aufgeht. Als der Angriff vorbei ist, zeigt sich das verheerende Ausmaß der Attacke: Drei Menschen sind tot. 40 Rinder gehen in Eberls Stall zu Grunde. Die halbe Ortschaft steht in Flammen – darunter 16 Wirtschaftsgebäude und drei Wohnhäuser. Ausgebüxte Tiere irren durch die Straßen.

Acht Stunden Verhör

Wenig später rücken die amerikanischen Soldaten in dem kleinen Ort an der großen Straße ein. Acht Stunden verhören sie Bürgermeister Andreas Eberl. Daran kann sich seine damals erst fünfjährige Tochter noch heute gut erinnern. „Er war kein Nazi“, sagt Monika Kling. Das merken schließlich auch die Amerikaner und lassen ihn gehen.

Doch Andreas Eberl hat auch seinerseits noch eine Frage an die neuen Machthaber: „Warum habt ihr unseren Ort kaputt gemacht“, will er wissen. Die Antwort des amerikanischen Offiziers: „So lange der Krieg nicht aufhört, wird vernichtet und zerstört.“ Neun Tage später ist der Krieg vorbei dann endgültig vorbei.

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