Brucker erzählen

Heilig Abend gestern und heute

Fürstenfeldbruck - Welche Traditionen wurden früher zu Weihnachten gepflegt, welche haben sich bis heute gehalten? Welche Bedeutung spielt der Kräuterbuschen an Heilig Abend und warum wurde in manchen Großfamilien an den Feiertagen gewichtelt? Im Tagblatt erinnern sich Brucker an die Festtage vergangener Zeiten:

Socken stricken: Sigrid Emmerich wuchs bis zur Vertreibung im Jahr 1945 in Ostpreußen auf. Dort galt in der Adventszeit Tanzverbot. An den Abenden wurde bei Kaminfeuer fleißig gestrickt, gehäkelt und gesponnen

Wenn Sigrid Emmerich an ihre Kindheit in Ostpreußen zurückdenkt, erinnert sich die Wahl-Bruckerin auch heute noch an das Knistern der Holzscheite, das Glühen der Kohlen im Ofen und daran, wie die Frauen abends beisammen saßen und in ihre Handarbeiten vertieft waren. „Man durfte während der Adventszeit nicht tanzen“, sagt die 81-Jährige. Um die Zeit still und sinnvoll zu nutzen, sponnen die Frauen Schafwolle, webten daraus hübsche Gürtel und strickten Socken. Das hat Sigrid Emmerich bis heute nicht verlernt. 

Die Hoftiere reden hören

In einem alten Hefterl ihrer ehemaligen evangelischen Pfarrgemeinde stieß sie auf einen weiteren Brauch, den sie damals in Königsberg als Grundschülerin noch miterlebt hat: „Am Heiligen Abend sammelten sich nachmittags die Stadtmusikanten im Schlosshof und zogen in Gruppen strahlenförmig in die Stadt“, erzählt die 81-Jährige. Es gab auch kulinarische Bräuche: Vielerorts aß man zum Fest ein Erbsengericht, fütterte auch das Geflügel mit Erbsen und Erbsenstroh. „Das sollte Mensch und Tier Segen bringen.“ Noch um die Jahrhundertwende wurden Tierfiguren gebacken und am Weihnachtstag das Vieh damit gefüttert. Der Legende nach konnte man die Tiere dann belauschen und verstand ihre Sprache.

Geschenke aus dem Nikolaus-Sack

Die Familie um die Bruckerin Jeanette Scherer traf sich an den Feiertagen immer bei den Großeltern in Altenmarkt an der Alz (Kreis Traunstein). „Da kamen bis zu 20 Leut’ bei meiner geliebten Omimi zusammen“, erzählt die 56-Jährige. Quasi ein bunter Haufen an Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins, Neffen und Nichten. „Bei so viel Verwandtschaft ist es schwierig, für jeden ein Geschenk zu besorgen. Also kamen wir auf die Idee, jedes Jahr ein Weihnachtswichteln zu veranstalten“, erzählt sie. Jeder kaufte ein Geschenk für ungefähr 15 Mark – etwas, das ihm selber auch gefallen würde – und verpackte es hübsch. Wenn die Familie bei den Großeltern eintrudelte, stand der Nikolaus-Sack schon vor der Haustür und jeder legte sein Geschenk hinein. „Manchmal durfte der Älteste beginnen, ein anderes Mal der Jüngste. Wir haben es auch ausgewürfelt“, erinnert sich Jeanette Scherer. „Beim Auspacken war’s dann totenstill, das war richtig aufregend“, sagt sie und lacht. Einmal erwichtelte sie ein Erbstück, das ihr am Herzen liegt – ein Ketterl, das sie immer schon haben wollte. „Es ist ein Erinnerungsstück an meine liebe Omimi.“

Wenn der Onkel Schminke bekommt

Es kam natürlich auch vor, dass die ein oder andere Gabe nicht zum Beschenkten passte. Dann kam erst richtig Gaudi auf. Zum Beispiel, als der Onkel ein Schminkset mit Wimpernzange, und –tusche sowie dem passenden Kajalstift öffnete und mit diesem „eigenartigen Werkzeug“ gar nichts rechtes anzufangen wusste. Zu dieser komischen Zange mochte ihm einfach keine passende Verwendung einfallen. Mit dem Tod des Großvaters schlief der Wichtelbrauch allerdings ein. Doch so ganz ohne war Weihnachten für Scherer nicht dasselbe. Deshalb brachte sie den Brauch ihren Kollegen in einer Arztpraxis näher.

Alte Bräuche neu aufleben lassen

Genau so wie früher ist es freilich trotzdem nicht. Hatte doch die Großmutter damals gern aus den alten Zeiten erzählt. Geheimnisvoll berichtete sie, wie sie in der Adventszeit nächtelang Socken und Schals für die Bauern strickte und damit ein regelrechtes Tausch-Netzwerk aufbaute. Als Gegenleistung für die Wärmebringer bekam sie alle Zutaten, mit denen sie ihren Kindern wenigstens ein paar Platzerl backen konnte. Im Jahr 2015 mangelt es der Enkelin Jeanette Scherer freilich nicht an Mehl, Eiern und Milch. Doch heuer wollte sie etwas Besonderes ausprobieren. Statt Plätzchen hat sie Eierlikör selbst gemacht. „Den fülle ich in schöne Flaschen und verschenke ihn – vielleicht wird das ja der Brauch, den ich künftig zu Weihnachten pflege“, sagt sie.

Der Punsch braucht die richtige Mischung

Punsch trinken: Ludwig Gascher war als junger Bursche oft schon vor der Bescherung beschwipst.

Während Jeanette Scherers Bekannter Ludwig Gascher sich ein Gläschen genehmigt, fällt ihm ein Schwank aus früheren Tagen ein. „Als Jugendlicher durfte ich immer den Punsch für Heilig Abend zubereiten“, erinnert sich der Vorsitzende der Senioren-Union. „Natürlich musste ich den sehr oft abschmecken, bis ich das rechte Mischverhältnis zwischen Rotwein, Rum, Zucker und Gewürzen beieinander hatte“, erzählt der 67-Jährige und lacht. Die Folge: Zur Bescherung hatte Ludwig Gascher so manches Mal schon einen leichten Schwips. Das hatte aber auch so seine Vorteile. Denn wenn endlich das Glöckerl geklingelt hat und ein Geschenk mal nicht so recht seinen Geschmack traf, dann war er wegen der Vorarbeit, die er in Sachen Punsch geleistet hatte, eh schon längst entspannt und gut gelaunt.

Böse Geister ausräuchern

Zimmer ausräuchern: Maria Röhl, die Schwester von Alt-OB Sepp Kellerer, kann sich noch genau an die Prozedur auf dem elterlichen Hof in Aich erinnern. Dazu brauchte man Glut aus dem Ofen in der Stube, den geweihten Kräuterbuschen von Maria Himmelfahrt und Weihrauch.

Während Gascher den Punsch anrührte, wurde bei der langjährigen Stadträtin und Schwester des Alt-OB Sepp Kellerer, Maria Röhl (75), in Aich geräuchert – ein Brauch, der in den meisten Bauernhäusern üblich war. In einen blechernen Eimer kamen die Glut aus dem Ofen, Weihrauch und der gesegnete Kräuterbuschen von Maria Himmelfahrt. „Man ging gemeinsam durch den Stall und die Wohnräume, um Krankheiten und Unheil fernzuhalten“, weiß Röhl. Auf dem elterlichen Hof in Aich begann die Prozedur abends, eine Stunde vor der Bescherung. „Der Vater ging mit dem Weihwasserkessel vorweg, hinter ihm der Knecht mit dem Blecheimer, dann meine drei Geschwister Lotte, Hedwig, Sepp und ich“, erinnert sich Röhl. Während des Rundgangs wurde mit dem „Vater Unser“ und „Gegrüßet seist Du Maria“ um Gesundheit für Mensch und Tier gebetet.

Weißwurst-Essen nach der Mette

Der Ablauf hatte auch einen positiven Nebeneffekt. Während Hausherr, Kinder und Gesinde beschäftigt waren, hatte die Mutter Zeit, den Baum zu schmücken. „Zum Auspacken gab’s Punsch und Platzerl, danach sind wir wach geblieben bis zur Christmette.“ Erst nach dem Mitternachtsläuten wartete eine Stärkung in Form von Weißwürsten. „Darauf haben wir uns narrisch gefreut, weil wir von der Kirch’ immer recht durchgefroren waren“, erzählt Maria Röhl. Die alten Tage sind freilich längst vergangen. Aber Weihnachten ist für sie deshalb nicht weniger schön. Den Brauch des Räucherns hat sie einfach durch einen neue Tradition ersetzt. So gibt es an Weihnachten zwar keine Kräuterbuschen mehr. Dafür brät sie am 25. Enten und lädt die Familie zum Schmaus ein. (Angi Kiener)

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