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Fingerzeige: Der Grafrather Ernst Meßmer in St. Rasso vor einem Schaukasten mit Votivgaben, darunter auch Harnsteine.

Der heilige Graf und das Wunder der Steine

Grafrath - Sie kamen, um geheilt zu werden: Abertausende pilgerten einst zur Kirche des heiligen Rasso, um ihre Unterleibsleiden zu kurieren. Die Harnsteine, die sie als Dankesgaben spendeten, hat nun ein Arzt untersucht – und Erstaunliches entdeckt.

Die Mutter vom kleinen Frantz Adam ist verzweifelt. Es ist das Jahr 1678, und seit Wochen wälzt sich ihr Bub „wie ein Wurmb“ auf dem Boden – vor Schmerzen. Er leidet an „grieß“, an Harnsteinen in seiner Blase. Sie sind so groß wie Sandkörner und bereiten ihm Höllenqualen. Die Frau aus Kirchheim probiert ihre Hausmittel durch, Bäder und Getränke, „aber alles umbsonst“. Dann vertraut sie das Schicksal ihres Sohnes dem heilgn Rasso an. Sie gelobt, eine Wallfahrt zu dessen Grabkirche zu machen – und dem kleinen Frantz geht es von Tag zu Tag besser. Der Gries geht ab, die Schmerzen schwinden. Der Kleine ist geheilt. Ein Wunder.

Am 11. Mai 1678 wird das Gelöbnis eingelöst: Die Familie macht eine Wallfahrt zur Grabkirche St. Rasso im heutigen Grafrath im Kreis Fürstenfeldbruck. Dort schildert die Mutter die Heilung, spendet ein Wachsbild, drei Kreuzer und eine Votivtafel. Der Kaplan trägt das Wunder ins Mirakelbuch ein. Später verkündet es der Pfarrer von der Kanzel herunter. Als Beweis für die Wundertätigkeit des Heiligen.

Der "Steinschnitt" war lebensgefährlich

Die mirakulöse Heilung des kleinen Frantz war kein Einzelfall. Bis zu 100.000 Menschen aus Süd- und Ostbayern, aus Schwaben und Tirol pilgerten damals jedes Jahr ans Heiligengrab, wegen Stein-, Unterleibs- oder Bruchleiden. Graf Rasso war da längst tot, er lebte wohl im 9. Jahrhundert, in der Karolingerzeit. Der König hatte ihm das Gebiet zwischen Amper, Ammersee und Starnberger See anvertraut.

Warum ausgerechnet der „Graf Rath“, wie sie ihn bis ins 19. Jahrhundert nannten, nach seinem Ableben für solche Beschwerden zuständig war, ist unklar. Im Dunkeln liegt auch, wie so eine wundersame Genesung vor sich ging. Nur im äußersten Fall, das ist überliefert, schritten Bader oder Ärzte zum „Steinschnitt“ – ein chirurgischer Eingriff, der manchmal gelang, aber potenziell lebensgefährlich war.

Für Dankbarkeit bestand im Fall der Heilung also reichlich Anlass. So brachten die Pilger allerlei Gaben in die St.-Rasso-Kirche. Nicht nur Votivtafeln waren darunter, sondern auch bizarre Gegenstände: Bruchbänder, Krücken, Knochenstücke, Zähne – und viele Harnsteine, die abgingen oder herausoperiert wurden, in allen Größen und Formen. Einst zierten die Dankesgaben die Wände der Wallfahrtskirche. Wer heute einige davon sehen will, muss in die geheimen Räume der Kirche vordringen.

Dorthin unterwegs ist an diesem Tag der Lokalhistoriker Ernst Meßmer, 76, ein pensionierter Lehrer mit prägnantem Schnurrbart. Er steht mitten in der Kirche vor der umzäunten Grabplatte Rassos, die in den Boden eingelassen ist. Das Grab ist leer, die Gebeine des Heiligen ruhen in einem Reliquienschrein ein paar Meter weiter. Meßmer ist hier auch Organist, und das Rasso-Mysterium lässt ihn seit Jahren nicht los. Drei Bücher hat er über die Geschichte Grafraths und das Grab Rassos schon geschrieben. „Wenn man einmal Feuer fängt, brennt man weiter“, sagt er.

Dann geht es los. Meßmer schreitet zu einer unscheinbaren Holztür links hinter dem Altar und sperrt sie auf. Dahinter ist eine Steintreppe verborgen, sie führt auf die Empore – und mitten hinein in die kleine Wunderkammer der Wallfahrtskirche. Hinten an der Wand hängen dutzende gerahmte Votivtafeln aus der Zeit nach 1800. Die meisten zeigen Rasso in Rüstung auf einer Wolke, darunter einen knienden Pilger. Am unteren Rand der Bilder wird die Geschichte der jeweiligen Heilung geschildert. Ein Genesener dankt für die glücklich überstandene Operation.

Und es gibt richtig kuriose Zeugnisse von den Qualen der Wallfahrer. Meßmer dreht sich um und deutet auf einen alten Schaukasten an der anderen Wand. Neben Mini-Herzen, Beinchen und Ärmchen aus Silberblech sind darin sonderbare Amulette aufgereiht: linsen- bis walnussgroße Harnsteine, kunstvoll in Metall oder Glas gefasst. „Um etwas Ordung in die Fülle der Votivgaben zu bringen, haben die Mönche sie in alter Zeit in Kästen zusammengefasst“, erklärt Meßmer. Zwei davon sind in Grafrath geblieben, mit gut 200 Harnsteinen, 46 Knochenstücken und 18 Zähnen. „Es ist nur ein kleiner Restbestand“, sagt Meßmer. Der Großteil der Votivgaben wurde im Zuge der Säkularisation 1803 entfernt. 1857 verließen die restlichen Gaben den Kirchenraum. „Die Leute ekelten sich vor dieser doch recht speziellen Sammlung“, sagt Meßmer.

Vier Kinder aus Feldmoching genesen

Wie groß das Leid damals war, lässt sich in drei wertvollen „Mirakelbüchern“ nachlesen, in Leder gebundene Folianten voller wunderlicher Heilungsgeschichten. Rund 12.000 handschriftliche Einträge stehen in den Büchern, die damals in der Kirche auslagen und heute im Pfarrarchiv Grafrath lagern. Sie decken die Jahre von 1444 bis 1728 ab, säuberlich aufgelistet sind darin Wohnort, Geschlecht und Name der Kranken, dazu die Symptome, die Heilungsgeschichte und die Dankesopfer. Schon der erste Eintrag berichtet von einer Harnstein-Heilung: Gleich vier Kinder aus Feldmoching wurden plötzlich gesund, als ihre Eltern sich dem heiligen Rasso „anverlobten“ und eine Wallfahrt versprachen. Im Original steht: „In dem jar, als man zälet von Cristi gepurt Tausend vierhundert vnd im vier vnd viertzigsten jar, zuo feltmachin ist vier kinden geholffen worden an grosser kranchat des harm stains durch verhayssung her gen zum lieben sand grafrath.“

Die geheimnisvolle Sammlung zieht nicht nur Historiker und Volkskundler an. Inzwischen interessieren sich auch Ärzte für die Harnsteine von Grafrath. Der Starnberger Medizin- Professor Christoph Döhlemann, 72, hat sie mit moderner Technik untersucht – und Erstaunliches entdeckt. Ihm zufolge hatten die Leiden der einstigen Grafrather Wallfahrer ganz ähnliche Ursachen wie heutige Krankheiten in Entwicklungsländern. Die Mirakelbücher haben es Döhlemann angetan, schon als junger Student forschte er in ihnen für seine Doktorarbeit. „Zu dem Thema bin ich damals zufällig gekommen, aber es hat mich mein ganzes Leben nicht losgelassen“, sagt er. Vier Monate lang wohnte er bei den Franziskanern im Kloster Grafrath, forstete Tag für Tag die Mirakelbücher nach Berichten über urologische Leiden durch. Er fand rund 900 Einträge und schrieb seine Dissertation.

Aber eine Sache blieb ihm ein Rätsel. Ihm war aufgefallen, dass in gut zwei Drittel der Fälle Kinder von den Leiden betroffen waren. „Heute sind Harngries sowie Gallen-, Nieren- und Blasensteine vor allem eine Krankheit von wohlgenährten 40- bis 60-Jährigen“, sagt Döhlemann. „Bei Kindern taucht das nur sehr selten auf.“ Bereits vor 45 Jahren wollte er die Zusammensetzung der Steine untersuchen, doch war die Technik noch nicht ausgereift. „Ich hatte großen Respekt vor der Sammlung und wollte nicht riskieren, dass die Stücke beschädigt werden.“

Im Berufsleben verlor der Professor das Thema aus den Augen. Döhlemann arbeitete auf der Säuglingsstation an der Haunerschen Kinderklinik in München, forschte vor allem über Herzkrankheiten. „Für Harnsteine hatte ich keine Zeit.“ Das änderte sich nach einem Besuch in Grafrath, als Döhlemann schon emeritiert war. „Ich war in der St.-Rasso-Kirche und kam mit Ernst Meßmer ins Gespräch.“ Die Sache von einst gab Döhlemann keine Ruhe, er fragte, ob er die Mirakelbücher und die Harnsteine noch einmal sehen könne. Noch jetzt faszinierten sie ihn derart, dass er beschloss, ihrem Geheimnis auf den Grund zu gehen. „Es war ja noch nicht einmal klar, ob die Steine überhaupt echt sind.“

Angelika Ellert, eine medizinisch-technische Assistentin, kratzte für ihn mit einem Skalpell stecknadelkopfgroße Partikel von rund 130 Harnsteinen ab. Die winzigen Proben wurden im Mörser zermahlen und, nach Zugabe von Kaliumbromid, zu hauchfeinen Täfelchen gepresst. Im Fachlabor im Klinikum Großhadern ermittelten Experten dann deren Zusammensetzung mittels Infrarotspektroskopie. „Man durchleuchtet die Proben mit Infrarotlicht und erhält Absorptionsspektren, die typisch für jede Art von Verbindung sind“, erklärt Döhlemann.

Der Befund: Abgesehen von vier großen Steinen, die Gips enthalten, sind die Harnsteine echt. Eine genetische Veranlagung für Harnsteine bei der Bevölkerung der Gegend, die Döhlemann einst vermutet hatte, lag aber nicht vor. Dass so viele Menschen in der Gegend einst litten, lag vielmehr an schlechter Ernährung. Wie sich zeigte, enthalten die meisten Steine Ammoniumhydrogenurat – eine Komponente, die bei Steinleiden in Europa nicht mehr vorkommt. Aber: „Sie war früher in armen ländlichen Gegenden häufig und ist heute noch bei der armen Bevölkerung in Thailand feststellbar“, erklärt Döhlemann.

Mangelernährung wie heute in Thailand

Der Arzt glaubt daher, dass die Harnsteine der Grafrather Wallfahrer durch Mangelernährung entstanden sind: Zu wenig Eiweiß und zu wenig Flüssigkeit waren wohl die Ursachen. Man kennt das heute aus Thailand: Babys der armen Landbevölkerung bekommen dort wenig Muttermilch, dafür eine Zusatznahrung aus Reis und Bananenbrei. Und früher war es auch bei den hiesigen Bauern üblich, die Säuglinge mit Mehlbrei zu füttern, statt sie zu stillen. Auch Meßmer findet die Theorie schlüssig. „Die Bauersfrauen mussten ja nach der Geburt schnell wieder arbeiten“, sagt er. „Muttermilch bekamen die Säuglinge wenig, und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr wurde nicht geachtet.“

Döhlemann hat seine Forschungsergebnisse inzwischen im Fachblatt „Der Urologe“ veröffentlicht sowie in der März-Ausgabe der Heimatzeitschrift „Amperland“. Bis nach Asien hat das Thema für Aufsehen gesorgt. „Ich habe eine Einladung aus China erhalten, um in einem Vortrag meine Forschungen vorzustellen“, sagt Döhlemann. Doch ihm sei die Reise zu teuer und zu beschwerlich.

Nach Grafrath dagegen wird der Professor immer wieder kommen. Denn die Mirakelbücher werden gerade transkribiert und sollen in Kürze veröffentlicht werden. „Der erste Band ist bald fertig. Dann steht eine große Datenbank zur Verfügung, die sich auch unter Gesichtspunkten wie Verwandtschaftsverhältnisse und Ähnliches erforschen lässt“, sagt Döhlemann. „Das würde mich auch interessieren.“ Noch hütet St. Rasso viele Geheimnisse.

Marion Bischof

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